Vom Mond eine Scheibe abschneiden

Hans-Eckardt Wenzel über sein neues Album "Wo liegt das Ende dieser Welt"

Dialektisches Denken in Widersprüchen, also die Fähigkeit, unversöhnliche Gegensätze als Triebfeder gesellschaftlichen Wandels zu begreifen, obendrein das gekleidet in eine kraftvolle Lyrik, die sowohl den Verstand berührt als auch die Herzen erreicht, darin unterscheidet sich Hans-Eckardt Wenzel von ziemlich jedem Songpoeten deutscher Sprache in der Gegenwart und Vergangenheit. Gelernt ist eben gelernt, wie es so schön heißt. Geboren 1955 in Kropstädt bei Wittenberg, studiert der Sohn böhmischer Heimatvertriebener ab 1976 an der Humboldt Universität Berlin Kulturwissenschaften. Und sowohl Karl Marx mit seinem dialektischen Materialismus als auch Hegels dialektischer Idealismus, gehörten zum Lehrstoff jeder höheren Bildungseinrichtung der DDR.

Die Poesie wurde später wichtiger, im Anschluss an seine Mitgliedschaft beim Liedertheater Karls Enkel, als 1986 sein erstes Soloalbum "Stirb mit mir ein Stück" erschien und die DDR ihrem unaufhaltsamen Ende entgegensah. Drei Jahrzehnte später hat seine Art der Gesellschaftsbetrachtung nichts von ihrer Gültigkeit verloren. Das jüngste Soloalbum "Wo liegt das Ende dieser Welt" bringt höchstens den Mond als neue Metapher ins Spiel. Irgendwie naheliegend, hätte man selbst drauf kommen können.

Der Pressetext zum neuen Album vermerkt, dass die ungemütliche Wirklichkeit hinter den Songs stets gegenwärtig sei. Ganz so trostlos wie das Vorgängeralbum "Wenn wir warten" wirkt "Wo liegt das Ende dieser Welt" aber nicht. Der Hörer kann sich aufgehobener fühlen.
Wir erleben gerade eine Situation wie bei meinem ersten Soloalbum. Damals wurde mir vorgeworfen, ich sei unpolitisch. Ich hielt dagegen, dass das politische Vokabular, sobald es sich verschlissen hat, nicht mehr anwendbar ist. Auch in der Poesie nicht. Die Härte der Politik schlägt direkt in den Alltag durch. Nur wenn wir das genau beobachten, sind wir frei von Ideologie, frei von politischen Diskursen, die nicht mehr funktionieren. Die Leute schreien sich über politische Themen nur noch an. Sie reden nicht mehr miteinander, sie hören nicht zu. Deshalb ist es mir wichtig, in die feinen Mikrostrukturen der Alltagswelt zu schauen, um einen anderen Durchblick in die Welt zu bekommen.

Drei Jahre nach "Wenn wir warten" scheint dennoch die Gewissheit gewachsen, wir schaffen das. Oder täuscht der Eindruck?
Kunst hat zwei Möglichkeiten, sie kann entweder widersprechen oder aber Trost spenden. Nicht auf die plumpe Art wie der Schlager sondern dass zum Nachdenken angeregt wird. Für diejenigen Kräfte, die den Verfall demokratischer Werte nicht hinnehmen wollen, kann Kunst eine Ermutigung sein. Das ist ein Konzept von mir, deshalb ist das Album ein recht leichtes geworden.

"Wo liegt das Ende dieser Welt" ist geradezu schön geworden! Man möchte in diesen Folksound reinspringen wie in ein wohltuendes Thermalbad.
Das, was rettet in diesen destruktiven Zeiten, ist die Schönheit. Eine schöne Melodie, ein schöner Gedanke, die Schönheit einer Landschaft, die Schönheit des Alters. Wir müssen Schönheit behaupten. Das bietet Schutz vor dem Destruktiven. Der Musik kommt da eine wichtige Funktion zu. Weil sie nicht mit Sprache umgeht und von daher an elementare Träume und Sehnsüchte andocken kann.

Was meinst du, wie konnte es dazu kommen, dass wir heute stehen wo wir stehen?
Das hat damit zu tun, dass der Westen sich nach seinem Sieg über den Ostblock unglaublich sicher fühlte. Es kursierte damals dieses Bild, dass die Geschichte endlich in ihrem Hafen angekommen sei. Diese Hybris rächt sich jetzt. Jeder, der sich sicher fühlt, hat schon verloren. Das ist das eine, das großflächig überlagert wird von einem entfesselten Kapitalismus, der die gesamte Erfahrung der bürgerlichen Welt über den Haufen warf. Zum anderen wirken die Verschrobenheiten der Wiedervereinigung nach. Nicht nur, was die Ungleichheit zwischen Ost und West angeht. Es betrifft genauso diesen nationalen Tonfall, der gebraucht wurde, um die Wiedervereinigung herzustellen. Ab Dezember 1989 marschierten die ersten schwarzrotgoldenen Fahnen, der Ruf "Wir sind ein Volk" wurde laut. Das artikuliert sich heute bei Pegida in Dresden und anderswo. Ebenso wie den Terrorismus, instrumentalisiert der Westen rechte und nationalistische Tendenzen, um andere Denkansätze aus dem Fokus zu verdrängen. Und jetzt lässt sich das nicht mehr beherrschen, wie bei Goethes "Zauberlehrling". Diese Dinge kommen zusammen, glaube ich.

