Universeller jetzt
Tocotronic am 28. August beim Tante Ju Open Air
Wer zu Beginn der Neunziger-Jahre am Anfang seines Erwachsenseins stand, konnte bei der Suche nach Geistesverwandtschaften unbedingt auf Tocotronic zählen. Zumindest in Westdeutschland, die Altersgenossen im Osten durften Zeuge werden, wie die Eltern um ihre und die Existenz ihrer Familien kämpfen. Eine ziemlich andere Lebenswirklichkeit als jene, auf die Tocotronic abheben. Nämlich das, was von der gemütlichen alten Bonner Republik nach der verflogenen Wendeeuphorie im Westen übriggeblieben war – mit Helmut Kohl, dem ewigen Kanzler, mit Flaschenbier von Beck's, Fertigmahlzeiten von Bofrost oder der regelmäßigen Samstagsdosis »Wetten dass!«, wie es das Berliner Stadtmagazin Tip formuliert. Auch die Furcht westdeutscher Rocksubkulturen vor einem wiedererstarkenden Nationalismus im wiedervereinten Deutschland blieb den meisten Ostdeutschen, egal welcher Geburtsjahrgänge, fremd, durften sie sich doch endlich als gewissermaßen richtige Deutsche fühlen. Die eifrigsten von ihnen steckten Flüchtlingsunterkünfte in Brand, angespornt durch fremdenfeindliche Wahlkampfkampagnen westdeutscher Politiker.
Erst sehr viel später dämmerte es, dass beispielsweise »Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein« erhebliche Schnittmengen bereithält. Bei der Veröffentlichung 1995 auf Tocotronics Debütalbum »Digital ist besser« war das ein Kommentar auf die seinerzeit sich ausbreitende Beliebigkeit, selbst was gesellschaftspolitische Belange angeht. Der Song spiegelt mindestens ebenso sehr das dringende Bedürfnis nach verlässlicher Orientierung in der hyperkomplexen Gegenwartswelt.
Dass Tocotronic knapp drei Jahrzehnte nach Gründung in Hamburg um Sänger Dirk von Lowtzow jetzt universeller, sprich gesamtdeutscher wahrgenommen werden, dürfte sich durch den Umzug nach Berlin begründen und dass die Band nicht stehengeblieben ist beim Grungerock ihrer Anfangstage. Sehr schön auf die Schippe genommen wird die stilistische Orientierung in »Wir sind hier nicht in Seattle, Dirk« und später erweitert um Einflüsse aus Disco, Elektronik und Mainstreampop. Die aufgegriffenen Problematiken sind inzwischen auch universeller. »Sie wissen, was sie tun«, ein Schlüsselsong des jüngsten Albums »Golden Years« und angelehnt im Songtitel an den Kinoerfolg »Sie wissen nicht, was sie tun« mit James Dean in der Hauptrolle über das Unverständnis amerikanischer Nachkriegseltern gegenüber ihren Teenagerkindern, meint die Eltern beider Deutschlands von heute, die mit rechten Parteien sympathisieren und bereitwillig in Kauf nehmen, dass sich Geschichte wiederholt. Der Albumtitel? Logischerweise ironisch gemeint. Inzwischen ist auch in Westdeutschland angekommen, dass die goldenen Jahre vorbei sind.
Am 28. Februar 2027 wird Dirk von Lowtzow in Dresden zu einem Leseabend in der Schauburg erwartet. Auf dem Programm »Detektive«, eine Sammlung seiner Kunstkritiken für die Kölner Zeitschrift »Texte zur Kunst«.
Bernd Gürtler
Tocotronic 28. August, Tante Ju Open Air, 20 Uhr
Karten bei SaxTicket in der Schauburg und bei saxticket.de
