Gegen den Zynismus der Zeit

Malerei von Karen und Peter Graf

Peter Graf "An einem Herbsttag"

Karen Graf "Spiel am See"

Zeitgleich laufen in Dresden zwei bemerkenswerte Ausstellungen mit Werken des Künstlerehepaares Karen und Peter Graf. Sie in der Galerie Himmel, er im Kunstgehaeuse, der kleinsten Galerie in Dresden, Priesnitzstraße 48. Beide begegneten sich 1988 in ihrer Liebe als Geistes-und Seelenverwandte. Malen ist seit Anfang für sie mentaler Lebensinhalt und Sinn. Der Weg dorthin war nicht leicht. Beide sind durch und durch Künstler, die in Brotberufen arbeiteten, um sich Kopf und Hände frei zu halten und unabhängig zu bleiben. Dabei schöpfen sie immer wieder unmittelbar aus dem Leben und betrachten die Welt von unten, vom Kleinen her, wie Karen Graf, die spielende Kinder, Hinterhöfe, freundliche Häuserfassaden, den gedeckten Tisch oder die im Wind flatternde Wäsche der Nachbarin malt, allesamt alltägliche Dinge, denen sie Poesie ablauscht oder Peter Graf, der unter anderen das alltägliche Malinterieur, das heimatliche Radebeul, das skurrile Innenleben im Flugzeug, den Herbstwald der Jäger oder die Tiere des Waldes, Hirsch und Wildschwein, in groteske Bild-Allegorien verwandelt, die gewitzt Fabeln vom einfachen Leben erzählen.

Karen Graf (geb. 1963 in Dresden) eignete sich die Grundkenntnisse der Malerei in einem Abendstudium an der HfBK Dresden bei Agathe Böttcher und Fritz Panndorf an. Von 1982 bis 1986 arbeitete sie in verschiedenen Berufen und fand in einem Dresdner Museum eine Beschäftigung, wo sie bis heute angestellt ist. 1991 heirateten Peter und Karen Graf. 1990 und 1992 wurden die beiden Söhne Valentin und Paul geboren. 2002 erfolgte der Umzug nach Radebeul Ost und der Bezug eines gemeinsamen Ateliers in der ehemaligen Schuhfabrik. Nun präsentiert sie unter dem Titel »Verweile doch« in der Galerie Himmel ihre neuesten Arbeiten.

Karen Graf favorisiert ihre Bildlösungen in Landschaft, Interieur und Stillleben in einer fast naiven Poesie. Immer durchdringt ihre Ölbilder die Botschaft vom Schönen, die das Fremde vertraut macht und das Vertraute fremd. Abbildhaftigkeit und Topografie spielen dabei nur eine untergeordnete Rolle. Ihre Bilder sind voller einfacher, erdbezogener Ausstrahlung und wurden voller Liebe gemalt. In der Landschaft herrscht eine Ursprünglichkeit wie in dem leicht verträumt anmutenden Herbstbild »Drachenhügel« (Öl, 2018) mit der sanft bergan steigenden, gebogenen Straße, dem roten Ahorn und dem zart-violetten Hügel, auf dem die Gleitschirmflieger üben. Man denkt an Henri Rousseaus Ballonfahrer oder die naive Welt des Georgiers Niko Pirosmani. Neben Erinnerungen an Reisen nach dem Süden (»Kleiner Hafen«, 2019), malt sie das üppige Grün der Seen- und die kubisch-verschachtelten, hellen Häuserlandschaften in der Vorstadt (»Frühling in der Stadt«, Öl, 2010). Die Figuren (besonders Kinder) kommunizieren auf innige Weise miteinander (»Spiel am See«, Öl, 2020) und drücken eine stille innere Bewegung aus wie in den anmutigen Menschenbildern von August Macke. Im Kabinett der Galerie sind spätexpressionistische Ätzradierungen (mit Strichätzungen) des Dresdner Malers und Grafikers Hans Körnig unter dem Titel »Abendländische Elegie« zu sehen, die durch ihren kongenialen Charakter mit Karen Grafs Bildern kontrastreich harmonieren.

Seit den 1950er Jahren gehörte Peter Graf zu einem Freundeskreis um die Künstler Peter Herrmann, Peter Makolies, Jürgen Böttcher (Strawalde), PENCK und den Musiker Günter Baby Sommer. Seinen Unterhalt verdiente er in der DDR als LKW-Fahrer, Lager-und Transportarbeiter. Die Ausstellung in der Galerie Kunstgehaeuse unter dem lakonischen Titel »Bleibt was?« zeigt ein malerisches Panoptikum mit ein Dutzend Grafscher Bild-Allegorien, skurrilen Akt- und Flugzeug-Interieurs, Atelier-Ein-und Ausblicken, Selbstporträts und Waldbildern mit Jäger, Schwein und Hirsch, aber auch abstrakt-informelle Experimente. Peter Graf ist kein klassischer Landschaftsmaler oder Porträtist, aber auch kein modernistischer Purist oder Abstrakter, sondern ein Künstler, der die Verwandlung seiner von der Kindheit ausgehenden Lebenserfahrung in die Metapher bevorzugt und Geschichten erzählt, die Hintergedanken über den paradoxen Zustand der Welt in sich tragen. Seine Bilder sind mutige Bekenntnisse gegen den Zynismus der Zeit. Graf malt, was ihn umgibt, angeregt durch die Vergangenheit, den Belastungen und Wirren in der DDR, das Chaos der Gegenwart, dem Leben in der Familie. Tier und menschliche Figur sind das Bildpersonal seiner oft skurrilen Kompositionen. Wie auf einer Bühne verhandelt Graf seine Themen mit Zivilcourage.

Das ungeliebte Weidhandwerk ist ihm verdächtig. Es offenbart menschliche Gewalt und Hinterhältigkeit, wenn der Jäger auf seinem Ansitz mit der Büchse auf den ahnungslosen Hirsch schießt, der sich nicht wehren kann: Gerade angesichts des Krieges in der Ukraine sind seine Jagdbilder nicht nur ein Zeichen sondern vor allem Ausdruck einer humanen und kritischen Geisteshaltung, die sich gegen die Heimtücke der Bombardements und Luftangriffe auf die zivile Bevölkerung wendet. Peter Graf ist ein minutiöser, von seiner Kunst besessener Maler, der besonders das Ölbild kultiviert. Ohne vorbereitende Zeichnung oder Skizze malt er los und entwickelt so das Bild nach und nach bis zu seiner Vollendung, zweifelt, hadert, ändert, zerstört und setzt neu an.
Heinz Weißflog

Karen Graf: Verweile doch Galerie Himmel, bis 18. Juni, www.galerie-himmel.de
Peter Graf: Bleibt was? Galerie Kunstgehaeuse, bis 20. Mai, www.kunstgehaeuse.de