Noch schöner machen

Andi Valandi über »Arbeitslose Pornokatzen und ein kleines bisschen Wein«

Andi Valandi, Selin Hatice Wutzler und Frank Dresig (v.l.n.r.). Foto: mysticpizzajoe78

Ein Webeintrag zum Interrobang in der Dresdner Neustadt kalauert, dass es sich um ein »verkehrsgünstig am Radweg zwischen Berlin und Dresden« gelegenes Arbeitsrefugium handelt. In diesen Räumlichkeiten tummeln sich »nicht nur laptopende Soloselbstständige und prokrastinierende Freifunknutzer, sondern es finden auch ab und zu Ausstellungen und Veranstaltungen statt. Je nachdem, wann die Betreiber Bock drauf haben.« Gäbe es einen besseren Ort, sich mit Andi Valandi zu verabreden, um über sein drittes Album »Arbeitslose Pornokatzen und ein kleines bisschen Wein« zu sprechen? Ein Interview von Bernd Gürtler.

SAX: Die Albumproduktion hat sich hingezogen. Bist du froh, dass es endlich geschafft ist?
Andi Valandi: Nein, es hat Spaß gemacht, daran zu arbeiten. Gerade höre ich mir das Album auch selber andauernd an und schäme mich ein bisschen dafür. Sich sein eigenes Zeug anzuhören, ist immer etwas komisch. Aber es gibt ein paar Songs, in die ich mich reinlegen könnte.

SAX: Zum Beispiel?
Andi Valandi: »Selbst nicht lieb«, »Porno« oder »Ein kleines bisschen Wein«. Das sind die drei Songs, die ich mir als Auskopplung vorstellen könnte, zusammen jeweils mit einem Video.

SAX: Was ist dir wichtig an den Songs?
Andi Valandi: Ich glaube, die fassen alles ganz gut zusammen, wenn man sich Gedanken macht über die Gesellschaft und wo wir vielleicht hinwollen. Was die Probleme, was deren Ursachen sind. »Selbst nicht lieb«, das stimmt, wir haben uns selbst nicht lieb. Deshalb muss man ein bisschen rumspinnen, was stattdessen sein könnte. Draußen in der Natur mit einem Wein, das wäre ein Vorschlag. Ein Unterschied zu dem, was wir haben.

SAX: Was stört dich am meisten an dem, was wir haben?
Andi Valandi: Gerade stört mich weniger als früher. Geboren 1990, gehöre ich zur Generation der Millennials. Ich bin aufgewachsen in einer Zeit, in der alles ziemlich starr war. Da konnte man nicht mehr rebellieren, weil es die Anarchoaufkleber bei H&M gab. Es war klar, dass du zur Schule, dann arbeiten gehst und versuchen musst, erfolgreich zu sein. Alternativen gab es kaum. Es gab die Erzählung vom Ende der Geschichte. Kein gutes Gefühl zum Aufwachsen. Diese Erzählung bröckelt jetzt, und ich würde sagen, wir erleben gerade das Ende vom Ende der Geschichte. Ich finde es spannend, dass die Dinge wieder in Bewegung kommen. Wir erleben jetzt natürlich auch Brüche, Gräben tun sich auf. Aber das gehört im Zweifelsfall dazu. Man muss nur darauf achten, dass einem das Ganze nicht auseinanderbricht. Mal schauen, wo uns das hinführt. Veränderung gehört zum Leben dazu. Einfach immer nur geradeaus latschen zu müssen, ist nicht gut für die Menschen.

SAX: Du denkst, Wandel ist inzwischen eher wieder möglich als vor zehn, zwanzig Jahren?
Andi Valandi: Ja, Jugendliche gehen in großer Zahl auf die Straße. Auch sie sehen, dass das Ende vom Ende der Geschichte angebrochen ist. Eine neue Erzählung hat begonnen. Auch jetzt durch Corona. Plötzlich kaum noch Flugzeuge am Himmel und das in Deutschland, wer hätte sich das vorstellen können? Natürlich ist Corona kein rein positives Ereignis. Das ist eine Pandemie, Menschen sterben an dem Virus, gehen kaputt an der Isolation durch die Coronabeschränkungen. Aber es tun sich auch Chancen auf. Ich finde, man sollte weder das eine noch das andere ignorieren.

