Das Schweigen brechen

Interview François Ozon zu »Gelobt sei Gott«

Szene aus "Gelobt sei Gott"

Frankreichs Star-Regisseur François Ozon greift in »Gelobt sei Gott« einen Missbrauchsskandal der katholischen Kirche in Lyon auf, der die französische Justiz beschäftigt, erzählt von Opfern, die nach Jahren der Scham und des Schweigens Gerechtigkeit wollen. Die Berlinale ehrte dieses wuchtige Drama mit dem »Großen Preis der Jury«. Margret Köhler hat für die SAX mit dem Regisseur gesprochen.

SAX: Wir kennen Sie als großen Frauenregisseur. Woher kommt ihr plötzliches Interesse an männlichen Hauptfiguren?
François Ozon: Ich wollte mal einen Film über Männer machen, nicht über die üblichen Helden, sondern Männer und ihre Emotionen, ihre Schwäche, ihr Leid. Da stieß ich im Internet auf die Webseite von »La Parole libérée« (»Das befreite Wort«) und auf die schockierende Missbrauchsgeschichte. Ich nahm Kontakt zu dem Verein und zu Missbrauchsopfern auf, fokussierte mich auf drei Schicksale. Erst dachte ich an einen Dokumentarfilm, entschied mich dann aber für einen fiktionalen Film. Mütter und Frauen waren übrigens sehr wichtig. Ohne ihre volle emotionale Unterstützung hätten die Männer den schweren Kampf nicht geschafft.

SAX: Wie haben Sie das Vertrauen der Menschen gewonnen?
François Ozon: Sie hatten bereits viele Kontakte mit Journalisten und Dokumentarfilmern und vertrauten mir sofort, wussten wohl instinktiv, dass ich nicht sensationslüstern war und sie auch nicht verraten würde. Ich habe auch diese große Verantwortung gespürt. Nicht nur ihnen gegenüber, sondern auch ihren Familien, den Kindern gegenüber. Wir lernten uns langsam kennen und uns nahe zu sein. Am Anfang forderten sie mich auf, eine französische Version von »Spotlight« (ein amerikanischer Film über einen Missbrauchsskandal in Bosten von 2015, Anm. d. Red.) zu machen.

SAX: Was ging in Ihnen vor, als Sie sich mit den Vorfällen beschäftigten, die Briefe und Mails lasen, mit den betroffenen Männern redeten?
François Ozon: Ich spürte eine Riesenwut über diese Ungerechtigkeit und das kollektive Schweigen der Kirche, darüber, dass der Priester Bernard Preynat, der sich an über 70 Jungen vergangen haben soll, vom Erzbischof gedeckt und nur in eine anderer Gemeinde versetzt wurde, statt ihn seines Amtes zu entheben und vor Gericht zu stellen. Dass dieser Mensch überhaupt nicht kapiert, was er angerichtet hat, ist für mich unverständlich. Gleichzeitig bewundere ich die drei Protagonisten und andere Opfer für ihren Mut. Der Film nimmt ihre Perspektive ein, steht voll auf ihrer Seite.

SAX: Sind Sie gläubig?
François Ozon: Ich habe eine antiklerikale Erziehung genossen, glaube nicht an das Paradies oder ein Leben nach dem Tode. Es geht hier aber nicht um ein Problem des Glaubens, sondern um ein Problem der verkrusteten Institution Kirche. Alle Institutionen, ob in Religion, Sport oder Erziehung, haben die Neigung, sich zu verselbständigen, schmoren im eigenen Saft und verlieren oft den Bezug zu denen, die sie vertreten. Die Kirchen predigen Liebe, aber im Namen der Religion finden und fanden immer schon Kriege statt. Sehr zweifelhaft finde ich die Vorstellung von Vergebung. Bete einen Rosenkranz oder drei »Vater unser« und alles ist wieder gut, kann man beruhigt eine neue Seite aufschlagen. Das halte ich für abstrus.

SAX: Welche Reaktionen erhalten Sie aus katholischen Ländern?
François Ozon: Die ersten Käufer kamen aus katholischen Ländern und wollten den Film, ohne ihn gesehen zu haben. Allein das brisante Thema reichte. Was im Film passiert, passiert ja nicht nur in Frankreich, sondern in der ganzen Welt. Die Erkenntnis bei den Verantwortlichen in der Kirche ist da. Aber den starken Worten folgen leider keine Taten. Der italienische Verleiher hat sogar sofort eine Vorführung im Vatikan organisiert.

SAX: Wird das Thema längerfristig auf der Agenda bleiben oder erschöpft es sich als Hype?
François Ozon: Die Vereinigung »La Parole Liberée« präsentiert immer neue Fälle. Die Kirche kann nicht mehr zurück und so tun, als wäre nichts gewesen. Wenn sie schweigt, wird trotzdem in der Öffentlichkeit über den Missbrauch durch Priester gesprochen. Was meinen Sie, was da los ist, wenn die Fälle aus Afrika publik werden? Da kommt noch was auf uns zu.

SAX: Hoffen Sie, mit Ihrem Film, etwas verändern zu können?
François Ozon: An der Erneuerung der Kirche kommt niemand vorbei. Hinter vorgehaltener Hand geben das auch die Bischöfe zu. Aber Hierarchien aufzuweichen, ist immer kompliziert. Die Veränderungen, vielleicht sogar eine Revolution, müssen von der katholischen Basis kommen, auch von den Frauen, die bisher wenig zu sagen haben. Wenn sich die katholische Kirche nicht den Problemen stellt, wird sie langfristig verschwinden. Schon jetzt hat sie an Bedeutung verloren. Wir müssen die Mauer des Schweigens brechen. Ich hoffe, ein paar Denkanstöße zu geben.