Geisterstunde, Gentest und ein blutendes Knie
Eine Porträtausstellung in der Motorenhalle beschäftigt sich mit Weltflucht aus fotografischer Sicht
Au, das hat weh getan. Die Hose zerissen, das Knie zerschunden, die Hände voll Blut und die Augen vor Schmerz geschlossen. So sitzt die junge Skaterin auf dem Autositz. Die Brasilianerin Luisa Dörr hat diesen Augenblick mit der Kamera festgehalten und dafür den mit 5.000 Euro dotierten ersten Preis des "Portraits Hellerau Photography Award 2026" zugesprochen bekommen.
Natürlich nicht für dieses Foto allein. Es ist gerahmt von sieben weiteren Aufnahmen. Aber in seiner Wirkmächtigkeit ist es das beste, denn die anderen Fotografien sind offentlich gestellt, wenn man vergleicht, was die jungen Mädchen auf ihnen tragen.
Und erst mit Blick auf die Kombination aus traditioneller Kleidung und moderner Freizeitbeschäftigung dürfte der Jury diese eingereichte Serie preiswürdig erschienen sein. Zumindest liest sich die Begründung so: "Weite Röcke, Turnschuhe, Skateboards: In Cochabamba tragen jungen Skaterinnen die traditionellen bolivianischen Polleras, die einst mit kolonialem Zwang und später auch mit Diskriminierung verbunden waren."
Die Abgebildeten sind Mitglieder des 2018 gegründeten Kollektivs "ImillaSkate", wobei Imilla für junge Mädchen steht, die die Röcke der Mütter und Großmütter beim Skaten als "Zeichen kultureller Identität und weiblicher Selbstbestimmung" tragen. Dörr habe eine Generation porträtiert, die Tradition nicht ablegt, sondern neu besetzt. Nur wenn sie dabei hinfallen, zeigt das Foto sie seltsamerweise in Leggins, wie sie überall auf der Welt Jugendliche tragen.
Der zweite Preis geht an die in den USA lebende Russin Anastasia Sierra, die in 13 Fotos in einer fast ikonenhaften Farbigkeit eine Episode ihres eigenen Lebens festgehalten hat: Nach dem Tod ihrer Mutter holt sie ihren Vater nach, was die familiäre Situation nicht einfacher macht. "The Witching Hour" – Geisterstunde – hat sie ihre Serie genannt, die "zwischen Zärtlichkeit, Fürsorge und Überforderung die widersprüchliche Gefühlswelt von Mutterschaft und familiärer Verantwortung", wie es im Flyer heißt, festhält.
Was Menschen von ihren Vorfahren erben und wie sie mit einem Schicksal umgehen, das sich nur bedingt beeinflussen lässt, ist das große Thema einer weiteren US-Amerikanerin. Unter der Überschrift "Everyone is Icarus" setzt sich Rachel Jump ebenfalls mit einem familiären Schicksalschlag auseinander: Ein Gentest offenbar bei ihrem Vater eine Erbkrankheit, die sein Krebsrisiko und möglicherweise auch das seiner Kinder und damit ihr eigenes erhöht. In einem Dutzend Schwarz-Weiß-Aufnahmen erkundet Jump die Folgen für Nähe, Fürsorge und Selbstverständnis.
"Escapism" sind Wettbewerb und Ausstellung überschrieben. Ein englisches Wort, was vom lateinischen excapere abgeleitet ist und auf Deutsch so viel Realitäts-, Wirklichkeits- und Weltflucht bedeutet. Wenn es einem in dieser Schau berücksichtigen Fotografen gelungen ist, eine Person abzulichten, die den Alltagsproblemen und dem Stress zumindest für wenige Minuten entrinnt, dann dem Türken Ci Demi mit seinem im XXL-Format zu sehenden Foto "Eine kurze Flucht aus der Großstadt": Ein Mann ruht am Ufer in Kadiköy, inmitten von Istanbul.
