Vom Motiv zum Erfahrungsraum

Die Städtische Galerie widmet Otto Altenkirch eine Sonderausstellung

Birkenweg im Mai, 1926, Privatbesitz Dresden (Foto: F. Petrasch)

Die zeitgenössische Kritik bezeichnete Otto Altenkirch (1875–1945) einst als »sächsischen Liebermann«, eine Zuschreibung, die mehr über den Wunsch nach Einordnung als über das Werk selbst verrät. Zwar teilt er mit Max Liebermann (1847–1935) den Blick auf unprätentiöse Motive, doch Altenkirchs Landschaften erscheinen weder als Träger sozialer Bedeutung noch als erzählerische Szenerien, sondern als Fragmente des flüchtigen Naturgeschehens, die allein durch bloße Wahrnehmung und ihre adäquate malerische Übertragung bestimmt sind. Gerade hierin liegt die spezifische Modernität seines Ansatzes: Altenkirchs Malerei begreift Landschaft weniger als Sujet denn als unmittelbar gegebenen Erfahrungsraum, als Erscheinung, die sich im Wechsel ihrer Zustände immer neu konstituiert. So umkreist der Künstler beständig eine Reihe ihm vertrauter Kulturlandschaften, portraitiert sie in Abhängigkeit von Jahreszeiten, Witterung, Licht und atmosphärischen Bedingungen. Nicht die ikonische oder semantische Aufladung der Motive steht im Fokus, sondern die Nähe zum unmittelbaren Natureindruck, wie sie sich in seiner konsequenten Freilichtmalerei erschließt. Idealisierung und Bedeutsamkeit eines Ortes treten vollkommen in den Hintergrund.

Die städtische Galerie Dresden widmet dem Oeuvre des Spätimpressionisten nun eine umfassende Werkschau. Dessen Studienzeit (1898–1906) in Berlin und Dresden bei Eugen Bracht und Emanuel Hegenbarth spiegelt sich u. a. in einer der seltenen Dresden-Ansichten des Künstlers sowie in Aquarellen wider, die Landschaften bei Kötzschenbroda und aus der Umgebung seines märkischen Geburtsortes Ziesar zeigen. Ebenso illustrieren Beispiele der Bühnenbildentwürfe in Gouache zu Richard Wagners Opernzyklus »Der Ring des Nibelungen« Altenkirchs zehnjährige Tätigkeit als Leiter des Malsaales der Königlichen Hoftheater in Dresden. Im Zentrum der Schau stehen jedoch vor allem seine pleinair entstandenen Alla-Prima-Malereien der Hauptschaffensphase von 1920 bis 1944. Wie kein anderer nähert sich der Künstler in jener Periode perspektivischen Variationen des Gebiets der Hellerheide im Norden Dresdens. Neben Ackerbau- und offenen Sandflächen mit Trockensträuchern sind es auf dem Dresdner Heller häufig Kiefern und Birken, die sich auf den kargen, nährstoffarmen Böden leicht behaupten. Meist locker verteilt, entlang sandiger Wege wachsend, prägen sie in Altenkirchs Kompositionen als lichte Gehölze den durchlässigen Charakter der herben Landschaft. Immer wieder verändert er seine Blickachse auf das von Bäumen umstandene alte Hellergut und den Wirtschaftshof der Hellerschänke.

Der Künstler versetzt die Betrachtenden gleichsam mitten ins Motiv: Häufig überwölben hohe Linden aus einer leicht untersichtigen Perspektive, wie ein lockerer Blätterdom, den sandigen Vorplatz der im Fond liegenden Gebäude. Ihre Kronen filtern das Licht. Der Vordergrund liegt im Schatten, durchsetzt von flirrenden Sonnenflecken, während sich dahinter das Hellergut in hellem, warmem Licht öffnet. Besonders markant ist die Behandlung der Licht- und Schattenverteilung auf den Baumstämmen. In vehementem, beinahe tachistischem Pinselduktus setzt Altenkirch helle, weiß-violette Farbakzente, die sich in kleinen, vibrierenden Geflechten entlang der Rinde gen Baumkronen ziehen und das wechselnde Licht nicht naturalistisch ausformen, sondern als momentanen Eindruck erfahrbar machen. Otto Altenkirch sucht seine Bildideen bewusst in der ländlichen Peripherie: Dorfstraßen, einzelne Gehöfte und blühende Obstwiesen, sowie Flussniederungen der Freiberger Mulde, wie sie der Künstler an seinem späteren Wohn- und Arbeitsort, dem mittelsächsischen Siebenlehn findet, verleihen seiner Kunst Auftrieb. Hier dominieren großzügige, flächig-pastose Farbaufträge mittels Spachtel, und Pinselstilritzungen betonen das plastische Modulieren. Ausnahmen sind Winterlandschaften, in denen er zu dünner, trocken geführter Malweise wechselt, in der weich gesetzte Tupfen und fließende Valeurübergänge den Pinselstrich nahezu tilgen. Die geglättete Oberfläche erzeugt eine gedämpfte, tonige Bildwirkung, die eine stille, leicht verschleierte Atmosphäre der Landschaft hervorruft.

Eine Erweiterung seines Bildkanons erfolgt ab 1926 durch die Hinwendung des Künstlers zu Motivregionen in Südbrandenburg, wie der Kurstadt Bad Liebenwerda und ihren umliegenden Siedlungen, Ziesar und seinen Landgemeinden. Wassermühlen in der leicht hügeligen Höhenlandschaft des Flämings und Flussabschnitte der Kleinen Elster werden zum stetigen Anziehungspunkt. Altenkirch bevorzugt, wie der Titel der Schau indiziert, die Alla-Prima-Technik, die eng mit seinem pleinairen Arbeiten einhergeht. In zügiger, unmittelbar reagierender Malweise trägt er die Farbe ohne vorbereitende Untermalung direkt auf die Leinwand auf. Der Farbauftrag erfolgt in sichtbaren, lockeren Pinselzügen und Spachtelungen; die Töne werden unmittelbar vor Ort auf der Leinwand gemischt, ein schichtweiser Aufbau oder nachträgliche Korrekturen bleiben weitgehend aus. Den Bedingungen der Arbeit im Freien entsprechend, sind es meist Werke mittleren Formats, die häufig in einer Sitzung ausgeführt werden, um die Spontaneität des Natureindrucks zu bewahren. 
Altenkirch steht für eine moderne Erweiterung des Landschaftsbegriffs, weniger im Sinne einer stilistischen Avantgarde, vielmehr durch eine nüchterne, entdramatisierte Auffassung von Landschaft als nicht hierarchisiertem Bildgegenstand, der als sinnlicher Erfahrungsraum aufscheint.
Katharina Arlt

Otto Altenkirch: Landschaft – Alla Prima in Städtischer Galerie Dresden, bis 27. September
www.galerie-dresden.de