Ich glaube an die Kraft der Gemeinschaft

Ein SAX-Gespräch mit Bonnie Prince Billy vor seinem Konzwert am 9. August im Parkhotel

The artist officially known as Bonnie Prince Billy erwarb sich nicht von ungefähr den Ruf, kein Ausbund an Mitteilsamkeit zu sein. Aber Menschen ändern sich, man mag es kaum glauben. Wortkargness war gestern, ergab eine Interviewverabredung für die SAX per Bildschirmschalte.

SAX: Rezensenten sind sich einig, »We Are Together Again« vom Frühjahr ist dein bestes Album überhaupt. Bist du derselben Ansicht?
Bonnie Prince Billy: Das findet sich häufig in den Erzählungen von Kreativen, dass sie behaupten, ihre jüngste Hervorbringung sei ihre beste. Ich würde ungern etwas in der Art von mir geben, für mich fühlt sich das nicht richtig an. Was sich höchstens sagen lässt, ist, dass »We Are Together Again« einiges von dem bündelt, was über die vergangenen Jahre an Erstaunlichkeiten und Wertschätzbarem zusammengekommen ist.

SAX: Der Eröffnungssong »Why Is The Lion« beginnt mit der Zeile »Why is the lion still here, outside?« und erweckt spontan den Eindruck einer Gutenachtgeschichte für Kinder unter dem Motto, sorge dich nicht, Mama und Papa sind bei dir. Die zweite Zeile »Why is our bravery tested?« legt nahe, es geht eher um die Sorgen und Ängste der Eltern. Der Löwe draußen vorm Fenster dient als Metapher für die verstörende Gegenwartswirklichkeit. 
Bonnie Prince Billy: Das spielt mit hinein. Ich lese gerade Jason Burkes »The Revolutionists«, eine Abhandlung zur Geschichte des Terrorismus seit den späten Sechzigerjahren bis in die Neunzehnhundertachtziger. Wenden wir unseren Blick in die Vergangenheit, stellen wir fest, dass der Irrsinn, die Gewalt, die wir erleben, nicht uns allein betrifft. Ich bin es leid, dieses Konzept von Glaube vs. Nichtglaube. Die Metapher des Löwen berührt eine Urangst aus der frühen Menschheitsgeschichte. Wir sind nicht mehr tatsächlich durch Raubtiere bedroht wie in der Steinzeit, empfinden das aber, weil wir uns fragen, weshalb wir ständig in Alarmbereitschaft sind, um uns selbst, unsere Familie, unsere Community zu beschützen. Welche Ertüchtigungen brauchen wir, um über den Tag zu kommen, ohne die Hoffnung zu verlieren? 

SAX: Stichwort Community, Gemeinschaftssinn scheint eine wirkungsvolle Antwort auf die von Irrsinn und Gewalt heimgesuchte Gegenwartswelt draußen vor der Haustür. Du gehst mit gutem Beispiel voran, »We Are Together Again« wurde nicht irgendwo, sondern bei dir zu Hause in Louisville, Kentucky, aufgenommen, mit Musikern von vor Ort. 
Bonnie Prince Billy: Ich glaube an die Kraft der Gemeinschaft, absolut! Im Laufe unseres Lebens erkennen wir, was unsere Bestimmung ist, wer wir sind, wie wir in die Welt passen oder eben nicht reinpassen. Irgendwann erkannte ich den positiven Wert von Gemeinschaft als entscheidend für Sicherheit, Geborgenheit, Kreativität, ein erfülltes Leben. Ich schätze mich glücklich, dass ich verschiedene Formen von Gemeinschaft erleben durfte. Ich betrachte es als meine Aufgabe, den Wert von Gemeinschaft hochzuhalten, besonders für jene, die selten bis gar nicht in den Genuss kommen. Gemeinschaft ist eine Utopie, aber eine notwendige.

SAX: »The Purple Bird«, das Vorgängeralbum zu »We Are Together Again«, entstand in Nashville, Tennessee, der Welthauptstadt der Country Music. Angefangen bei Bob Dylan, Neil Young, Paul Simon oder Joan Baez sind immer wieder Nichtcountrymusiker nach Nashville gepilgert. Woher diese Anziehungskraft? 
Bonnie Prince Billy: Man fühlt sich dort sofort eingebunden in eben eine Community, die über Jahrzehnte gewachsen und lebendig geblieben ist wie keine zweite der amerikanischen Musiklandkarte. Die Sessionmusiker, die an »The Purple Bird« beteiligt waren, sind überdurchschnittlich versiert. Von Natur aus verfügen sie über die Fähigkeit, durch Musik etwas zum Ausdruck zu bringen. Sie schauten sich um in der Welt und fragten sich, wohin sie gehören, und kamen nach Nashville. Das erste Mal mit Sessionmusikern in Nashville gearbeitet habe ich 2005 bei »Master and Everyone«. Das war, als wäre ein Traum wahr geworden. Ich traf auf Musiker, die dazu bestimmt sind, musikalischen und emotionalen Ideen Gestalt zu verleihen. Das ist in ihrer DNA. Du schaust als Teenager in den Spiegel und erkennst, was dich einzigartig macht. Um sich nicht wie ein Außerirdischer vorzukommen, fragst du dich, was du mit deiner Einzigartigkeit anstellen könntest. Für diese Leute beantwortet sich die Frage durch ihren besonderen Zugang zur Musik. Sie kommen in Nashville zusammen und machen Dinge möglich. 

