Literarisches Denkmal
Nora Gomringer nennt den Nachruf auf ihre Mutter einen »Nachrough«
Die Schriftstellerin Nora Gomringer hat Abschied genommen von ihrer Mutter. Nortrud Gomringer, Germanistin und Lektorin, starb Ende 2020 mit 79 Jahren. Die 1980 geborene Tochter hat ihr ein literarisches Denkmal gesetzt und nennt den Nachruf einen »Nachrough«. Es gehe ihr in diesem Buch, so schreibt sie, ums Überleben, »wenn auch nur im Erinnern.«
Dieses Erinnern ist kein klassischer Roman. Es verrät, wie jeder gute Nachruf, sehr viel über die Lebensumstände der verstorbenen Person, gibt aber auch viel Persönliches der Autorin preis. Und über Nora Gomringers Verhältnis zur Mutter: »Nun hebe ich an, aus ihr eine Erzählte zu machen, befürchte, sie könnte mir erscheinen und sich beschweren über ihre allzu ausgebreitete Natur, aber auch die Preisgabe ihrer Wunden.«
Wunden hat diese von der Tochter für ihre Kraft, ihre Empathie und für ihre Schönheit sehr verehrte Frau jede Menge erfahren, nicht zuletzt durch Noras Vater Eugen Gomringer, dem Doyen der »konkreten poesie«. Die Tochter berichtet offenherzig und schonungslos von ihren Eltern, »(…) die dann eine Einheit bilden, wenn ihre fortgeschrittene und herbe Vereinzelung, ihre Feindlichkeiten enttarnt werden. Auch diese Uneinigkeiten verbinden schließlich.«
»Am Meerschwein übt das Kind den Tod« ist dennoch alles andere als ein Familienalbum. Über einen Großvater (guter Arzt und SS-Mann) geht es in die Nazizeit, mit Seitenhieben auf Trump und AfD in Abgründe von heute. Reiseerinnerungen frischen vergangene Jahrzehnte auf, über Generationen hinweg geht es um Liebe, Betrug, Eifersucht und Verrat. Mit Meerschweinen hat das insofern zu, als dass eins dieser Tierchen im Hause Gomringer in die Badewanne fiel, ein anderes vom Haushund gebissen worden ist. »Die Meerschweinchen waren meine ersten Toten«, erklärt Gomringer. Traumatische Erfahrungen für ein Kind.
Im Zentrum späterer, prägender Verwerfungen steht aber etwas anderes. Nora Gomringer nennt es »Familiendysfunktionalität«. Unter der vor allem ihre Mutter litt: »Ich fand sie zweimal mit geöffneten Pulsadern und stand zweimal verloren im Türeingang, als sie weggefahren wurde, nachdem ich zweimal den Notarzt gerufen hatte. Ich putzte zweimal das Bad, versuchte zweimal meinen Vater zu erreichen. Ich erinnere mich nicht, ob er beide Male kam. Ich wollte ja gar nicht, dass er kommt, dachte nur, dass es wichtig war, dass er vom Unglück wusste.«
Eugen Gomringer, Ende August mit 100 Jahren verstorben, wird von der Tochter nicht vorgeführt, nicht denunziert. Sie hat ihn geliebt, bewundert, ist gemeinsam mit ihm aufgetreten und hat ihn bis zuletzt unterstützt. »Wir hatten ein Leben gefunden, in dem Papas Schweigen viel weniger Macht hatte als noch vor ein paar Jahren.«
Schweigen war ein großes, ein poetisches Thema für Eugen Gomringer. Ge- und beschwiegen wurden aber auch Teile der Familiengeschichte mit wechselnden Frauen und Müttern, mit immerhin sieben Halbbrüdern von Nora Gomringer, »ehelichen und nebenehelichen«, wie sie es nennt.
»Das verzieh ich meinem Vater nicht. Nach Jahren teilten meine Brüder und ich dieses Gefühl miteinander: die Schuldgefühle unserer Mutter gegenüber, die wir nicht vor meinem Vater und der Überforderung, die ein Zusammenleben mit ihm bedeutete, schützten.«
Vom »Spätherbst im Elternhaus« schreibt Nora Gomringer, indem sie dort einer sehr persönlichen »Zeitenwende« gewahr wurde, Mitleid hat mit der geliebten Mutter. Da ist sie, Nora, ganz die Tochter der Frau des schreibenden Vaters und bezieht solidarisch Position: »Die Frauen sind Künstlerinnen des Wartens, webende Penelopes. Die Männer verschwinden nämlich. Um zu arbeiten, um den Geist frei zu kriegen, um zu vergessen, um neu anzusetzen.
Nortrud Gomringer, eine Frau im Schatten ihres Mannes? Nora Gomringer hat ihre Mutter diesem Schattendasein entrissen, ihr ein literarisches Denkmal gesetzt, das Familien- und Zeitgeschichte miteinander verbindet, das trotz der ernsten Thematik schelmische Seitenhiebe und Augenzwinkern beinhaltet und die »Unausweichlichkeit des Endes« in ein ganz eigenes Licht stellt.
Michael Ernst
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