Nur auf dem Papier?

Ausstellungsprojekt »Papiere, Papiere« des Kupferstich-Kabinetts und der HfBK im Josef-Hegenbarth-Archiv

Josef Hegenbarth, Insektenstudien aus einem Skizzenbuch (undatiert)

Papier mag geduldig sein, gefügig und gelassen ist es keineswegs. Selbst brüchig und empfindlich – es vergilbt in der Sonne, brennt im Nu und zerfällt bei Feuchtigkeit –, hat doch kaum ein Medium die menschliche Zivilisation so geprägt wie Papier. Seit seiner Erfindung in China vor rund 2000 Jahren speichern wir Gedanken, Gesetze, Geschichte, Wissen, Identität und Gefühle auf Papier, das ebenso wie seine Protagonisten keine Ewigkeit, nicht einmal mittlere Dauer zuverlässig beanspruchen kann. Vielleicht liegt seine Bedeutung gerade in dieser Fragilität begründet, denn um zu überdauern, muss es geschützt, abgeschrieben, weitergegeben und sorgfältig bewahrt (lies heute: digitalisiert) werden. Erst die eigene Schwäche und die Gefahr, ja auf lange Sicht Unausweichlichkeit des Verlusts verleihen Papier sein besonderes Gewicht und machen es zum Sinnbild von Kultur.

Dem Paradoxon Papier mit seinem Dualismus von Potenz und Verletzlichkeit widmet sich die aktuelle Ausstellung im Josef-Hegenbarth-Archiv der Staatlichen Kunstsammlungen. »Papiere, Papiere« ist eine Kooperation des Kupferstich-Kabinetts und der Hochschule für Bildende Künste, kuratiert von Ksenija Tschetschik-Hammerl. Sie präsentiert 18 junge zeitgenössische Positionen der HfBK – bildende Künstlerinnen und Künstler ebenso wie angehende Theaterplastikerinnen und Kostümbildnerinnen. Auf unterschiedliche Weise thematisieren sie Papier als variables Material, veränderliches Medium, künstlerisch-kuratorische Praxis und geistiges Eigentum, oft in subtiler Auseinandersetzung mit dem Werk von Josef Hegenbarth (1884–1962).

Es ist ein sehr gut durchdachte und dabei wunderbar leicht präsentierte vielfältige Schau geworden, der man anmerkt, wie eng Kunstschaffende, Kuratorin und das Team vom Hegenbarth-Archiv, Daniela Koch und Thomas Baumhekel, bei der Auswahl, Hängung und Aufstellung zusammengewirkt haben.

Den Auftakt im Foyer im ersten Stock macht Virginia Lorenzettis Soft und Sicher, eine Plexiglasbox mit 36 Zellstofftaschentüchern, die mit intimen Zeichnungen versehen sind, wobei nur diejenige einer zarten weiblichen Aktfigur auf dem zuoberst liegenden, sich halb entfaltenden Taschentuch sichtbar ist. Die Tücher sind mehr als wir zu wissen meinen, aber ihr Kosmos von Zeichen und Gestalten bleibt weitgehend verborgen, obwohl sich ihr Was-sein-könnte als ungefüllter Rahmen über die Vitrine hinaus fortsetzt und die Wand emporrankt. Lorenzettis Installation ist ein assoziationsreiches Bild für die Überzeugung, dass gestaltetes Papier nie einfach nur das ist, woraus es physisch besteht, sondern einen Raum, eine Figur, eine Bewegung, ja eine ganze Welt heraufbeschwören kann.

Die anschließenden fünf Ausstellungsräume richten die Aufmerksamkeit auf jeweils einen Aspekt des vielschichtigen Verhältnisses von Papier als Alltagsmaterial und künstlerischem Medium: Papier als Wissensspeicher, als raumstiftendes und -definierendes Textil, als Spur und Erinnerung, als Alter Ego von menschlicher An- oder Abwesenheit, schließlich als Material und Treiber der Konsumkultur.

