Wir sind Frederick!

Ein SAX-Gespräch mit Ätna vor den zwei Konzerten im Beatpol

Foto: Louise Amelie

Kein guter Tag, um bei einem Interviewtermin über angenehme Nebensächlichkeiten wie Populärmusik zu plaudern. Seit den Morgenstunden war wieder Krieg in Europa, hatten russische Truppen auf Geheiß Wladimir Putins die Ukraine überfallen. Der Kunst verschlägt es angesichts solcher Ungeheuerlichkeiten schlicht die Sprache. Was helfen kann bei der Bewältigung des Entsetzens, ist eine Kinderbuchanlehnung, die Inéz Schaefer und Demian Kappenstein von Ätna schon durch den Coronaschlamassel brachte und die beiden überzeugten Wahldresdner mit »Push Life« ein fabelhaftes zweites Album anfertigen ließen.

SAX: Bedingung für unsere Interviewverabredung war 2Gplus. Wolltet ihr das von euch aus oder eure Promotionagentur?
Inéz Schaefer: Wir wollten das, sicher ist sicher!

SAX: Mit anderen Worten: Euch ist die Coronapandemie nicht egal?
Inéz Schaefer: Nein, auf gar keinen Fall! Glücklicherweise sind wir bislang verschont geblieben.

SAX: Wie habt ihr die Pandemie erlebt?
Inéz Schaefer: Wir sind der ersten Coronawelle praktisch vorweggeschwommen. Wir konnten allerletzte Konzerte geben, bevor die Klubs schließen mussten. Von zu Hause aus erledigten wir noch einige Interviewanfragen per Zoom, danach fiel ich in ein tiefes Loch und überlegte, ob ich mich zur Krankenschwester ausbilden lasse. Musik zu machen, erschien plötzlich völlig irrelevant. Aber Demian hat mich aus meiner Sinnkrise befreit. Wir haben viel experimentiert, mit Streamingkonzerten und etwas, das sich Yabal World nennt, wo wir in Motion-Capture-Anzügen in einer 3-D-Welt als Avatare Konzerte spielen. Wir konnten unser zweites Album »Push Life« fertigstellen, dank der sächsischen Coronahilfsprogramme. Wir wissen die Unterstützung sehr zu schätzen.
Demian Kappenstein: Manche unserer Musikerkollegen sind weniger glimpflich davongekommen, weil entweder schon zu groß geworden oder noch ganz am Anfang, noch ohne erstes Album, ohne erste EP. Für sie ist es schwierig gewesen.

SAX: Wenn Musikern der Sinn abhandenkommt, weil sich der Kontext ihres Behufes mehr oder weniger in Wohlgefallen auflöst, dürften die Folgen gravierender sein als ein weggebrochenes Finanzierungsfundament. Geld lässt sich irgendwie auftreiben. Aber sobald die Spielstätten schließen müssen, das Publikum zum Wegbleiben gezwungen ist, sich der Eindruck festsetzt, dass gar kein Bedarf mehr an Musik besteht, wird es wahrscheinlich schwierig.
Inéz Schaefer: Ein Ansporn weiterzumachen, sind die Nachrichten gewesen, die wir über Instagram bekamen, wenn die Leute schrieben, wie viel ihnen unsere Musik bedeutet. Da dachte ich immer, ganz umsonst scheint es nicht zu sein.
Demian Kappenstein: Es ist wie in dem Kinderbuch von den Mäusen, die im Sommer auf den Getreidefeldern Vorräte sammeln. Eine Maus, Frederick, macht nicht mit, er sammelt die Farben des Regenbogens. Dann kommt der Winter, es geht ums Überleben, und wenn der Hunger gestillt ist, kann Frederick mit seinen Regenbogenfarben erfreuen. Die Mäuse halten als Gemeinschaft zusammen, aber ohne Kultur wird ihr Dasein trist. Das ging mir die ganze Zeit durch den Kopf.
Inéz Schaefer: Ein schönes Bild!
Demian Kappenstein: Ja, denke ich auch. Wir sind Frederick!

SAX: Gewöhnlich werdet ihr dem Elektropop zugeschlagen. Der gravierende Unterschied ist, dass euer Elektropop nicht programmiert, sondern gespielt wird. Ihr spielt die Elektronik, wie konventionelle Rockbands konventionelle Instrumente spielen.
Demian Kappenstein: Richtig, der synthetische Klang, die maschinelle Rhythmik, also das, was Elektronik ausmacht, an der Stelle unterscheiden wir uns, weil eine menschliche Komponente erhalten bleibt.
Inéz Schaefer: Wir nutzen Computertöne, elektronische Klangfarben, aber wann die kommen, das bestimmen immer noch wir. Dadurch wirkt es organischer, wird aber auch weniger präzise.
Demian Kappenstein: Ich würde das als Elektrorganic bezeichnen.
Inéz Schaefer: Oh, finde ich toll!
Demian Kappenstein: Wobei es Puristen geben dürfte, die es irritierend finden, wenn nicht jedes Klangpartikel hyperpräzise platziert ist, die Lautstärke, die Dynamik schwankt. Man muss sich einlassen können auf das Ungenaue.
Inéz Schaefer: Unsere Stücke werden auch nach wie vor im Wesentlichen live aufgenommen. Obwohl später Overdubs dazukommen, entsteht die Essenz live. Moses Schneider, unser Produzent, würde das gar nicht anders wollen. Aber jetzt hatte er doch Bock auf Weiterentwicklung. Wir alle haben uns mit unserem zweiten Album weiterentwickelt.