SAX: Du selbst bist relativ früh auf der Suche nach Alternativen zum allgemeinen Mainstream gewesen, hast dein Studium geschmissen, bist als Straßenmusikant ohne festen Wohnsitz beziehungsweise in der Hausbesetzerszene unterwegs gewesen.
Andi Valandi: Ja, das stimmt. Ich habe früh gemerkt, dass der Mainstream nicht meins ist. Es ist schön jetzt zu sehen, nach dreißig Jahren, dass ich kein Einzelfall bin. Menschen sind auch nicht dafür gemacht, ihren Weg allein zu gehen. Deshalb romantisiere ich die Achtundsechzigerzeit so sehr. Dort wäre ich besser aufgehoben gewesen, damals gab es einen Haufen Leute wie mich.

SAX: Die meisten deiner Songs auf »Arbeitslose Pornokatzen und ein kleines bisschen Wein« kultivieren deine Absage an den Mainstream. Selbst auf »Popmusik« trifft das zu, erst recht auf »Arbeitslos« oder »Rebellion und Zigaretten«. »Porno« handelt offenbar davon, dass wir uns völlig freiwillig nackig machen, indem wir unsere Privatsphäre auf sozialen Medien preisgeben.
Andi Valandi: Der Song hat mehrere Schichten, es geht auch darum, dass soziale Medien auch ein ständiges Sichvergleichenmüssen befeuern. Jeder will besser sein als der andere. Warum machen wir nicht mehr gemeinsam? »Ich weiß nicht mal wie du heißt« ist die Textzeile, die darauf hinaus will. Wir arbeiten im selben Team, aber ich habe keine Ahnung, wer du bist. Jeder ist in seinem Blick auf sich selbst gefangen.

SAX: »Nicht so cool« ist auch so eine Absage, eine ziemlich eindeutige sogar.
Andi Valandi: Ja, total. Ich habe ganz schön viele Absagen diesmal auf dem Album. Wobei die schönste Absage »Ein kleines bisschen Wein« ist. Im ersten Moment merkt man gar nicht, dass es eine Absage ist. Aber eigentlich ist es ein dicker Punkerstinkefinger.

SAX: Wie kommt es, dass du konsequent deinen Weg gehst?
Andi Valandi: Weiß nicht, ich bin schon jung Antifaschist gewesen. Losgelöst von dem, was man gewöhnlich darunter versteht, Antifa und so. Als ich in die Schule kam, wusste ich, was Nazis sind, und ich wusste, dass ich das dumm finde.

SAX: Ist das, was du in deinen Songs kommunizierst, vollkommen deckungsgleich mit deinen tatsächlichen Lebensumständen?
Andi Valandi: Dass ich von Nazis verprügelt wurde, wie ich in meinen Songs behaupte, trifft nicht zu. Und ich wurde als Kind liebgehabt, ich würde sogar sagen, dass ich im goldenen Käfig aufgewachsen bin. Meiner Mutter tue ich sicher Unrecht damit. Aber aus diesem Kontext heraus hatte ich Lust auf Dreck, auf Rebellion. Ich wollte mich als Jugendlicher nicht in vorgefertigte Muster pressen lassen.

SAX: Was meinst du mit goldener Käfig?
Andi Valandi: Das ist einfach ein Begriff, um mich verständlich zu machen. Ich will sagen, dass ich behütet aufgewachsen bin, immer zu hören bekam, pass auf, dass du gut in der Schule bist. Dass du aufs Gymnasium kommst, weil auf der Mittelschule die ruppigen Mitschüler sind, und du bist so sensibel. Meine Mutter hat das super gemacht, sie hätte das gar nicht anders machen können. Wenn sie das, was ich meine, anders hätte machen wollen, hätte sie mich bewusst blöder behandeln müssen. Sie hat nichts falsch gemacht. Es ist nur schwierig für Kinder, wenn sie sich einen Iro schneiden und zu Hause nicht angeraunzt werden, sondern die Eltern sagen: Hey, cool. Und die Eltern sagen das nicht, weil sie doof, sondern selber cool sind.

