Eine Band findet sich

Was Woods Of Birnam aus ihren "Anniversary Sessions" mitnehmen

Woods Of Birnam. Foto: Lutz Michen

Zeit ist relativ, wer wollte es bestreiten. Ein zehntes Gründungsjubiläum mag von außen betrachtet kaum der Rede wert sein. Bei Woods Of Birnam verständigten sie sich zum Abschluss der ersten Dekade ihres Bestehens auf eine intensive Selbstbefragung, um sich Klarheit zu verschaffen über das gemeinsame Woher und Wohin. Die Gelegenheit war günstig, verrät Sänger und Frontmann Christian Friedel beim Interviewtermin. Wegen der Coronabeschränkungen ist an fast keine anderen Bandaktivitäten zu denken gewesen als Neueinspielungen alter Songs anzufertigen oder sich dem einen oder anderen neuen Song zu widmen. Das Material, das aus den "Anniversary Sessions" hervorging, füllt insgesamt drei EPs. Die erste erschien als Deluxe-Boxset, zusammen mit einem Fotobildband und limitiert auf hundertfünfzig Exemplare. Nummer drei ist für Dezember 2021 angekündigt, die Zeit bis dahin überbrückt durch einige wenige Konzertauftritte. Einer davon findet am 30. Oktober in Dresden im Alten Schlachthof statt – natürlich ausverkauft.

Welcher Erkenntnisgewinn ergab sich aus den Neueinspielungen der alten Songs?
Es brauchte seine Zeit in den ersten zehn Jahren unseres Bestehens, bis wir sagen konnten, was die Woods Of Birnam eigentlich ausmacht. Wenn man auf das vorläufige Gesamtwerk zurückschaut, entdeckt man eine unglaubliche Fülle an Ideen, an Herangehensweisen, an verschiedenen Träumen, denen wir nachgegangen sind, jeder einzelne von uns. Während der Neueinspielungen wurde uns bewusst, wie gut es uns gelungen ist, eine gemeinsame Vision zu entwickeln. Inzwischen wissen wir, dass wir dann am besten sind, wenn wir projektbezogen arbeiten, wenn wir nicht den Weg gewöhnlicher Rockbands gehen, uns nicht der Routine des nächsten Albums, der nächsten Tour unterwerfen. Das macht auch Spaß, aber das sind nicht wir. Uns ist, ich will nicht sagen ein Hang zum Größenwahn eigen, aber doch der Hang zum Theatralischen. Auch die Verbindung unterschiedlicher Kunstformen entspricht uns sehr. Durch die "Anniversary Session" vermittelt sich eine ungeheure Lust, weil wir ein Projekt hatten, und das Projekt sollte den Blick zurück und nach vorn richten.

Die bislang veröffentlichten ersten beiden EPs der "Anniversary Sessions" enthalten jeweils sechs Songs, fünf davon alte Stücke aus den Alben "Woods Of Birnam", "Searching For William", "Grace" und "How To Hear A Painting". Ergibt sich zusammen mit dem jeweils einen neuen Song auch eine neue Geschichte?
Ich weiß nicht. Unser Ansatz war, dass die Woods Of Birnam immer sehr atmosphärisch sind, sehr dicht, sehr komplex arrangiert. Wir dachten, wir entblättern das mal und versuchen intimer, nahbarer zu werden. Auch zu schauen, wie die Stücke entstanden sind. Teilweise wurden sie am Klavier geschrieben, teilweise waren sie eher akustisch gedacht, manche sind reine Solosongs. Uns fiel auf, dass ein guter Song jede Interpretation verträgt und sich dennoch treu bleibt. Die Songs daraufhin zu hinterfragen, das fanden wir spannend. Ich denke, die Songs der "Anniversary Sessions" können für sich stehen. Als ich meiner Schwester neulich unsere dritte EP vorspielte, meinte sie, dass ihr gar nichts bekannt vorkommt. Aber es sind Songs aus "Searching For William" drauf. Sie war erstaunt, dass sich ein neuer Zugang ergab, so herausgelöst aus dem ursprünglichen Kontext.

Einer der neueingespielten Songs ist "The Wind" aus "How To Hear A Painting". Das Original wirkt eher statisch. Durch das dem Reggae abgelauschte Bassintro der Neueinspielung entfaltet sich fast eine karibische Leichtigkeit.
Genau, das erinnert ein bisschen an The Good, The Bad & The Queen, die Band von Damon Albarn. Ursprünglich war das eher ein derber Rocksong, entstanden für ein Theaterprojekt, später für "How To Hear A Painting" reaktiviert und orientiert an Depeche Mode und Nine Inch Nails. Nachdem wir uns auf das Wesentliche konzentrierten und locker gejammt haben, verwandelte sich das wie von selbst in einen Reggae. Plötzlich bekam der Song Luft, etwas, woran es den Originalen oft mangelt. Oder der Gesang, die gesamte Instrumentierung, das ist früher meist in einem großen Ganzen untergegangen.

Der Eindruck entsteht tatsächlich, dass die Neueinspielungen Luft zum Atmen lassen.
Was sicherlich auch daran liegt, dass zum Zeitpunkt der Sessions noch Lockdown herrschte, wir uns aber Coronatests besorgten, uns vor jeder Session getestet haben und überglücklich waren, endlich wieder zu fünft in einem Raum zusammenkommen zu können. Unsere einzige Regel war, dass jeder nur ein Instrument spielt, wir auf nachträgliche Overdubs möglichst verzichten und stattdessen aus dem Moment heraus interagieren. Auch dadurch wirkt die Musik so lustvoll. Man spürt, dass wir Bock hatten wieder Musik zu machen nach einer sehr langen Pause. Einfach drauflos spielen, das war neu für uns als Band.

