Unruhigen Zeiten ein Soundtrack

Godspeed You! Black Emperor am 18. März in der Reithalle

Welche Möglichkeiten reinen Instrumentalbands zum Versenden wichtiger Botschaften bleiben? Markante Albumtitel sind ein brauchbarer Ansatz, neben der Covergestaltung oder hintersinnigen Stückeüberschriften. Was das angeht, beweisen Godspeed You! Black Emperor bemerkenswertes Geschick. Gegründet Mitte der neunziger Jahre in Quebec von Efrim Menuck, benennen sich die Kanadier nach Mitsuo Yanagimachis Schwarzweißfilmdoku aus dem Jahr 1976 über eine japanische Bikergang, die Black Emperors. Im Handumdrehen erworben der Ruf, den Antikapitalismus nicht nur zu predigen, sondern in jeder Facette der eigenen Existenz zu verkörpern, formuliert jedenfalls die britische Tageszeitung The Guardian und zitiert Efrim Menuck mit den Worten, "All music is political, right? You either make music that pleases the king and his court, or you make music for the serfs outside the walls".

Konsequent verweigern sich Godspeed You! Black Emperor den im Musikgeschäft üblichen Eitelkeiten, Bandhierarchien werden vermieden, kaum Interviews gegeben oder offizielle Promotionfotos bereitgestellt, dem dreieinhalbminütigen Standardsongformat stehen ausufernde, mit Klangkollagen und Field Recordings verwobene Instrumentalkompositionen entgegen. Bei Konzertauftritten entzieht sich die Band den Blicken des Publikums durch mehrfach übereinandergelegte Filmprojektionen. Nachdem Godspeed You! Black Emperor während eines Tankstopps 2003 in Ardmore, Oklahoma den Argwohn des Ortssheriffs wecken und selbiger das FBI herbeiruft, um sicherzugehen, dass es sich nicht um einen gemeingefährlichen Terroristentrupp handelt, wird eine Verschnaufpause eingelegt.

Sieben Jahre später die Reunion, ohne dass die ursprüngliche Faszination verloren ging. "Luciferian Towers" hieß ein begeisterungswürdiges Album aus dem Jahr 2017 und beschwor umgehend Assoziationen zum Flammeninferno im Londoner Grenfell Tower herauf, die Stücke prägnant benannt mit "Undoing A Luciferian Towers", "Bosses Hang" oder "Anthem For No State" betitelt. Weil das offenbar noch nicht eindeutig genug erschien, wurde der dem Album mitgegebene Pressetext kurzerhand bei Wikipedia hinterlegt, damit auch wirklich jeder, der Wert darauf legt, den Gesamtkontext erkennt. Entstanden sei "Luciferian Towers", war nachzulesen, in "the midst of communal mess, raising dogs and children. Eyes up and filled with dreadful joy we aimed for wrong notes that explode, a quiet muttering amplified heavenward. We recorded it all in a burning motorboat." Daran anschließend eine Liste von "grand demands", die da lauten, "An end to foreign invasion. An end to borders. The total dismantling of the prison-industrial complex. Healthcare, housing, food and water acknowledged as an inalienable human right. The expert fuckers who broke this world never get to speak again."

Wer Vorgängerscheiben wie das Albumdebüt "F♯ A♯ ∞" oder "Lift Your Skinny Fists Like Antennas To Heaven" zu schätzen wusste, sollte jedoch auf eine erkennbare Variation des Ursprungsmodells gefasst sein. Wo sich früher eine epische, soundtrackhafte Postrockdüsternis ausbreitete, ging es jetzt schwungvoll zur Sache. Das hymnische Trompetengeschmetter gegen Ende von "Anthem For No States" beschließt "Luciferian Towers" sogar regelrecht optimistisch. Keine Heraufbeschwörung des Leibhaftigen dieses Album, sondern eher eine lustvolle Teufelsaustreibung. Der Albumtitel des im Herbst 2024 veröffentlichten "No Title As of 13 February 2024 28,340 Dead" bezieht sich auf die vom Gaza Health Ministry zum Zeitpunkt der Veröffentlichung offiziell genannte Zahl im Gaza-Krieg seit Oktober 2023 getöteter Palästinenser. Bekannt als Kritiker der Politik Israels gegenüber den Palästinensern ist Efrim Menuck längst, siehe seinen Covertext 2002 zu "Yanqui U.X.O.", wo zum Song "09-15-00" vermerkt ist, "Ariel Sharon surrounded by 1,000 Israeli soldiers marching on al-Haram Ash-Sharif & provoking another Intifada". Unruhigen Zeiten ein Soundtrack sein, darum geht es.
Bernd Gürtler

Godspeed You! Black Emperor 18. März 2026, 20 Uhr, Reithalle Strasse, Karrten bei Saxticket