SAX: Du denkst, etwas mehr Strenge zuause wäre besser gewesen?
Andi Valandi: Ich finde es schon gut, dass die Generation meiner Eltern liberaler ist, Stichwort Achtundsechziger noch mal. Aber die Achtundsechziger hatten den Luxus, dass ihre Elterngeneration eine Angriffsfläche bot, in die sie gnadenlos reinschlagen konnten. Der braune Sumpf, niemand wollte es gewesen sein, die Lüge, Hitler hätte sich die Macht genommen. Meiner Generation fiel es ungleich schwerer, sich abzugrenzen von den Eltern. Und ich denke, jede Generation will sich abgrenzen.

SAX: Bei einem Interviewtermin vor zwei Jahren zu deinen beiden Vorgängeralben »Krautblues« und »Der Blues ist tot« ergab sich aus dem Gespräch, dass du dein Lebensmotto mit »Schöner machen« überschreiben würdest. Wie formulierst du das heute?
Andi Valandi: Noch schöner machen, so vielleicht.

SAX: Wie sind die Songs zu »Arbeitslose Pornokatzen und ein kleines bisschen Wein« entstanden? Die Songtexte kommen laut Albumcover sämtlichst von dir.
Andi Valandi: Die Texte schreibe ich, liefere dazu ein Grundgerüst an Harmonien und Melodien. Dann treffen wir uns im Probenraum. Ich spiele los, Selin Wutzler und Frank Dresig an Schlagzeug und Keyboards hängen sich drauf. Wenn nötig, korrigieren wir Details, aber eigentlich sind die Songs dann schon fertig.

SAX: Denkst du, dass du dir als Sänger und Gitarrist Neuland erschließen konntest?
Andi Valandi: Ich wollte mich gesanglich mehr in die Songs einbringen. Wenn man im Studio am Mikrofon steht, muss man loslassen können. Das klappt nicht von heute auf morgen. Aber ich hatte das Gefühl, dass mir das besser gelungen ist, dass man mitbekommt, dass der, der da singt, emotional betei­ligt ist. Als Gitarrist habe ich Tonleitern geübt, die man für Soli braucht. Bei den fast gypsyhaften Harmonien in »Ein kleines bisschen Wein« bedarf es anderer Techniken, um ein Solo darüberzulegen. Ansonsten denke ich, dass niemand so wie ich nicht Gitarre spielen kann.

SAX: Erscheint das Album wieder auf eurem eigenen Schallplattenlabel?
Andi Valandi: Wir stellen die Songs über unsere Website bei Spotify & Co. zum Download bereit. Ein Label in dem Sinne haben wir gar nicht, aber das ist in Ordnung so.

SAX: Stilistisch seid ihr nach wie vor im Blues verwurzelt, ohne einen Blues anzubieten, der überzeugten Bluesfans gefallen könnte.
Andi Valandi: Blues, Punk, Rock'n'Roll, irgendwo dazwischen sind wir zu Hause. Wobei ich auch in der Erforschung ganz neuer Horizonte unterwegs gewesen bin. Ich habe ein wenig mit Elektronik experimentiert. Der Song »Gold« ist dabei entstanden. Neu ist außerdem, dass Frank und ich jetzt beim Farbwerk e. V. mit Menschen mit Behinderung arbeiten. Wir lernen unendlich viel dort!
Bernd Gürtler

Andi Valandi & Band: Arbeitslose Pornokatzen und ein kleines bisschen Wein«
24. September Dresden, Alberthafen Open Air
www.andivalandi.de