Nimmermüde

Ein Gespräch mit Sven Helbig, der beim diesjährigen DAVE-Festival zu Gast ist

DAVE, ausgeschrieben Dresden Audio Visual Experience, steht für ein jährliches Festival zur Belebung der Dresdner Clubkultur, veranstaltet seit 2014 durch den gleichnamigen gemeinnützigen Verein. Dieses Jahr steht unter anderem im Festivalprogramm Sven Helbig im Duo mit der Schweizer Weltklasseharfenistin Julie Campiche. Der gemeinsame Auftritt der beiden am 26. Oktober im objekt klein a  ist eher ein anlassbezogenes Projekt neben Sven Helbigs erneuter Kooperation mit Rammstein, seiner eigenen EP-Veröffentlichung »Tres Momentos« (Neue Meister) und einer Reihe weiterer Aktivitäten. Ihre bloße Aufzählung wäre vermutlich schon ausreichend, um genügend Aufmerksamkeit für sein DAVE-Gastspiel zu erzeugen, wenn sich nicht bei jeder Interviewverabredung zeigen würde, dass der nimmermüde Komponist auch ein immerkluger Komponist ist. Seine Weltbetrachtungen sind unbedingt zitierfähig.

SAX: Stichwort Rammstein, das schlicht nach der Band benannte jüngste Album vom Mai 2019 ist nicht deine erste Zusammenarbeit mit der Berliner Rockformation.
Sven Helbig: Mit Rammstein arbeite ich seit fünfzehn Jahren. Jedes ihrer Alben enthält Orchesterschnipsel, Chöre oder Blechbläser von mir. Ich habe auch schon im Schweizer Urnäsch Jodler im Ziegenstall für sie aufgenommen. Dass sie ihre aktuelle Bühnenshow mit der »Feuerwerksmusik« eröffnen, finde ich toll. Sie kennen die Geschichte. Sie wissen, dass Georg Friedrich Händels Orchesterkomposition anlässlich des Aachener Friedens entstanden war, nachdem die Kriegsparteien im Österreichischen Erbfolgekrieg, einem europaübergreifenden, blutigen Gemetzel, schließlich doch ihren Konflikt beilegen konnten. Eröffnet wurde die Londoner Uraufführung der »Feuerwerksmusik« von einhundertzehn Salutschüssen. Daran merkt man, wie interessiert die Band ist. Natürlich ist das nicht ihr Kern. Von meinen Beiträgen bleibt auch nur wenig übrig. Aber der Chor in »Mein Teil«, das Intro zu »Reise, Reise« oder jetzt auf »Rammstein« der Kirchenchor zu »Zeig dich« – das sind markante Stellen.

SAX: Wie läuft die Zusammenarbeit mit Rammstein ab? Gibt die Band vor, was sie möchte, oder sind das Vorschläge, die du einbringst?
Sven Helbig: Ich würde sagen, halbe-halbe. Das neue Album ist ein gutes Beispiel. Bei den Stücken, bei denen die Band meinte, dass dort ein Orchester benötigt wird, musste das Orchester den Gitarren weichen. Bei »Zeig dich« wiederum war überhaupt kein Chor vorgesehen und dann ursprünglich für den Schluss gedacht. Dem Produzenten gefiel das aber dermaßen gut, dass der Chor jetzt das Intro bildet. Jeder Vorschlag muss dann natürlich immer noch durch den Filter von sechs unwahrscheinlich starken Persönlichkeiten. Das macht die Band aber eben so unverwechselbar.

SAX: Die Vorwürfe gegen Rammstein sind dir sicherlich bekannt, dass sie angeblich verkappte Nazis seien. Vermutlich bist du anderer Meinung.
Sven Helbig: Ich teile die Vorwürfe absolut nicht. Wer freilich bloß mit einer Arschbacke im Leben sitzt, greift sich ein paar Steinchen von der Oberfläche und baut sich sein Türmchen. Die Wahrheit ist weitaus komplexer. Sicher, es wird eine bestimmte Ästhetik bemüht. Diese Strenge, die wurde aber nicht nur von den Nazis benutzt. Wenn ich einfach aus der Hosentasche argumentieren würde, findet sich dieses Element auch im Bauhaus. Und was die politische Seite angeht, habe ich viel größere Probleme mit unserer Nationalhymne. Dort singen wir den Text eines Dichters, der nachweislich ein überzeugter Judenhasser war. Da nützt es mir auch nix, wenn wir die erste Strophe weglassen. Okay, wir spielen auch Richard Wagner. Aber die Nationalhymne ist noch etwas anderes. Das ist die Essenz eines Landes. Man hätte das ändern können, nach dem Zweiten Weltkrieg, nach der Wiedervereinigung erneut. Und es hätte weiß Gott andere Dichter gegeben. Aber darüber spricht eben keiner, wer Hoffman von Fallersleben war. Dort liegen die Probleme, das sollte uns Sorge bereiten und nicht eine Band, die beim Singen das R rollt. Dass man sich als Künstler dennoch damit auseinandersetzen muss, wie man verstanden wird, das ist eine ganz andere Frage. Dazu habe ich noch keine endgültige Meinung, ich drücke mich etwas darum. Ich lebe in einer Welt, in der man sich darüber weniger den Kopf zerbricht. Das Privileg des Künstlers besteht darin, erst mal machen zu dürfen. Und seiner Bewertung wird er sich stellen müssen, aber Dinge von vornherein bleiben zu lassen, nur weil sich jemand erschrecken könnte, das halte ich für den falschen Weg. Wenn ich ins Dynamo-Stadion zum Fußball gehe, habe ich auch so meine Gefühle. Deshalb wird aber keiner aufhören, Fußball zu spielen.