Aber nicht diesen Mann ziert das Titelbild des Flyers, sondern eine menschenlose Aufnahme aus Beton, Stahl, Wasser und Himmel: die Hafenanlagen der georgischen Stadt Poti – im Wasser versenkte Wellenbrecher, Betonkai und dahinter Kräne. Die fünf farblosen Aufnahmen von Mayya Kelova zeigen den wirtschaftlichen Niedergang und die Abwanderung junger Menschen aus der Schwarzmeerstadt.
"Unter der Sonne von Phasis" hat die in Paris lebende Fotografin ihre bereits 2023 entstandene Serie genannt und die Jury hat ihr für die fotografische Untersuchung "der Kluft zwischen mythologischer Verheißung" – Phasis war einst das Ziel der Argonauten auf ihrer Suche nach dem Goldenen Vlies – "und gegenwärtigter Vernachlässigung" den Residenzpreis zugesprochen, der einen vierwöchigen Aufenthalt samt Stipendium in Dresden-Hellerau bedeutet.
Fotografen – männlich und divers - sind in diesem Jahr leer ausgegangen, was etwas schade ist, denn der Schweizer Patrick Lambertz hätte für seine Serie "Chalets of Switzerland" in Sachen Weltflucht mindestens den Publikumspreis, der aber mangels Sponsorengeldern noch nicht vergeben wird, verdient. Zu sehen sind unscheinbare, eigentümliche, mitunter farbintensive Holzhäuser in einer unberührten weißen Winterlandschaft, die die Individualität der romantisch wirkenden Chalets um so mehr unterstreicht. Zum genauen Hinschauen lädt Maya Meshels großformatige (und einzige) Aufnahme "Der Junge und sein Pferd ein" – eine aus Licht und Zufall entstandene surreale Alltagsszene.
In ihrer Gesamtheit beeindrucken die Porträts, Stillleben und Diptychen, die Antine Karla Yzer im Trainingscamp Diemelstadt aufgenommen hat, in dem Jugendliche leben, die Gewalt, instabile Familienverhältnisse und Haft erlebt haben. "Wenn du uns auf der Straße sehen würdest, würdest du denken wir sind Kriminelle?", heißt es auf einer der zu den Bildern angebrachten Metalltafeln. Und auf einer anderen steht: "Wir sind mit Schlagringen und Messern zu jemandem gegangen, haben die abgezogen. Wir haben gekifft und hatten kein Gras mehr und kein Geld, und dann haben wir das einfach gemacht." Yzer hat die Serie mit der Überschrift "Es ist keine Gewalt, wenn es normal ist" versehen.
Und wie wurden die 16 Künstler aus 13 Ländern und ihre Fotos der unter dem Motto "Escapism" stehenden 11. "Portraits-Finalistenausstellung" ausgewählt? Antwort geben zwei Sätze und drei Fragen, geschrieben in schönsten schwarzen Druckbuchstaben auf eine weiße Wand: Wir "zeigen fotografische Arbeiten, die auf ganz unterschiedliche von Ausflucht und Sehnsucht, von banalen Wirklichkeiten und glitzernden Gegenwelten erzählen. Sie reflektieren eine Grundspannung unserer Zeit: Die Sehnsucht nach anderen Formen unserer Leben inmittel übler gesellschaftlicher Polarisierungen, ökologischer Krisen und medialer Überforderung. Wie wollen wir wohnen? Wir wollen wir arbeiten? Wie lässt sich Gemeinschaft anders denken, als durch Effizienz, Konkurrenz und Erhöhung des Wehretats?"
Unbedingt lohnenswert und vielleicht auch wichtig zur qualitativen Einordnung des diesmal Ausgestellten ist auch ein Blick in den Grafikschrank und die ausliegenden Kataloge der vergangenen Jahre. Die Ausstellung ist bis zum 13. Dezember in der Motorenhalle auf der Wachsbleichstraße 4a in Dresden-Friedrichstadt zu sehen. Die Öffnungszeiten sind donnerstags/freitags 16 bis 19 Uhr, sonnabends/sonntags 14 bis 18 Uhr.
Peter Chemnitz
