"Wenn, dann ist das pro Petting"

Jens Friebe mit "Fuck Penetration" am 23. Januar im Ostpol

Vorn auf dem Albumcover die Moskauer Lomonossow-Universität, ein stalinistischer Prestigebau, nur breitgezogen, so dass das Gebäude jetzt wie Schloss Versailles in einem streng geometrisch angelegten Barockgarten steht, im Hintergrund eine spanische Armada, am Himmel darüber ein Feuerwerk. Wie das mit dem Albumtitel "Fuck Penetration" zusammengeht? Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Ausdeutungsspielraum genug jedenfalls, dass das Interview einen Bogen schlagen kann von den Freuden nonkoitaler Sexualpraktiken bis hin zur Zweisprachigkeit der Songtexte, zu Brexit und Regionalwahn.

SAX: Deine Plattenfirma feiert dich im Pressetext zum neuen Album als Champion der Albumtitel und nennt zwei herausragende Beispiele der Vergangenheit, "Das mit dem Auto ist egal, Hauptsache dir ist nichts passiert" sowie "Nackte Angst zieh dich an wir gehen aus". "Fuck Penetration" steht in dieser Tradition. Dummerweise scheiterte das Video zum Titelsong in den sozialen Medien. Zu provokant, hieß es.
Jens Friebe: Ich hatte mir schon gedacht, dass es leicht grenzwertig ist. Aber nicht, dass es so sehr ein Problem wird. Ich meine, provokant für wen? Doch nur für Riesenplattformen, die sich davor schützen müssen, pornographisch gekapert zu werden. Publikum, das Netflix schaut, schaut jeden Tag Serien, wo drei Mal pro Minute 'fuck' gesagt wird. Das ist überhaupt nicht mehr provokant. Eher vielleicht noch die These 'fuck penetration', die natürlich auch nicht eins zu eins genommen werden darf. Ich will den Leuten ganz sicher nicht ausreden, Penetration zu haben. Sondern aufmerksam machen, dass das eine Möglichkeit unter vielen anderen und auch sehr schönen ist. Wenn, das ist das mehr pro Petting. Wobei man Petting nicht mehr sagt. Das ist ein Bravo-Wort der achtziger Jahre.

SAX: Deshalb darf man das Wort nicht mehr benutzen?
Jens Friebe: Man darf schon, aber mir scheint, es hat etwas albernes heute. Leider weiß ich kein besseres Synonym. Aber vielleicht kann ich das Wort mit diesem Interview hier wieder cool machen.

SAX: Fiel deine Wahl auf einen wenigstens ansatzweise provokanten Albumtitel, weil Provokation ein Stilmittel für dich ist?
Jens Friebe: Nein, überhaupt nicht.

SAX: Dann eher, um dein Publikum zu ermuntern, eingeübte Denkmuster zu überwinden?
Jens Friebe: Ja, ich möchte darauf aufmerksam machen, dass bei aller Libertinage und Übersexualisierung doch noch erstaunlich konservative Vorstellungen vorherrschen, wie Sexualität zu sein hat. Ich würde gern den Horizont erweitern. Die Auslegung von Penetration geht auch über das Sexuelle hinaus. Das hat ja etwas Macht- und Gewaltförmiges, dieses in etwas eindringen. Das ist ein erweitertes politisches Statement gegen Gewalt, gegen Dominanz und Unterdrückung. Gegen das Patriarchat.

SAX: Deine Plattenfirma, schreibt, Albumtitel beziehungsweise Titelsong wenden sich gegen die herrschende Phallokratie.
Jens Friebe: Die Formulierung stammt von mir. Phallokratie und Phantasielosigkeit hatte ich geschrieben. Fand ich einen schönen Stabreim. Das ist schon etwas, worum es mir geht. Eine Rollenverschiebung, weg von dem, was Frauen und Männer zu tun und zu lassen haben. Und wenn wir nicht ficken können, sind wir sowieso aufgeschmissen. Es gibt im Film die Standardszene, wo zwei scharf aufeinander sind, sie nicht schwanger werden will, und dann hat keiner Kondome dabei. Die Alternative ist, es entweder draufankommen oder ganz bleiben zu lassen. Ein Armutszeugnis für eine derart pornographisierte Gesellschaft.

SAX: Die Songtexte auf "Fuck Penetration" sind teils wieder auf Deutsch und teils auf Englisch diesmal. Das aber sicher nicht, weil du derselben Auffassung bist wie einige deiner Kollegen, nämlich dass Englisch besser zu einer Musik passt, deren Ursprünge in der angloamerikanischen Kultur liegen?
Jens Friebe: Für bestimmte Anwendungen ist Englisch die geeignetere Sprache. Beim Titelsong zu "Fuck Penetration" definitiv. Sexuelle Themen auf Englisch abgehandelt, bleiben immer Popsongs. Auf Deutsch würde die Drastik den ganzen Rest vernichten und die gesamte Aufmerksamkeit auf diese Drastik ziehen. Englisch ist die wendigere, die leichtere Sprache und für bestimmte Zwecke tatsächlich angenehmer. Will man seine Hörer beim Kragen packen und ordentlich durchschütteln, dann ist bei deutschen Zuhörern Deutsch direkter. Aber irgendwie wäre es natürlich auch schön zu denken, dass es außerhalb des deutschsprachigen Raumes jemanden geben könnte, der gar kein Deutsch spricht. Ich mache mir nicht vor, dass ich den angloamerikanischen Markt im Sturm erobern werde. Aber wenn das ein Spanier, ein Schwede verstehen kann, wäre  das vielleicht auch nicht verkehrt.

