Der Mensch als lernendes System

Peggy Mädlers »Selbstregulierung des Herzens« – Lesung am 10. November in Dresden

Foto: Wenke Seemann/Galiani Berlin

Ja, es gab ein Leben vor der KI. Ein Wirtschaftsleben, gelenkt nicht von Hightech-Konzerten, sondern von Parteipolitik. Im real existierenden Sozialismus als Kybernetik gepriesen. Sicherlich kein Stoff, um einen Roman zu schreiben. Die 1976 in Dresden geborene Peggy Mädler hat es trotzdem getan. Ihre »Selbstregulierung des Herzens« verbindet Privatleben mit gesellschaftlichen Grundlagen. Und findet dazwischen neben Abgründen, Gegensätzen und Widersprüchen auch reichlich Poesie und Atmosphäre: »Und ringsherum Blaubeeren, so viele Blaubeeren!«

Dieser Satz führt ins seenreiche Waldgebiet bei Bernau in der Nähe von Berlin. Eine geschichtsträchtige Landschaft, nicht erst, seit der Zweite Weltkrieg an seinen Ursprung zurückkehrte. »Die Gewalt in den Köpfen und Herzen lässt sich nicht über Nacht umprogrammieren«. Peggy Mädlers Roman steckt voller Geschichte und Geschichten, umfasst eine Handvoll Jahrzehnte, in denen Menschen, Dörfler ebenso wie Leute aus der Stadt, ihre Lebensräume entdecken, Berufswege finden, Familien gründen. Die Verbindung von Privatem und Gesellschaftlichem ist überzeugend. Keine blutleeren Abziehbilder, sondern Individuen mit Einzelschicksalen, die sich ins Gegebene fügen, es verändern wollen, wo sie es nicht akzeptieren können.

»Das bisschen Leben durfte einfach kein Drecksleben sein.« So ein Satz beinhaltet Aufbegehren und Anspruchsdenken, auch in der Mangelwirtschaft, die sich in den Betrieben und in den Regalen zeigte. Selbstregulierung des Herzens heißt, Gefühle im Zaum zu halten, an ihnen nicht zu verzweifeln. Und doch wurde geliebt, getanzt, gefeiert, wurden Kinder in die Welt gesetzt. Peggy Mädler geht aber darüber hinaus, hat einen geradezu raffinierten Weg gefunden, diese menschliche Ebene mit sozialistischen Produktionsprozessen zu verbinden. »Das Ziel der industriellen Kybernetik besteht darin, die Fähigkeit des Systems zu stärken, sich selbst das optimale Verhalten beizubringen.«

Kybernetik also, schon mal gehört? Die Kunst des Steuerns ineinander verflochtener Prozesse. Dumm nur, wenn parteipolitische Betonköpfe diese Optimierung blockieren. Der VIII. Parteitag der SED verkündete das Ende von Kybernetik und Reformplänen. »In der Zeitung stand es unmissverständlich: Eine Wissenschaft, die behaupte, komplexe Systeme seien in der Lage, sich überwiegend selbst zu regulieren, könne nichts anderes sein als eine Pseudowissenschaft. Darunter die altbekannten Floskeln und Schlussfolgerungen. Unsere sozialistische Produktion kann nur zentral organisiert und gesteuert werden.«

In geschickten Analogien hat Peggy Mädler Menschen beschrieben, die sich an den Lebensbedingungen reiben, sich so oder so arrangieren, entweder in den Westen fliehen oder zu den Blaubeeren vor den Toren Berlins. Eine eindrückliche Lektüre, lebendig und nachvollziehbar trotz aller Theorielastigkeit. Die Figuren gehen unterschiedlichste Wege, bleiben sich treu oder verraten eigene Ideale. Die Jahre nach 1989/90 – Abwicklung, Arbeitslosigkeit, steigende Mieten – werden allerdings wie im Zeitraffer beschrieben: »Kein materielles System ist absolut stabil. Es handelt sich stets nur um eine zeitlich endliche Stabilität …«

Die Idylle, die nie eine war, wird wie eine Seifenblase zerplatzen. Plötzlich kommen Alteigentümer, Neureiche und sonstige Investoren in die Waldsiedlung. Profitorientierte Glücksritter, die das Potential der Gegend im Sinn haben.

Die Autorin gibt viele Einblicke in das gewesene Land: Liebesleben und Wirtschaft, Gesundheitswesen und Bildende Kunst, Wohnungsnot, Parteidogmatismus und menschliche Abgründe. Literarische Vitalität, die Raum für Abstrakta lässt: »Der Mensch ist ja eigentlich ein lernendes System, aber gleichzeitig so fehleranfällig. Manche Gewohnheiten sind so stark, dass sie keine neuen Denkweisen zulassen.« Klingt irgendwie auch heutig. Kein Grund also, Peggy Mädlers »Selbstregulierung des Herzens« ausschließlich als DDR-Roman zu bezeichnen. Die Bücher des Nobelpreisträgers László Krasznahorkai zum Beispiel werden doch auch nicht Ungarn-Romane genannt.
Michael Ernst

Peggy Mädler: Selbstregulierung des Herzens Galiani-Verlag, 23 Euro
Peggy Mädler liest am 10. November in der Bibliothek Laubegast