»Diese Kaisergeburt war eine schwere«

Die Ausstellung »Krieg Macht Nation« im Militärhistorischen Museum Dresden

"Barakenlager auf dem Alaunplatz in Dresden. Erinnerung an 1870/71", Lithografie, 1872

Der Deutsch-Dänische Krieg 1864, der Deutsche Krieg (auch Preußisch-Österreichischer Krieg genannt) 1866 und der Deutsch-Französische Krieg 1870/71 zeichnen die blutige Spur Deutschlands auf dem Weg zum Nationalstaat, der 1871 in der Proklamierung des Deutschen Reiches (retrospektiv auch Deutsches Kaiserreich genannt) mündete. Im Juli eröffnete im Militärhistorischen Museum der Bundeswehr in Dresden die Ausstellung »Krieg Macht Nation«, die der Frage »Macht Krieg Nation?« nachgeht und die Entstehung des Deutschen Kaiserreiches untersucht.

Als Intro in die Ausstellung ertönen Kinderstimmen mit »Des Deutschen Vaterland« von Ernst Moritz Arndt. Das Lied beginnt mit den Worten »Was ist des Deutschen Vaterland? Ist’s Preußenland, ist's Schwabenland? Ist´s, wo am Rhein die Rebe blüht? Ist´s, wo am Belt die Möwe zieht? O nein, nein, nein! Sein Vaterland muss größer sein«, und endet mit dem Vers: »Das ganze Deutschland soll es sein! O Gott vom Himmel, sieh’ darein, Und gib uns rechten deutschen Muth, Daß wir es lieben, treu und gut. Das soll es sein! Das ganze Deutschland soll es sein.« Der nationalistische Schriftsteller Arndt feierte die deutsche Sprache und das deutsche Wesen und dichtete diese Zeilen 1813, als sich Preußen im Napoleonischen Krieg mit Frankreich befand. »Wo jeder Franzmann heißet Feind, Wo jeder Deutsche heißet Freund«. 1848/49 avancierten die Verse zur inoffiziellen Hymne der deutschen Nationalbewegung und wurden während der Revolution auf unzähligen Flugblättern verbreitet. Um das Ziel der Unabhängigkeitsbestrebungen wiederum wurde heftig gestritten. Eine Nationalidee mit oder ohne Österreich? Unter preußischer Führung? Mit ungarischen und italienischen Landesteilen? Ein demokratischer Deutscher Bund, Monarchie oder Republik? Seit der französischen Revolution 1789 wurden in ganz Europa Nationalstaatsideen formuliert und Unabhängigkeitsaufstände und -kriege geführt. Selbst Marx und Engels polarisierten in ihrem »Kommunistischen Manifest«: »Proletarier aller Länder, vereinigt Euch!«

Doch bis zu einer nationalen Vereinigung sollten noch zwei Jahrzehnte in Land gehen. Der König von Preußen, Wilhelm I., musste sich zunächst vom konservativen Kartätschenprinz der Märzrevolution zum liberalen Prinzregenten einer neuen Zeit wandeln, den Strategen Major Helmuth von Moltke, der beizeiten die militärische Bedeutung von Eisenbahnstrecken erkannte, zum Generalstabschef der preußischen Armee ernennen und Otto von Bismarck die politischen Geschicke überlassen. Als Ministerpräsident Preußens saß Bismarck den Verfassungskonflikt, der aus den Uneinigkeiten bezüglich anstehender Heeresreformen resultierte, aus und versuchte, mit außenpolitischen Erfolgen innenpolitischen Druck auf die liberale Opposition auszuüben. Schließlich löste Bismarck die über dem Deutsch-Dänischen sowie dem Deutschen Krieg schwebende deutsche Frage im kleindeutschen Sinne unter preußischer Vorherrschaft, woraufhin er 1867 zum Bundeskanzler des Norddeutschen Bundes ernannt wurde. Dem dank der Novemberverträge mit den süddeutschen Staaten 1870 entstandenen föderalen Staat folgte bereits vor der Kapitulation von Paris die Proklamierung des Deutschen Reiches im Spiegelsaal des Schlosses von Versailles am 18. Januar 1871. Wilhelm I. wurde Deutscher Kaiser und begriff zu spät, dass dies auf Kosten Preußens ging.

Im Umgang der Ausstellung wird das Ölgemälde »Die Deutschen in Versailles« (1877) von Louis Braun hängen, auf dem die drei maßgeblichen Akteure der Gründung des Nationalstaates, König Wilhelm I., Bismarck und Moltke zu entdecken sind.

Zu Redaktionsschluss war lediglich die Ausstellungsarchitektur im Militärhistorischen Museum aufgebaut. Die Kuratoren Katja Protte und Dr. Gerhard Bauer formulierten ihr Konzept wie folgt: Der Sonderausstellungsraum ist in sechs Abteilungen gegliedert, in welchen die Geschehnisse um 1848, jeweils die Kriege gegen Dänemark, Österreich und Frankreich, die Reichsgründung sowie die Kriegsführung an der Schwelle zur Moderne skizziert werden. Eine zweite Ausstellungshalle thematisiert mit einem gro-ßen Panoramabild die Erstürmung von Saint Privat in der Nähe von Metz, die nur durch den Einsatz sächsischer Armeekorps erfolgreich verlief, und erzählt außerdem von politischen Folgeereignissen im 20. Jahrhundert wie der Charta der Vereinten Nationen 1945 und dem Genfer Abkommen 1949.

