Existenz: Spuren

Bilder (k)einer Ausstellung

Susanne Hopmann im Oktogon der HfBK. Foto: Patrick-Daniel Baer

Mitte November 2020: Ich bringe Susanne Greinke, Ausstellungsreferentin der HfBK Dresden, eine Leihgabe für die Ausstellung »Existenz Kapitel 2: Spuren«. »Meinst du, die Ausstellung kann eröffnet werden?«, frage ich. »Wir haben die Laufzeit schon bis Ende März verlängert, man munkelt, dass es eine deutliche Verlängerung des Teil-Lockdowns gibt. Aber ich habe eine Idee. Die Ausstellung wird im Fall der Fälle mit einer Drohne gefilmt und dann online zu sehen sein«, erwidert Susanne.

9. Dezember 2020, 12 Uhr: Ich habe den Auftrag für eine Rezension der Ausstellung. »Bitte ruf an, wenn du da bist. Unser Pförtner hat da gerade Mittagspause«, sagt mir Susanne. Komisch. In den vielen Jahren, in denen ich die HfBK regelmäßig aufsuche, habe ich noch nie erlebt, dass tagsüber die Pforte geschlossen ist. Corona. Alles hat sich verändert. Schon der Weg über die Brühlsche Terrasse ist gespenstisch. Kein Mensch weit und breit auf dem sonst so belebten Balkon Europas.

Der Pförtner ist doch noch nicht zum Essen entschwunden und so warte ich im Gebäude auf Susanne Greinke. Leere Gänge, eine unheimliche Stille. Ebenfalls gespenstisch. Sonst war hier immer ein Studentengewimmel. Wie läuft jetzt eigentlich die Lehre ab? Meine Tochter studiert in Leipzig, sie stöhnt regelmäßig über das Onlinesemester. Das zweite mittlerweile. Kein Austausch. Exkursionen als Blockseminar am Wochenende vor dem Laptop. Geplant war ein Auslandssemester. Wie wird das Studium für die HfBK-Studierenden organisiert? Auch online? Muss dann immer das Kunstwerk für die Beurteilung durch die Lehrenden vor die Kamera gehalten werden? Oder wird ein Handyshot verschickt? Diese Generation angehender Künstler*innen wird es bei der Schmalspurausbildung schwer haben, sich später auf dem Markt zu behaupten. Wenig Input, reduziertes Feedback, kaum Projektionsflächen, um auf sich aufmerksam zu machen.

Ich bin Sammlungsleiter und Kurator in einem Museum. Museum digital lautet das Schlagwort der Stunde. Uns fehlen die Technik und das Geld, um professionell Ausstellungen und Exponate erfahrbar zu machen. Und überhaupt, da kann eine Reproduktion noch so gut sein, das Original bleibt das Original. Eine Abbildung ist immer nur so groß wie das Display, auf dem sie gezeigt wird. Schichten und Feinheiten im Bild gehen verloren. Ohne Informationsverluste Objekte und Installationen darzustellen, ist schier unmöglich. Onlinepräsentationen und Vorträge. Auch schwierig. Da müsste man Schauspieler verpflichten. Kuratoren sind oft ungelenk vor der Kamera, Künstler können nur selten gut reden. Ist ja auch nicht ihr Beruf. Abgeschweift. Susanne kommt.

»Wir konnten nicht filmen, eine Installation im Oktogon ist noch im Aufbau. Es gab einen Coronaverdacht, daher lagen die Arbeiten ein paar Tage brach. Negativ. Jetzt geht es weiter.« Wir gehen in die Ausstellung. Eigentlich ist es so wie immer, wenn ich als Rezensent vor der Eröffnung komme. Die Kunstwerke sind arrangiert, weniges noch im Aufbau. Die Beschilderung fehlt. Trotzdem schwingt das Gefühl mit, diese Schau wird keiner sehen. Corona meets »The Walking Dead«. Alles steht, die Menschen fehlen. Die Zombies aber Gott sei Dank auch (noch). »Wir haben schon einen kleinen Trailer gedreht. In den leeren Räumen. Die Drohne filmte und wurde gleichzeitig von der Überwachungskamera und einer anderen gefilmt. Spuren überall. Wir wollen auch die Frage thematisieren, was macht eine Ausstellung, wenn sie schläft?« Wenn sie schläft. Seit 17 Jahren kuratiere ich Ausstellungen und schloss sie abends oft als Letzter zu. Diese alberne Vorstellung aus »Nachts im Museum« hatte ich nie. Jetzt? Jetzt haben wir Nacht 24/7.

»Susanne, hast du noch Kabelbinder?«, ruft die Künstlerin Susanne Hopmann aus dem Oktogon. Der Ausstellungstechniker ist im Urlaub. Während des Aufbaus, das habe ich auch noch nie erlebt. Ja, öffentlicher Dienst. Da heißt es Überstunden abbauen, Kurzarbeit und Resturlaub nehmen – obwohl sich der Schreibtisch biegt. Unter dem Gesichtspunkt graut mir schon etwas vor der hoffentlich bald wieder kommenden Normalität. Denn die Arbeit bleibt liegen und staut sich an.

Die Künstlerin baut ihre Installation im Oktogon auf. Das Gerippe eines Gewächshauses mit Umgang steht bereits. Ich muss an Ulrich Schießl denken. Der frühere Rektor hat an eben dieser Stelle vor circa 15 Jahren zur Diplomeröffnung wie wild Schlagzeug getrommelt. Was für eine Party! Die Zitronenpresse bebte. Kommt das wieder? Die vergangene Diplompräsentation fand coronaverschoben im September statt. Hat sie jemand gesehen? Ich nicht. Hat der kommende Abschlussjahrgang mehr Chancen auf Öffentlichkeit? Wird diese Ausstellung jemand besuchen können?

Verdient hätte sie es sehr. Spuren allerorten. Philipp Putzers Arbeit blieb als Spur zur vergangenen Diplomausstellung stehen. Ein Teil des Nachlasses der Künstlerin und früheren Dozentin Ursula Rzodeczko ist ausgestellt. Memos von Gerhard Kettner künden von ihrer Ausbildung. Drei große Siegtore des DDR-Fußballs wurden von Jürgen Merkel rekonstruiert. Ein grüner Teich von Markus Wirth­mann kristallisiert mit der Zeit ins Orange. Formen von Wurzeln wurden Vögeln zugeordnet, und in der Loggia werden Tiere mit Nahsichtkamera beobachtet. Ein Meteorit, ein Marterpfahl, ein Schulfenster und vieles mehr sind ausgestellt. Unter den 80 beteiligten Künstlern gehören auch mehrere zu dem Pilotprojekt EU4ART, welches der Hochschule wieder mehr internationalen Charakter verleihen soll. In kontaktbeschränkten Zeiten ein schwieriges Unterfangen.

Eric Kellers Bild »Paravent II« liest sich wie eine Metapher auf die gegenwärtige Situation. Eine leere Bühne kündet mit wenigen Verweisen von vergangenen lebendigen Zeiten. Großartige Kunst und ein verlassener Raum.

Aber die Hoffnung stirbt zuletzt. Existenz 2021. Mit hoffentlich vielen Spuren von früher.
Patrick-Daniel Baer