SAX: Anlässlich des diesjährigen DAVE-Festivals wirst du im Duo mit Julie Campiche auftreten. Was darf das geneigte Publikum erwarten?
Sven Helbig: Die Frage des Veranstalters war, ob ich ein Projekt hätte, das stark auf elektronische Musik abhebt, aber in einer kleineren Besetzung. Ohne Streicher und ohne Chor wie bei meinem letzten Studioalbum »I Eat The Sun And Drink The Rain«. Und nun kam ich gerade aus Luxemburg, wo ich mit Julie Campiche aufgetreten bin. Wir haben im Rahmen eines Festivals einen Duoauftritt gespielt, fanden einen guten Draht zueinander und hatten sowieso verabredet, dass wir das wiederholen wollen. Sie spielt Harfe, angeschlossen an allerlei elektronische Effektgeräte. Ich mache ausschließlich elektronische Sachen dazu. Das DAVE-Festival ist der perfekte Anlass, das erneut zu versuchen. Wir werden ein weitgehend improvisiertes Konzert geben. Es wird vorher natürlich ein Probedurchlauf stattfinden, um zu sehen, wie weit und bis wohin wir den Bogen spannen können. Aber der Abend selbst wird rein improvisiert sein. Ich freue mich riesig, Julie Campiche ist eine virtuose Harfenistin. Aber sie holt das nicht bei jeder Gelegenheit aus dem Koffer, sondern versteht es, ihr Können dosiert einzusetzen.

SAX: Deine letzte eigene Schallplattenveröffentlichung war die EP »Tres Momentos«, eine Komposition für Streichorchester und Elektronik.
Sven Helbig: Das war ein Auftragswerk für das von Jan Vogler kuratierte Moritzburger Kammermusikfestival. Jan Vogler ist der Erste, der mich jetzt wieder nach Dresden holt, wo ich in den letzten Jahren nicht so viel zu tun hatte. Das freut mich sehr. Meine Komposition für ihn war »Tres Momentos«, ein dreiteiliges Streichquartett. Die Elektronik kommt massiv zum Einsatz, das wird wahnsinnig laut im Konzert und löst sich auf in einem Walzer. Zugrunde liegt der Dreischritt, der einem im Leben ständig begegnet. Im ersten Schritt entsteht ein flüchtiges Interesse. Zwei, drei Moleküle fahren einem in die Nase und die Aufmerksamkeit ist geweckt. Man geht der Sache nach, kommt ihr im zweiten Schritt näher, gibt plötzlich seine ganze Energie da hinein. Bis die Sache Struktur bekommt, erstarrt und reine Mechanik wird. Selbst wenn man das Ding abschaltet, entwickelt es eine Eigendynamik, die zum Kollaps führt. Im dritten Teil zieht man seine Schlüsse. Oder feilt sich besser einen Schlüssel, geht erneut los, nur um festzustellen, dass der Schlüssel beim nächsten Dreischritt nicht passt. Am Ende seines Lebens steht man da mit einem Schlüsselbund für Probleme, die nie wiedergekehrt sind. Man hat Erkenntnisse gesammelt, mit denen man höchstens seine Kinder noch langweilen kann.

SAX: Dass du dich als ein an der Dresdner Musikhochschule Carl Maria von Weber ausgebildeter klassischer Komponist elektronischer Musik zuwenden oder früher Schlagzeug in einer Jazzcombo spielen konntest, ist der Zeit geschuldet. Das Internet, das Geschichte nicht mehr eine Chronologie sein lässt, sondern in eine unendliche Häufung von Parallelereignissen verwandelt, sprengt jegliche Genregrenzen der Musik.
Sven Helbig: Ja, wir Musiker suchen ständig neue Anregungen und sobald man sein Smartphone anschaltet, überschlägt sich alles. Im Moment ist es schwieriger, Dinge auszublenden als nach Anregungen zu suchen wie früher. Dadurch entstehen ganz neue Möglichkeiten. Leider bleibt das Publikum hinter der Entwicklung zurück. Und da rede ich jetzt nicht von nerdigen Musikliebhabern oder Journalisten, sondern vom Otto Normalverbraucher, der abends nach Hause kommt, auf dem Heimweg schnell einkaufen geht und die Kinder von der Kita abholt; später kommt noch die Große aus der Schule, dann wird Abendbrot gemacht. Diese Menschen gibt es nämlich, ich vermute, das sind sogar die meisten. Was sie noch übrig haben für Musik, das nutzen sie eher, um sich Kontur zu geben. In diesem Durcheinander, das gerade herrscht, mit unsicheren Jobs, Finanzkrisen, Klimawandel und wer weiß was, brauchen sie etwas, worüber sie sich definieren können. Da beobachte ich, dass eher eine reaktionäre Tendenz eingesetzt hat und der Großteil des Publikums sich bei denen sammelt, die seit Ewigkeiten dasselbe machen. Das Rammstein-Phänomen sozusagen. Dort rennt heute jeder hin, im Unterschied zu den Anfängen. Risikofreude findet kaum noch Publikum. Es ist nicht so, dass das überbordende Internet dazu führt, dass jeder sich generell für alle Musik interessiert, weil alles immer verfügbar ist. 
Interview: Bernd Gürtler

Sven Helbig & Julie Campiche beim DAVE-Festival

26. Oktober, Objekt klein a, Karten an allen Vorverkaufsstellen
Hier Tickets zum Print@home
www.svenhelbig.com