Die dazu kombinierten Werke Hegenbarths fungieren für die Jungen als Auslöser, Spiegel oder Reibungsfläche. Manchmal sind sie auch scheinbar assoziative Erläuterungen, etwa im Falle der auf Zahnarzt-Untersuchungsbögen angefertigten Insektenskizzen, um die herum Muriel Reinhardt, María del Mar Sánchez und Hendrik Lieder in ihren Installationen Papier als Erzeuger und Magazin von Wissen thematisieren – und zugleich ad absurdum führen, sobald wir realisieren, dass die vermeintlichen Insekteneinschlüsse im handgeschöpften Papier gezeichnet und der überdimensionierte Collegeblock eine funktionsfreie Inszenierung ist.

Im nächsten Raum wird Hegenbarth tatsächlich augenzwinkernd zum Schnittmuster, wenn Sandra Wegner auf der Grundlage von dessen Zeichnung Straßenpassantin das zweiteilige Kostüm Kontur in Papier entwickelt und Lukas Maksay vis-à-vis der Pinselzeichnung Stehendes Mädchen im karierten Rock mit Vliesgewässer ein Ornament aus Leerstellen entwirft. Lina Backers in und auf der Türlaibung platzierte Zeichnung mit dem Titel wir sehen nur die halme nicht den wind nimmt den Faden vom Ausstellungsbeginn wieder auf und sinniert poetisch und formal über das Medium Zeichnung als Zwischen-Raum zwischen Innen und Außen.

Zugleich wird so der thematische Übergang zur Befragung von Papier als Ort, Speicher und Spur von Erinnerung hergestellt. In einer Art Umkehrung erkundet dabei Isabell Alexandra Meldner mit Wall paper / re-construct, dem Abdruck einer Tür auf porösem Papier, den Raum. Rocco Emil Demmer vergleicht die Kraft des Archivs mit Baumwurzeln, Sebastian Lang macht aus Notizzetteln eine Stolperfalle und Stoßstange aus Pappmaché, Vu Duc Minh erfindet eine Landschaft per erfundener Landkarte und Mahsa Parvizi dekonstruiert in der wandfüllenden Cyanotypie Das Safranfeld die vermeintliche Beweiskraft medialer Bilder.

Papier baut Räume, die doppelt fiktiv sind: Einerseits behauptet es den darauf dargestellten Gegenstand, andererseits will es Fenster zur Welt sein. Es ist die sichtbar gewordene Skizze eines Gedankengebäudes, ohne seine Vorläufigkeit, seinen Status als Hilfsmittel zu verstecken. Dies wird klar in Frieda Kirchs Installation residual memories, eine Pappmaché-Skulptur von Anzug und Schuhen ohne Körper, geformt aus beschriebenen Notizzetteln, gegenüber der die Besuchenden auf einem Stuhl Platz nehmen können, ebenso in Kolja Tomischs Archivierung eines Liedes mittels Zettelkasten oder Luca Patakis grimmig-witziger Anleitung I Want To Be Buried In A Plasta, frei nach Ikea.

Da ist es nur folgerichtig, dass der letzte Raum über die Rolle des Papiers für die Konsumkultur reflektiert, mithilfe von Friedrich Villao Crespos Tryptophan-Container aus Schokoladenverpackungen, Robin Goldbachs Diddlmaus-Einstampfung zu sinnlichem Papiermus und Jette Tietzes verschmitzten Bügeleisenzeichnungen auf Kassenbons. Papier bewahrt, was wir bewahren wollen, und lässt vergehen, was wir dem Vergessen anheimgeben. Der dem Material innewohnende Widerspruch von physischer Flüchtigkeit und kultureller Beständigkeit findet hier ein ebenso unschuldiges wie hintersinniges Schlussbild. In aller gebotenen Vorläufigkeit, nur auf dem Papier. 
Teresa Ende

»Papiere, Papiere« Josef-Hegenbarth-Archiv, bis 26. Dezember 
www.kupferstich-kabinett.skd.museum/