Enthalten die ersten beiden EPs Songs, von denen sich behaupten ließe, dass sie Wendepunkte in der Bandgeschichte markieren?
"The Healer" von der zweiten EP war der erste Song, der als richtiger Bandsong entstand. Davor verarbeiteten wir vorrangig Material aus meinen Soloprojekten. "The Healer" wurde komplett im Bandkollektiv geschrieben, einer der wichtigsten Songs für uns! Und "A Fairy Song" war einer der ersten Songs, die mit unserem Produzenten Olaf Opal aufgenommen wurden für "Searching For William", was ebenfalls ein entscheidender Wendepunkt für uns war, weil wir dort erstmals bewusst keine gewöhnliche Rockband sein wollten. Es ging um ein Theaterstück, das unterschiedliche Kunstformen miteinander verband.

Und der Unterschied zu einer gewöhnlichen Rockband ist, dass ihr eher projektbezogen arbeitet?!
Ja, weil wir denken, dass wir, so wie wir Musik machen, wie wir unsere Songs arrangieren, etwas Zeitloses schaffen, was toll ist, weil es überdauern kann. Aber es verweigert sich oft dem Mainstream, ohne, dass das beabsichtigt wäre. Es ergab sich einfach. Wir denken, das Theatralische funktioniert am ehesten im Zusammenhang mit einer visuellen Komponente oder einem starken Inhalt dahinter. Nach "Searching For William" erschien mit "Grace" unser drittes Album, auf dem wir uns wieder als gewöhnliche Rockband versuchten. Dort sind Songs enthalten, von denen wir dachten, dass sie radiotauglich sind. Aber selbst bei den Songs, die im Radio laufen könnten, gibt es oft eine unerwartete Wendung, oder die Songs sind sechs Minuten lang. Heute müssen Songs zweidreißig lang sein, damit sie im Stream, in den diversen Playlists funktionieren. Wir mussten uns eingestehen, dass uns das nicht im Geringsten interessiert. Was wir am besten können, sind Theaterabende wie "Searching For William" oder etwas wie "How To Hear A Painting", wo das Publikum mit einem Gesamteindruck nach Hause geht. In solchen Zusammenhängen funktionieren wir hervorragend. Als gewöhnliche Rockband müssten wir auf Ochsentour gehen und uns über Land ein Publikum erspielen, was schon rein zeitlich kaum machbar wäre wegen meiner Verpflichtungen als Schauspieler.

Eben, das ist die spannende Frage: Wie bringst du die Band mit Filmproduktionen des Kalibers "Babylon Berlin" oder Engagements am Dresdner Staatsschauspiel unter einen Hut?! Keine von deinen Schauspielverpflichtungen ließe sich irgendwie so nebenher abwickeln.
Wenn ich hochrechne, investiere ich die meiste Zeit im Jahr in die Band. Aber dazwischen gibt es Blöcke, in denen ich Filme drehe, Theaterengagements annehme. Ich plane jeweils von Block zu Block. Hätten wir den Fokus stärker auf die Musik gelegt, wer weiß, wie sich die Band dann entwickelt hätte. Aber das Schöne ist, dass dadurch, dass ich die Band in meine Schauspielprojekte mit einzubinden versuche, etwas entsteht, das nicht jeder hat. Man muss nur den Mut aufbringen, diesen Weg konsequent zu gehen. Vielleicht könnten wir da in Zukunft noch etwas mutiger sein.

Deluxe-Editionen wie die erste EP eurer "Anniversary Sessions" sind inzwischen keine Ausnahme mehr. Das ist schön ist für die Sammler, die exklusive Veröffentlichungen mögen, setzt aber auch ein gewisses Budget voraus. Andererseits verkaufen sich herkömmliche Tonträger kaum noch, außer vielleicht Vinyl.
Normale CDs verkaufen sich so gut wie gar nicht mehr. Wenn du auf Tour gehst und etwas dabei hast, das die Leute nach der Show als schöne Erinnerung mit nach Hause nehmen können, ist das toll. Die ganz großen Fans müssen natürlich alle Formate besitzen. Ich selbst kaufe nur noch Vinyl. Ich liebe es, die Scheiben aufzulegen. Aber viele sagen sich inzwischen: Warum sich mit Schallplatten belasten? Die Musik gibt es zum Spottpreis bei den Streamingdiensten. Du kannst dort deine Musik überall mit hinnehmen. Für uns Musiker lohnt sich Streaming noch nicht, die Verteilung der Erlöse finde ich wahnsinnig ungerecht. Aber genau deshalb bieten Bands solche Deluxe-Pakete in limitierter Auflage an, damit der Liebhaber etwas Haptisches, etwas Besonderes in die Hand bekommt. Wir haben es selbst erlebt. Nach unserer Ankündigung, dass da etwas erscheinen wird, sind hundertfünfzig Pakte rausgegangen, ohne dass die Empfänger wussten, was in Volume One der "Anniversary Sessions" überhaupt drin ist, was ein toller Beweis ist, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Unser Publikum vertraut uns!

Was steht als nächstes an?
Der Soundtrack zu "Macbeth", unserer nächsten Theaterproduktion, ist fertig eingespielt und wird zur Premiere im September 2022 am Dresdner Staatsschauspiel erscheinen. Als nächstes werden wir die Musik zu einem Theaterstück von Robert Wilson beisteuern. Das ist eine große Ehre für uns, Robert Wilson arbeitete unter anderem mit Tom Waits, Rufus Wainwright und Antony & The Johnsons. Das Theaterstück heißt "Dorian" und wird unser übernächstes Album.
Bernd Gürtler


Woods Of Birnam 30. Oktober, Alter Schlachthof (ausverkauft)
"Anniversary Sessions" (Royal Tree)
www.woodsofbirnam.com