Jauchzer Juchzer Jachzer

Skizzenbücher von Hegenbarth, Altenbourg, Beyer, Richter und Uhlig im Josef-Hegenbarth-Archiv

Josef Hegenbarth: Skizzenblätter, gelocht, geheftet, Bleistift, Mitte 1940er-/1950er-Jahre

Diese Ausstellung zeigt, was sonst eigentlich verborgen bleibt: eine Auswahl von Skizzenheften und gebundenen Skizzenbüchern sowie lose Entwurfszeichnungen vom 19. bis 21. Jahrhundert, von Ludwig Richter über Josef Hegenbarth, Gerhard Altenbourg und Max Uhlig bis hin zu Ines Beyer, mithin einen Blick ins »Archiv in der Tasche«, so der Titel der im Frühjahr eröffneten Schau im Josef-Hegenbarth-Archiv des Dresdner Kupferstich-Kabinett, aus dem Künstlerinnen und Künstler für ihre Arbeit schöpfen.

Das Wort Skizze, vom italienischen »schizzo«, meinte zunächst ein Hilfsmittel, das heißt den ersten flüchtigen Entwurf zu einem auf dessen Basis später erst zu erschaffenden ›vollgültigen‹ Werk, bald aber jede flüchtige Zeichnung, die Auge und Hand schulen oder einen Natureindruck festhalten soll. Diese letztere Bedeutung ist es vor allem, der sich die aktuelle, von Daniela Koch kuratierte Ausstellung im Hegenbarth-Archiv verschrieben hat und die ihren unterschiedlichen Ausprägungen – von unbestimmter Andeutung bis genauester Ausführung – anhand einer kleinen heterogenen Gruppe von Künstlerinnen und Künstlern über einen Zeitraum von 200 Jahren sensibel nachspürt.

Die Skizzenbücher von Josef Hegenbarth (1884–1962), dem vorzüglichen Maler, Grafiker und Illustrator vom Dresdner Elbhang, bilden den Nukleus der Ausstellung. Sie führen vor, welch Ausdruck, Linienkraft, Unmittelbarkeit und Produktivität (80 Bücher und Schnellhefter mit einem Allover aus vor allem Grafit-, weniger Feder- und Pinselzeichnungen sind erhalten) in diesem begnadeten Zeichner stecken. Ohne aufzublicken, den Gegenstand fest im Blick skizzierte Hegenbarth, was er sah, in der Bahnhofshalle, im Café, am Strand, im Park, beim Fasching, im Zirkus und im Zoo, eigentlich überall, wo er war. Auf unzähligen Blättern reihte er Kopf an Kopf, Profil an Profil, Haltung an Haltung, Tier an Tier, anfangs noch wild durcheinander, bald nach Motiven geordnet und entsprechend ›sortenrein‹ abgelegt, zusammengeheftet und tituliert: »Menschen«, »Tiere«, schließlich, immer genauer ausdifferenzierend, »Rehe«, »Falken« usw. Auf diese Weise schuf sich Hegenbarth ein unerschöpfliches Archiv der Motive, in dem Situationen des Alltags in extenso durchgespielt, festgehalten und gespeichert werden – Passanten, Zeitungsleser, Artisten, Kinder, Sonnenanbeterinnen, Schwäne im Park, was auch immer.

Für seine Illustrationswerke, für großformatige Gruppen- und Einzelporträts kam er auf diese Vorlagen zurück; zum Teil sind schon die Skizzen mit Farb-, Maß- und Kompositionsangaben versehen. Gut gewählte Gegenüberstellungen in der Ausstellung zeigen, wie eng die Beziehungen zwischen Skizze und ausgeführten Werken zum Teil sind und lassen erahnen, welchen großen praktischen Arbeitswert dieses bislang kaum bekannte »Archiv im Archiv« für den Künstler hatte. Es ist, als würde sich Hegenbarths Oeuvre vor unseren Augen potenzieren. Zugleich veranschaulichen die Skizzenbücher einmal mehr, dass Hegenbarths Zugang zur und Verständnis von Welt zutiefst zeichnerisch war. Entsprechend skizzierte er ein Leben lang, in jeder Schaffensphase und Lebenssituation. Auf den Blättern gehen die Gestalten und Gesichter ineinander über, die Linie, die hier noch Hutfeder, Stirn und Nasenlinie umreißt, wird im nächsten Moment zur Zeitung haltenden Hand, zum Monokel und überraschten Stirnfalte. Die Ausdrucksstärke, Dichte und Treffsicherheit von Hegenbarths Strich sind atemberaubend.
Dem Zeichner-Archivar zur Seite stellt die Ausstellung ältere und zeitgleich aktive Protagonisten sowie eine jüngere Künstlerin. Sie alle haben ebenfalls eine besondere Beziehung zur Skizze, die eng und vital ist, wenngleich nicht ähnlich existenziell wie bei Hegenbarth. Dabei ergeben sich erstaunliche Berührungs- und Abstoßungspunkte zwischen den fünf Positionen, die das Sichten und Stöbern in den fast ineinanderfließenden Arbeiten der Präsentation sehr reizvoll machen, zumal die einzelnen Werke, wie für die Ausstellungen des Hauses typisch, nicht jeweils am Objekt mit einer Beschilderung versehen sind, was für die Wirkung der zum Teil sehr kleinformatigen, zarten Zeichnungen von Vorteil ist.

So sehen wir flirrende in Kohle festgehaltene Passanten aus dem Jahr 1986 von Max Uhlig (geb. 1937) sowie höchst ephemere Kopf-Skizzen in schwarzer Fettkreide vom New York-Aufenthalt des Künstlers 1992. Oder seismografisch-poetische Zeichnungen und Texte aus Gerhard Altenbourgs (1926–1989) Malerbuch »Jauchzer Juchzer Jachzer«, die neben Hegenbarths zupackenden Strandszenen wie ein traumwandlerischer Bewusstseinsstrom wirken. Schließlich Bleistift-Studien von Lamas von der Hand Ludwig Richters (1803–1884) neben lyrischen, zart tastenden Trieben in gelbgrüner Aquarellfarbe aus dem Skizzenbuch »Am Weinberg« der 1968 geborenen Ines Beyer, die auch an der Gestaltung der Ausstellung mitwirkte.

In dieser mitnichten zufälligen, sondern frei im besten Sinne, assoziativ zusammengestellten Auswahl von fünf Handschriften und Herangehensweisen liegt der große Reiz dieser Sonderausstellung, die zum Entdecken, Verweilen und Wiederkommen einlädt. Gegenüber dem Schriftsteller Johann Daniel Falk soll Goethe einmal bekannt haben: »Wir sprechen überhaupt viel zu viel. Wir sollten weniger sprechen und mehr zeichnen.«
Teresa Ende

Archiv in der Tasche. Skizzenbücher von Hegenbarth, mit Arbeiten von Altenbourg, Beyer, Richter und Uhlig, Josef-Hegenbarth-Archiv des Kupferstich-Kabinett, bis 5. April 2026.
www.kupferstich-kabinett.skd.museum