Ausstellung und Katalog streifen mit einem sehr kleinen Exkurs auch den amerikanischen Bürgerkrieg 1861 bis 1865. Abgesehen davon, dass Abspaltungsgedanken, wie sie damals von elf Südstaaten gegenüber dem vereinten amerikanischen Staatenkomplex temporär vollzogen wurden, heute für die USA wie auch für das europäische Gebilde brisanter und bedrohlicher denn je erscheinen, setzten die USA damals Maßstäbe in der modernen Kriegsführung und Berichterstattung. 1863 wurde ein Ingenieuroffizier vom preußischen Kriegsminis-terium an die amerikanischen Kriegsschauplätze geschickt, um Erkenntnisse über die modernen Waffenausrüstungen, den Einsatz technischer Entwicklungen wie Eisenbahn und Telegrafen, die fotografische Berichterstattung und die sprunghafte Entwicklung des Sanitätswesens zu gewinnen.
Und genau diese Aspekte beleuchtet die Schau »Krieg Macht Nation« ebenfalls. Es geht nicht um das minutiöse Darstellen aller Schlachten auf dem Weg zum Kaiserreich. Die Kuratoren und Ausstellungsexponate erzählen ebenfalls vom Verhältnis der modernen Kriegsführung in Abhängigkeit industrieller Entwicklungen und werfen Schlaglichter auf eine Sozial- und Mediengeschichte des 19. Jahrhunderts.

Die Exkurse und Objektauswahl in der Ausstellung erscheinen außerordentlich spannend. Makaber, dass von Alfred Krupp auf der Pariser Weltausstellung 1867 vorgestellte modernste Waffentechnik wie die »Krupp´sche Riesenkanone« nur wenige Jahre später zur Belagerung von Paris eingesetzt wurde. Auch das von einem Belgier entwickelte Salvengeschütz »Mitrailleuse« kam zum Einsatz. Im Deutschen Krieg nutzten die Preußen moderne Zündnadelgewehre mit Hinterladung. Dadurch konnten sie deutlich schneller schießen als die Österreicher, deren Waffen noch von vorne zu laden waren. Ein Attentäter wiederum benutzte einen schwachen Bündelrevolver. Die fünf abgegebenen Schüsse konnten Bismarcks Kleidung nicht durchdringen.

Dank des technischen Fortschritts mussten Angriffe nicht mehr Wochen im Voraus geplant werden, man konnte jetzt bereits innerhalb weniger Stunden auf Situationen reagieren. Ein ausgebautes und nicht nur zivil nutzbares Eisenbahnstreckennetz sorgte für Mobilität, Geschwindigkeit und Effektivität. Über Telegrafen konnten Regierung und Volk schnell über Erfolge und Niederlagen informiert werden. Depeschen erreichten die Zeitungsredaktionen und wurden in Größenordnungen an Litfaßsäulen angeschlagen. Von der Wirksamkeit erzählt ein Holzstich von Konrad Dielitz, auf dem festgehalten wurde, wie sich die Berliner um die 5. Depesche mit der Nachricht vom »glänzenden aber blutigen Sieg« bei Weißenburg 1870 scharen.
Schnell reagierten alle Kriegsparteien mit Sabotageakten. Bahnstrecken und Telegrafenleitungen wurden zerstört, die neuen Kommunikationsmöglichkeiten für eine sich schnell verbreitende Gräuelpropaganda, etwa mit Vorwürfen gezielter Kollateralschäden in der Zivilbevölkerung, eingesetzt. Dass die Zivilbevölkerung tatsächlich unrühmlich unter Beschuss geraten ist, davon kündet die ausgestellte Ballonkanone. Etliche Pariser versuchten mit Ballons die Stadt zu verlassen und wurden von den belagernden Deutschen mit Ballonabwehrkanonen beschossen oder kamen durch widrige Wetterverhältnisse vom Kurs ab und strandeten in Bayern oder gar in Norwegen. Ohnehin ist es tragisch, dass der Deutsch-Französische Krieg in einen innenpolitischen französischen Konflikt mündete. Nach der Unterzeichnung eines Vorfriedens erlangten revolutionsbereite Teile der Nationalgarde das militärische Übergewicht in Paris. Kurzzeitig beherrschte die Pariser Kommune gegen den Willen der konservativen Zentralregierung die Stadt. Ihr politisches und soziales Engagement machte die Lehrerin Louise Michel zu einer Heldin der Armen und Ikone der Pariser Aufstände.

Frauen standen zunehmend im Kriegsdienst. Die Mobilisierung der gesamten Nation in der auch als Dritte Republik bezeichneten Pariser Kommune ermöglichte es Frauen, Waffen zu tragen und Truppen zu führen. Als Folge der katastrophalen Zustände während des Krimkrieges von 1853 bis 1856 entwickelte sich die freiwillige Krankenpflege rasant. Florence Nightingale nahm eine wichtige Rolle in der Entwicklung eines effizienten Sanitätswesens ein. Die Dresdner Geschäftsfrau Marie Simon führte nach deren Vorbild nach Gründung des Albertvereins die Aufsicht über Krankenpflegerinnen und rückte mit Beginn des Deutsch-Französischen Krieges zum Einsatz ins Feld aus. Zahlreiche Marketenderinnen begleiteten die Soldaten in den Krieg und versorgten sie mit Waren und Dienstleis-tungen des täglichen Bedarfs.

Sollte die Ausstellung der Erzählweise und Qualität des aufwendig gestalteten Katalogs folgen, dann könnte »Krieg Macht Nation« bundesweit zu einer der besten Ausstellungen des Jahres avancieren. Möglicherweise aber auch zu einer heiß diskutierten.
Patrick-Daniel Baer

Krieg Macht Nation
Militärhistorisches Museum Dresden
16. Juli 2020 bis 31. Januar 2021
www.mhmbw.de