SAX: Inwiefern?
Demian Kappenstein: Wir sind tanzbarer, klubbiger geworden. Nach einer zweijährigen Phase der Lockdowns und Beschränkungen wollte sich die Sehnsucht nach dem gemeinsamen Feiern am selben Ort Geltung verschaffen.
Inéz Schaefer: Tanzen konnte man bei uns immer, aber eher in einem avantgardistischen Sinne. Wer auf Ausdruckstanz stand, kam auf seine Kos­ten. Alle anderen wurden andauernd durch wechselnde Tempi ausgebremst, wir hatten sogar freie Improvisationen im Programm. Mit »Push Life« sind wir kompakter, flüssiger geworden. Wer will, kann sich durchgehend bewegen. Ich habe es an meiner Mama ausprobiert, es funktioniert!
Demian Kappenstein: Ein gutes Zeichen, wenn sich die gesamte Familie angesprochen fühlt. Dann hat die Musik einiges richtig gemacht.
Inéz Schaefer: Push Life eben.
Demian Kappenstein: Genau!

SAX: Ließe sich die nicht programmierte, sondern gespielte Elektronik eventuell als Gegenentwurf zum Zeitgeist deuten? Wer im Internet unterwegs ist, fällt unweigerlich den Algorithmen in die Hände, die den Netzbesucher lenken und leiten. Anders als bei euch – bei euch seid ihr die Beherrscher der Technologie, nicht umgekehrt.
Inéz Schaefer: Es gibt sogar schon Apps, die Musik per Zufallsgenerator erzeugen. Verrückt! Ich bin gespannt, wohin die Entwicklung gehen wird. Vorerst will ich aber, dass wir die Kontrolle behalten.
Demian Kappenstein: Technologie ist etwas zutiefst Ambivalentes. Technologie kann einem das Leben erleichtern, angenehmer machen. Auf der Suche nach einem bestimmten T-Shirt bleibt mir nicht nur das eine Spezialgeschäft vor Ort, online habe ich Zugriff auf unendlich viele Specialgeschäfte und werde finden, was mir vorschwebt. Gleichzeitig möchte ich die Kontrolle über meine Internetaktivitäten behalten. Eine schwierige Gratwanderung.

SAX: Die Songtexte auf »Push Life« sind wieder komplett in englischer Sprache. Worum geht es, um Themen, wie wir sie gerade besprechen?
Demian Kappenstein: Manches korrespondiert damit, »Lonely« zum Beispiel. Das handelt davon, dass wir uns in jeder erdenklichen Lebenslage durch Medien unterhalten und informieren lassen. Wir glauben uns mit der gesamten Welt verbunden, tatsächlich wird eine Einsamkeit generiert, die krank macht.
Inéz Schaefer: Das ist die Aussage des Videoclips zu »Lonely«. Auf der Textebene erzählt der Song von Selbstzerstörung und verschiedenen Formen der Flucht, sei es die Flucht in Drogen, Alkohol oder Sport. Anstatt uns mit dem auseinanderzusetzen, wovor wir fliehen, zerstören wir uns selbst. Bei »Anymore« geht es um mich. Geboren im Sternbild Zwilling, kann ich mich schnell anpassen. Eine Fähigkeit, die mir als Kind zugutekam. Heute ertappe ich mich aber immer noch dabei, dass ich mich anpasse. Warum eigentlich? Ich entferne mich von mir selbst, wenn ich anderen gefallen will, anderen nach dem Mund rede. Ich muss keinem nach dem Mund reden, ich sollte Grenzen setzen.

SAX: Von »Trick By Trick« bleibt eine kurze Textsequenz hängen, die vermuten lässt, dass es sich bei dem Song um eine Auseinandersetzung mit dem Konsumirrsinn der Gegenwart handelt?!
Inéz Schaefer: Das ist ein Thema, ein Art Hochstapelei: dass Leute vorgeben, etwas zu sein, das sie gar nicht sind.
Demian Kappenstein: Ein Hütchenspielertrick jagt den nächsten.
Inéz Schaefer: Genau, I'm a virgin like Madonna, singe ich. Okay?! Ich erzähle Bullshit. Konsumirrsinn ist auch eine Facette, wir verweisen auf Gucci, Prada und dieses ganze kapitalistische Markengedöns.
Demian Kappenstein: Manchen Menschen ist es unheimlich wichtig, eine Handtasche, einen Pullover mit Aufdruck zu besitzen, der signalisiert, dass das Accessoire, das Kleidungsstück sehr, sehr teuer war. Viele, die es sich nicht leisten können, versuchen es mit Fälschungen, um mitzuhalten. Ich finde das erschreckend! Warum kann ich meinen Pullover nicht danach aussuchen, wie er aussieht, ob er mir gefällt? Oder wenn Menschen sich als Millionär ausgeben, bloß um an Dates zu kommen!
Inéz Schaefer: Der Tinder-Schwindler, genau! Mein aufrichtiges Mitgefühl gilt seinen Opfern, aber faszinierend ist es schon, wie so etwas überhaupt möglich ist! Es muss doch ungeheuer anstrengend sein, ständig ein durch und durch erlogenes Leben zu leben!

SAX: Kann es sein, dass der Videoclip zu »Trick By Trick« Bilderklischees von Gangsterrappern und Tussis bedient?
Inéz Schaefer: Ja, aber ohne jemanden zu verspotten. Das verbietet sich von selbst, ich benutze bei dem Song für meinen Gesang Autotune. Ich gebe selbst etwas vor, das ich gar nicht bin.
Interview: Bernd Gürtler

Ätna: »Push Life« (Humming Records)
Die für den April geplanten Record-Release-Konzerte im Beatpol wurden auf den 6. und 7. Juli 2022 verschoben. Für den 7. Juli gibt es noch Karten bei SaxTicket und www.saxticket.de
www.atnaofficial.com