Dir selbst ist die Möglichkeit gegeben, Songs zu schreiben. Was ist dein Eindruck, wie geht dein Publikum mit den Alltagsmiseren um?
Mir scheint, dass sich sehr viele einsam und alleingelassen fühlen mit ihren Zweifeln, ihrer Kritik an der Gesellschaft und dass die Konzerte die Einsamkeit ein Stück weit aufheben können. Die Leute merken, sie sind nicht die einzigen, die an der gleichen Stelle lachen. Daraus entsteht ein Moment der Stärke, ähnlich wie am Ende der DDR. Man machte einen Witz, der erste fing an zu lachen, dann der nächste. Am Ende lachte der ganze Saal. Es entstand ein Gemeinschaftssinn. Nicht zu unterschätzen diese Fähigkeit von Kunst.

Bestätigen das die Leute, wenn sie zum Beispiel nach dem Konzert das Gespräch mit dir suchen?
Das spüre ich während des Auftritts. Ich höre, wie die Leute denken, was sie empfinden. Das ist die Quelle, aus der ich schöpfe. Bei Gesprächen im Anschluss ans Konzert wird es oft ungenau. Vielleicht weil jemand besonders klug wirken, sich seinem Gegenüber interessant machen will. Das bestärkt mich auch, aber wichtig sind die Konzerte.

Unterscheiden sich die Reaktionen des Ostens vom Westen?
Ich trete kaum noch im Westen auf, die Arroganz des Westens geht mir auf den Keks.

Worin äußert sich die Arroganz?
Darin, dass sie im Westen absolut alles zu wissen glauben. Sie zweifeln sich so gut wie nie an. Sie haben ein klares Bild von sich und lassen sich das durch keinerlei Erfahrung durcheinanderbringen. Und der Westen ist unglaublich opportunistisch. Sie hören auf das, was das Fernsehen sagt. Dort rasen sie hin, auch wenn es Scheiße ist. Sie trauen weniger ihrer eigenen Urteilskraft als gesellschaftlichen Standards. Das muss ich mir nicht länger antun.

Möglicherweise liegt es am System, um den Refrain aus "Warum ist die Erde keine Scheibe" vom neuen Album zu zitieren.
Die Systemfrage steht, gerade jetzt, wo die Zukunft aussieht wie eine ramponierte Gegenwart. Wenn wir uns nicht überlegen, wie wir miteinander umgehen wollen, wie wir das Geld organisieren, wird es keine Lösung geben. Ganz einfach, es liegt immer am System. Dass der Stein nach unten fällt, liegt am System Schwerkraft. Dass Reiche immer reicher und Arme ärmer werden, erklärt sich wieder aus einem anderen System.

Um einen Umgang damit zu finden, sollten wir uns vom Mond eine Scheibe abschneiden. "Nur der Mond", auch ein Song des neuen Albums, lässt den Schluss jedenfalls zu.
Das ist eine Utopie, alles mit dem gleichen Wohlwollen zu betrachten, ob es einem gefällt oder nicht. Der Mond ist ein altes deutsches Bild, siehe Paul Gerhardt oder das berühmte "Abendlied" von Matthias Claudius. Die Deutschen hatten von jeher ein inniges Verhältnis zum Mond, im Deutschen ist das eine männliche Form. Auf Französisch heißt der Mond La Lune, das ist weiblich. Dieses Bild kam mir vor drei Jahren im Flüchtlingslager von Idomeni in den Sinn, als ich die Menschen dort im Dreck campieren sah und der Mond darauf herunter schien. Ich dachte, das ist derselbe Mond, den ich in Berlin sehe, wenn ich mit meiner Freundin spazieren gehe. Es gibt also doch einen Punkt, von wo aus man die Welt gerechter betrachten kann. Es liegt eine Hoffnung darin, dass, wenn wir die Welt als Ganzheit wahrnehmen können, in all ihrer Widersprüchlichkeit, wir die Welt verändern können.

Woher kommt eigentlich der Name deines Schallplattenlabels Matrosenblau?
Von der Sehnsucht, vom Wesen her bin ich ein Seefahrer. Jemand, der auf Reisen ist, sich immer wieder von etwas verabschiedet. Und wegen Shakespeare. Bei ihm gibt es die schöne Zeile "Böhmen am Meer". Was Unsinn ist, Böhmen liegt nicht am Meer, aber meine Vorfahren kommen aus Böhmen.
Bernd Gürtler

Hans-Eckardt Wenzel & Band
19. März, 19.30 Uhr, Boulevardtheater
Tickets: www.saxticket.de
www.wenzel-im-netz.de