SAX: »The Purple Bird« und »We Are Together Again« haben eines gemeinsam, beide sind freundlicher, fast heiter im Unterschied zu früheren Alben. Dein Albumdebüt hieß »I See Darkness«, aus guten Gründen. 
Bonnie Prince Billy: Das Album erschien in den späten Neunzigern, damals erkannte ich, dass mir nur ein Weg offensteht, nämlich die Musik. Ich hatte meinen Platz noch nicht gefunden oder Menschen, mit denen ich auf natürliche Weise kommunizieren kann. Das war befremdlich, weil mir bewusst wurde, dass ich, wenn ich keine Musik mache, nicht existiere. Ich hatte keine Vorstellung, wer meine Community sein könnte. Ich bin unter Künstlern in Kentucky aufgewachsen, mit Theater, mit bildender Kunst, mit Musik. Aber an einem bestimmten Punkt erkannte ich, meine Vorstellungen sind andere. Das war beängstigend, aber als ich wegen »Master And Everyone« nach Nashville ging, dämmerte mir, dass ich jetzt ankommen kann. In Nashville leben Menschen, die Musik atmen, dort gehöre ich hin. »We Are Together Again« hätte nicht in Nashville entstehen können, sondern nur in Kentucky. Das Album beruht auf dem Miteinanderteilen gemeinsamer Krisenerlebnisse, Freundschaften, Erfahrungen, Inspirationen. 

SAX: Wegen der Düsternis deiner Songs, auch schon bei Palace Music, deiner Band aus Anfangstagen, wurdest du mit dem Unabomber Ted Kaczynski verglichen. Das britische Mojo Magazine jedenfalls schrieb, dass du jemand bist, der aus dem Dickicht des Unterholzes hervorgekrochen kommt und regelrecht gefährlich ist. Hat das mit deinem eigenen Bild von dir übereingestimmt? 
Bonnie Prince Billy: Mein Mitgefühl denjenigen, die durch Ted Kaczynski zu Schaden gekommen sind, das vorweg. Bei mir selbst erkenne ich tatsächlich auch einen Hang zum Extremismus, aber ausschließlich in Bezug auf Kunstaktivitäten. Das lässt sich kaum leugnen. Sowohl in der Kunst als auch im Alltag versuche ich, solche Impulse in etwas Positives zu verwandeln. Das war auch bei »I See Darkness« der Fall. Meine Absicht damals war, eine Verbindung aus Wärme und Humor herzustellen. Ich kann nachvollziehen, wenn Künstlerkollegen freiwillig aus dem Leben scheiden, weil es ihnen nicht gelingt, eine Beziehung zur Lebensrealität herzustellen. Aber ich beschloss, daraus zu lernen. Ich werde der Lebenswirklichkeit nicht entfliehen können, kann das aber in etwas Konstruktives verwandeln, das mir und hoffentlich anderen weiterhilft. Dass wir als Menschheit zuletzt vom Weg abgekommen sind, ist kein Geheimnis. Was aber kann Musik leisten, wenn nicht für Zusammenhalt sorgen? Dass wir Erfahrungen, Nöte, Ängste, die Dunkelheit, die uns niederdrückt, miteinander teilen? 

SAX: Einige deiner Songtexte sind heftiger Stoff. »I hold his arms/Fuck him with something/The fuck he deserves it«, heißt es beispielsweise in »A Sucker's Evening« von Palace Music. 
Bonnie Prince Billy: Das geht zurück auf bestimmte Filmerlebnisse aus Teenagertagen, Rod Luries »Straw Dogs« zum Beispiel. Ich musste das Kino verlassen, weil ich entsetzt war, was sich mir auf der Leinwand bot. Ich überlegte, weshalb ich bestürzt war, warum Kunstwerke existieren, die mich derart verstören? In uns angelegt ist ein Empfinden für Angst und Bedrohung, das durch Kunst mitunter getriggert wird. Aber ich singe die Zeilen aus "A Sucker's Evening" nicht, weil ich verstören will. Gerichtet war das an Menschen, die ich liebe, um Dinge auf den Tisch zu legen. Das Album, von dem der Song stammt, heißt "Arise Therefore" und entstand mit Steve Albini als Produzenten, David Grubbs von Bastro und Gastr del Sol war als Keyboarder dabei. Beide genießen meinen unbedingten Respekt. 

SAX: Deine kürzlich an Alzheimer verstorbene Mutter war bildende Künstlerin und hat an der Covergestaltung zu mehreren deiner Alben mitgewirkt.
Bonnie Prince Billy: In einer früheren Phase arbeitete sie mit Collagen, später mit Spiralbildern. Das letzte Albumcover, das von ihr stammt, ist das zu »The Wonder Show Of The World« von Bonnie Prince Billy & The Cairo Gang. Der Hahn auf »Ease Down The Road« oder der Totenschädel vorn auf »I See Darkness« stammen auch von ihr. Sie hat gemalt, bis es nicht mehr ging.

SAX: Bürgerlich heißt du Will Oldham, dein Bühnenname geht unter anderem zurück auf Bonnie Prince Charlie, eine historische Gestalt aus der Geschichte Schottlands. Was findest du interessant an dem Mann?
Bonnie Prince Billy: Mit zwölf, dreizehn war ich Mitglied einer Theatertruppe. Wir besuchten Schottland und dort die Wirkungsstätten von Bonnie Prince Charlie. Parallel war ich auf Robert Louis Stevensons Roman »Kidnapped« gestoßen, in dem Bonnie Prince Charlie eine Figur ist, auf die sich ständig bezogen wird, die aber nie auftaucht. Meine Idee war, Bonnie Prince Billy ist jemand, der existiert, aber auch nicht existiert, der nie anwesend ist und trotzdem als humanistische Kraft Entscheidungen und Aktivitäten dominiert.    Interview: Bernd Gürtler

Bonnie Prince Billy 9. August, 20 Uhr, Parkhotel
www.bonnieprincebilly.com