Streckenweise Gesang enthalten

Lambert kommt am 29. September (und nicht am 5. Mai) in die Tonne

Foto: Andreas Hornoff

Wer ist Lambert? Laut Albumtitel des kürzlich erschienenen »I Am Not Lambert« jedenfalls nicht der, den sein Publikum zu kennen glaubt. Ohnehin bleibt seine wahre Identität vorerst weiterhin ein wohlgehütetes Geheimnis. Auftritte absolviert der wahlberliner Pianist wie gehabt nicht ohne seine sardische Stiermaske. Die offenkundigste Abweichung von dem, was bislang als gesichert gelten durfte, ist, dass »I Am Not Lambert« streckenweise Gesang enthält. Ob Selbiges in die Liveperformance einfließen wird, muss sich zeigen. Lambert könnte zwar, mag aber nicht und belässt es auf dem Tonträger beim Eröffnungsstück »Spirit«. Selber singen, gesteht er bei unserer Interviewverabredung in Berlin, das gefalle ihm, er habe vorher schon da und dort Uhs und Ahs im Background gesungen. Aber die Songtexte sind englischsprachig, und »auf Englisch tue ich mich schwer. Sogar in ›Spirit‹ singe ich eine Art Giberisch, das eigentlich bloß als Platzhalter gedacht war. Ich singe in einer Sprache, die einem wie Englisch vorkommt, tatsächlich aber nicht im Entferntesten etwas mit Englisch zu tun hat. Ein bisschen wie bei der Musik, die mich als Kind begeisterte. Die Beatles habe ich auch mitgesungen und glaubte zu verstehen, worum es geht. Selbst auf Englisch zu singen, würde mir als Nichtmuttersprachler schwerfallen.« Weshalb bei den übrigen Stücken des Albums Gastvokalisten einspringen.

Die Australierin Kat Frankie ist vertreten, ebenso Uraltkumpel Dekker sowie Rob Goodwin von ehemals The Slow Show. Zur Stammbesetzung aus Daniel Schaub, Marie-Claire Schlameus und Ralph Heidel an Gitarren, Bass und Schlagzeug sowie Cello beziehungsweise Saxofon, Klarinette und Flöte, gesellt sich weiterhin der New Yorker Trompeter Kenny Warren, ein ehemaliger Studienkollege aus Amsterdam. Wenn am Ende mancher Stücke kurz hörbar wird, wie Lambert den Fuß vom Pedal seines Instruments nimmt, ist dies ein untrüglicher Beweis, dass er noch ein richtiges Klavier spielt, keinen elektronischen Keyboardersatz. Erst recht nichts KI-Generiertes. Dieses Thema, sagt er, sei derart »deprimierend, dass ich darüber nur Scherze machen kann. Ich weiß, wozu die KI fähig ist. Kann sein, dass ich deshalb und weil ich mich ohnehin als Jazzmusiker verstehe, meine Jazzwurzeln stärker in den Fokus rücke. Im Jazz liegt etwas, das sich hoffentlich nicht so leicht durch KI generieren lässt. Der unmittelbare Ausdruck steht im Vordergrund, die Spontanität als menschliche Komponente, worin vielleicht eine Chance liegt, sich von der KI abgrenzen zu können.«

Dass der Albumtitel außer auf neue Stilfacetten auch auf den Umstand verweist, dass wegen seiner Maskierung nach wie vor kaum jemand weiß, wer Lambert wirklich ist, will der Künstler gern bestätigen. Stimmt, entgegnet er, aber gilt das nicht für die meisten seiner Kollegen? Manche »bedienen dieses Authentizitätsversprechen zwar besser als ich, und ich sehe das bei mir durchaus als Problem. Zum Beispiel sind Algorithmen so programmiert, dass derjenige, der am meisten von sich preisgibt, maximale Reichweite erzielt. Trotzdem ist das, was ich mit allen anderen teile, dass sowieso niemand weiß, wer die Person dahinter tatsächlich ist. Es läuft immer auf eine Inszenierung hinaus. Bei Konzertauftritten nehme ich die Maske neuerdings manchmal ab, ich verkaufe nach dem Konzert mein Merchandising manchmal selbst, ich betreibe den Podcast ›LK Jazz‹, wo ich einiges von mir preisgebe. Der Albumtitel ›I Am Not Lambert‹ deshalb vielleicht auch, weil ich über die Jahre zu meiner Bühnenfigur auf Distanz gegangen bin.«

Die ursprüngliche Idee der Maske war, nicht ständig auf eine weniger beeindruckende Vorgeschichte angesprochen zu werden. Inzwischen ist die Bühnenfigur Lambert megaerfolgreich, und die meisten Menschen, die im Rampenlicht stehen, wollen doch, dass die Öffentlichkeit weiß, wer sie sind. Was also macht die Maske nach wie vor attraktiv? »Ich kann klarstellen, dass es sich bei meinen Auftritten um eine Inszenierung handelt. Ich empfinde die Maske sogar als Akt der Ehrlichkeit, und es gibt mir ein Gefühl von Freiheit. Ich kann ins Publikum schauen, ohne mir Sorgen machen zu müssen, dass das Publikum mich anschaut. Angenehm außerdem, dass in der Öffentlichkeitsarbeit die Maske und nicht mein Gesicht auftaucht. Nicht in jeder Lebenslage wäre es mir recht, auf der Straße erkannt zu werden.«

Aber hinter der Maske könnte doch sonst wer stecken, oder nicht? »Die Idee gab es anfangs tatsächlich, sonst wen zu schicken, zum Interview, zum Konzert oder mehrere Konzerte gleichzeitig zu veranstalten. Wir haben sogar einen Film gedreht unter dem Titel ›Becoming Lambert‹, wo ich andere Lamberts anlerne, damit sie meinen Job übernehmen. Das wurde verworfen, die Instruktion meiner Doppelgänger kostet Zeit und Mühe, da kann ich das gleich selbst übernehmen.« 
Dennoch, wäre die Enthüllung der wahren Identität nicht eine vertrauensbildende Maßnahme? Wir leben in postfaktischen Zeiten, Stichwort Fake News. Wird das nicht als problematisch empfunden? »Durchaus, aber nicht wegen der Maske an sich. Ich kann mittlerweile nicht mehr durch mein Ebenbild garantieren, dass ich das bin. Das ist dank KI ausgehebelt.«   
Bernd Gürtler 

Lambert 29. September, Tonne, Karten bei SaxTicket und saxticket.de