Stabil eklektisch

Fat Freddy's Drop am 6. Juni im Alten Schlachthof

Das Ursprungsland des Reggae ist Jamaika, gar keine Frage. Originelle Weiterentwicklungen aber kommen woher? Eine Schrittmacherrolle übernahm Neuseeland, prominent vertreten zuletzt durch die stabil eklektischen Fat Freddy's Drop aus der Hauptstadt Wellington. Korrekterweise müsste es freilich heißen, Fat Freddy's Drop spielen Dub Reggae, nicht einfach Reggae, also jene von Lee Scratch Perry & Co. erdachte Variation, bei der vorhandene Studioeinspielungen einem Instrumentalremix unterzogen und nachträglich mit Echohalleffekten, Überbetonungen des Rhythmuselements und gerappten Vokalpassagen versehen werden.

Wie es dazu kam, erklärt sich aus der Bandgeschichte, verrät Scott Towers alias Chopper Reeds per Bildschirmschalte im Vorfeld des Dresdner Konzertauftritts in der Jungen Garde. Der kürzlich verstorbene Bandgründer Chris Faiumu alias Mu war DJ und wollte Fat Freddy's Drop ursprünglich gar nicht als Band verstanden wissen, sondern als Sound System, als mobile Diskothek nach jamaikanischem Vorbild. DJ Fitchie, wie sich Chris Faiumu als Turntableritter nannte, hatte »ein Ohr für außergewöhnliche Dubscheiben und bestritt seine Auftritte mit Rhythmustracks von Schallplatte. Gitarre und Bass wurden live hinzugefügt. Später ging das Songwriting mehr in eine konventionelle Richtung, fortan sind die Rhythmustrack Eigenkreationen von Bass und Schlagzeug gewesen«.

Wie Reggae überhaupt in Neuseeland Fuß fassen konnte? Ein Schlüsselmoment des einheimischen Populärmusikgeschehens sei gewesen, erinnert Scott Towers, als »Bob Marley 1979 das erste Mal auf Tour kam. Untergebracht war er an der Westküste von Auckland, wo er Besucher empfing und zum Jammen einlud. Unter denen, die zu seinen Konzerten oder seiner Hotelresidenz pilgerten, sind vielfach Nachfahren entweder neuseeländischer Ureinwohner oder Migranten aus dem pazifischen Raum gewesen, die den namhaftesten Botschafter des jamaikanischen Reggae wegen seines ausgeprägten Gesellschaftsbewusstseins, seiner Protestsongs verehrten«. Ein Enkel der Maori war der Gründer von Fat Freddy's Drop nicht, aber Sohn von Einwanderern von der Pazifikinsel Samoa und damit prädestiniert, an die Geschichte anzuknüpfen. Später wird er die Weiterentwicklung des Reggae durch ziemlich artfremde Anleihen bei Techno, HipHop und Electronica vorantreiben. Die Nachrufe auf Chris Faiumu konnten seinen visionären Beitrag zum Reggae und Neuseelands Populärmusikbilanz generell gar nicht hoch genug bewerten. 
Dass Fat Freddy's Drop irgendwann Songs konventionellerer Machart schreiben und sogar Albumeinspielungen vorlegen würden, war wegen der Ursprungsorientierung auf ein Sound System nicht vorgesehen.

Das einzige Schallplattenformat, das sinnvoll erschien, sind 12"-Singles gewesen, als Werbeträger, um im Gespräch zu bleiben und Auftrittsmöglichkeiten zu generieren. Erst fünf Jahre nach Gründung entsteht mit »Based On A True Story« der Debütlangspieler. Basierend auf welcher wahren Geschichte? »Sämtliche Songs des Albums wurden lange in verschiedensten Variationen live gespielt. Als sich die Gelegenheit zu einem Album bot, nahmen wir die Livemitschnitte, erarbeiteten neue Arrangements, fügten neue Instrumentalspuren hinzu und entfernten hinterher die Liveeinspielungen. Zurück blieb Musik, die auf einer wahren Geschichte, einer wahren Einspielung beruht. Deshalb ›Based On A True Story‹.« Der Videoclip zur Singleauskopplung »Wandering Eye« entstand im von der Band favorisierten Fish & Chips-Imbiss in Wellington? »Richtig! Fish & Chips sind ein signifikanter Bestandteil neuseeländischer Esskultur. Als Inselstaat sind wir umgeben von unglaublichen Meereswassermassen mit unglaublichen Mengen diverser Fischarten. Nahezu jeder hat Zugang zu idyllischen Stränden. Eine Portion Fisch & Chips dabei zu haben, wenn man sich am Strand niederlässt, gehört zur DNA der Neuseeländer.«

Wovon handeln die Songs sonst noch? Gesellschaftskritischer Protest nach dem Vorbild Bob Marleys sind kein Schwerpunkt, die Songtexte eher wegen anderer Qualitäten bemerkenswert, erläutert Scott Towers. Dallas Tamaira alias Joe Dukie, der Sänger von Fat Freddy's Drop und Songtextschreiber, formuliert »Reflexionen seiner Welt, die ebenso unsere Welt ist. Seine Beobachtungen sind universell. Der Songtext zu ›This Room‹ von ›Based On A True Story‹ zum Beispiel. Dallas schaut aus dem Fenster, sieht eine Frau am Straßenrand. Ist sie eine Prostituierte? Oder jemand, der sich mitten in der Nach einsam fühlt? Das bleibt offen, aber es ist eine wunderbar erzählt Geschichte, die Mitgefühl für die Frau weckt. Der Hörer fragt sich, ist sie in Ordnung, geht es ihr gut? Jedem bleibt selbst überlassen, sich seinen Reim zu machen.« Einen Posaunisten und Wiedergänger von Rico Rodriguez können Fat Freddy's Drop ebenfalls vorweisen. Joe Lindsay alias Hopepa sein Name, unschwer zu erkennen an den schrillen Bühnenoutfits.
Bernd Gürtler

Fat Freddy's Drop 6. Juni, 20 Uhr, Alter Schlachthof
Karten bei SaxTicket und saxticket.de