SAX: Zwischen Deutsch und Englisch zu wechseln macht vielleicht auch insofern Sinn, weil das Publikum überrascht wird und deshalb genauer hinhört?
Jens Friebe: Kann sein, dass das auch eine Überlegung gewesen ist. Ein anderer Gedanke war, dass man sich freier fühlt und mit dem Gesang experimentiert, wenn man zwischendurch Englisch gesungen hat. Dass ich bei einem Lied wie "Körperfresser Oder Das Vergessen" etwas mehr aus mir rausgegangen bin. Ganz praktisch ergab es sich bei "Worthless". Dort ist mir den Refrain zuerst auf Deutsch eingefallen, also die Grundidee, dass Geld, wenn es sich wertlos fühlt ein Haus oder ein Kunstwerk wird. Aber das klang zu sperrig, auf Englisch ging es besser.

SAX: Laut deiner Plattenfirma ist der Wechsel zwischen Deutsch und Englisch auch eine Antwort auf den Brexit und einen Regionalwahn, wie wir ihn neuerdings wieder erleben.
Jens Friebe: Daran hatte ich nicht gedacht, ist aber eine Idee, die ich unterschreiben kann. Ich bin gegen Regionalwahn, gegen Deutschtümelei. Als 1Live noch WDR1 hieß, gab es dort eine Sendung namens "Heimatkult", wo Bands aus der Region vorgestellt wurden. Mir war das schon damals unangenehm. Wenn man sich das vorstellt, heute ginge eine Sendung mit so einem Titel überhaupt nicht mehr. Damals konnte man noch sagen, okay, das sind alte Begriffe, die wir neu aufladen. Aber jetzt sind diese Worte wieder so mächtig, dass sie sich überhaupt nicht mehr ironisch umdeuten lassen. Obwohl die Grünen das gerade versuchen, schändlicherweise.

SAX: Mit dem Erstarken von AfD & Co. ist das eine nahezu flächendeckende Debatte geworden. Bis ins äußerste linke Spektrum hinein wollte sich jeder plötzlich zum Stichwort Heimat positionieren.
Jens Friebe: Das ist das Elend, dass die Rechten inzwischen die Agenda bestimmen und der Rest der Politik bis hin zu den Grünen oder der Linken meint, sie müssten dem entgegenkommen. Das ist selbstmörderisch für alle emanzipatorischen, sich links begreifenden Bewegungen.

SAX: Andererseits sind es nicht wenige, die nichts anderes haben als ihre Region. Die von dort weder weg können noch wollen, weil ihnen die Welt zu groß ist. Was ist mit denen?
Jens Friebe: Ich bin zwiegespalten bei diesem Regionalismus. Mir persönlich bedeutet das überhaupt nichts. Ich komme aus Lüdenscheid, dort gibt es keine wirkliche kulturelle Identität, über die man sich definieren könnte. Das ist ein Ort  mit Häusern, und es fällt ziemlich fiel Regen. Man kennt noch den einen oder anderen Menschen, bei dem man sich gern wieder melden möchte. Aber für mich persönlich hat das keine Bedeutung. Ich weiß, für andere ist das anders. Wenn sie zum Beispiel aus Köln kommen, auch wenn sie sich daran noch abarbeiten, wenn sie nach Berlin gezogen sind. Da ist irgendwas, eine Folklore, die zu ihnen gehört. Ich möchte das niemandem wegnehmen oder so, und das hat, wenn es gut läuft, auch keine politische Dimension. Das hat nichts mit Nationalismus zu tun, wo vor dem Hintergrund einer Ideologie Opferbereitschaft und Abgrenzung gegen andere eingefordert wird. Das geht ja beim Regionalismus praktisch gar nicht. Im Gegenteil, auch wenn es ein bisschen gespenstisch wirkt, ich habe fünf Jahre in Köln gelebt, und gerade dieser hammerharte Lokalpatriotismus scheint es den Leuten zu ermöglichen, die andere starke, die türkische Kultur tolerieren zu können. Das scheint mir in Berlin zum Beispiel schwieriger zu sein. Ich fände es trotzdem schöner, es gäbe noch eine andere, universellere Art des Pathos, bei der sich auch Leute wohlfühlen, denen die Welt zu groß ist.

SAX: Eigentlich müsste man sich im Zusammenhang mit deinen Songs gar nicht mit so schwerwiegenden Gedanken abmühen. Kundenkommentare bei Amazon zum Beispiel besagen, dass vor allem weibliche Hörer deine Musik hören, weil sie dich als Typ einfach niedlich finden.
Jens Friebe: Nichts dagegen einzuwenden.
Bernd Gürtler

Jens Friebe 23. Januar, 21 Uhr, Ostpol
Tickets: www.saxticket.de
www.jens-friebe.de