Zwei Stimmen, eine Band

Olicía laden am 13. Mai zur Record-Release-Show in die Schauburg

Foto: Marlene Rahmann

Olicía, das sind Anna-Lucia Rupp und Fama M'Boup. Die beiden Absolventinnen der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber in Dresden, fassen noch während ihres Studiums den Entschluss eine Band zu gründen. Beim gemeinsamen Vertrautmachen mit einer Loop Station sollte endgültig der kreative Funke überspringen, nachdem bereits die intensive Briefkorrespondenz während eines achtmonatigen Urlaubssemesters von Fama, das sie bei ihrer Familie im senegalesischen Dakar verbrachte, beträchtliche Schnittmengen offenlegen konnte.

SAX: Ihr habt euch während Famas Urlaubssemester gegenseitig Briefe geschrieben? Fernkommunikation zwischen Dresden und Dakar auf die altmodische Art!?
Anna-Lucia Rupp: So ist es.
Fama M'Boup: Ziemlich Old School, wir wissen das.

SAX: Ganz anders euer Musikstil jedenfalls, der ungeheuer modern wirkt und wahlweise beschrieben wird als fragmentierter elektroider Soul, als verspielter vielsprachiger Globalpop, als doppelter oder dreifacher Bobby McFerrin durch die Elektrozentrifuge gedreht, weil unzweifelhaft elektronisches Instrumentarium zum Einsatz kommt. Was aber bildet die gemeinsame Basis? Der Gesang? Ihr seid beide ausgebildete Jazzsängerinnen.
Anna-Lucia Rupp: Unsere Stimmen sind das Fundament, richtig. Aber zusammengebracht hat uns das gemeinsame Entdecken, das gemeinsame Erforschen verschiedener Klangwelten. Einfach bei einer Tasse Kaffee sich wild zu erträumen, wie cool es wäre, eine CD einzuspielen und ein Releasekonzert zu geben, mit vielen Visuals und hast du nicht gesehen. Eigentlich war das die Basis für uns beide, von dort aus sind wir Schritt für Schritt an die Umsetzung gegangen. Das passiert uns oft, dass wir beisammen sitzen, erst mal drauflos spinnen, und dann machen wir das ungefähr so.

SAX: Dieses Entdeckenwollen war euer eigener Antrieb oder kam das von der Musikhochschule? Beziehungsweise wenn es von euch kam, wurde es von der Hochschule unterstützt?
Anna-Lucia Rupp: Beides, ich sehe die Hochschule als etwas, das einem Mittel und Möglichkeiten an die Hand gibt. Die Motivation, der Drive kommt im besten Falle von einem selbst. Man geht an die Hochschule weil man sich weiterentwickeln möchte und bekommt Hilfe von Leuten, die einen bestärken, einem in gewisser Weise den Weg zeigen, um irgendwann für sich selbst sagen zu können: Jetzt weiß ich wie es geht, gestalte meinen Weg aber ein bisschen anders, schlage an der einen oder anderen Abzweigung diese oder jene andere Richtung ein. So war das bei uns, als wir entdeckten, wie unser Weg aussehen soll.

SAX: Die Dresdner Hochschule für Musik war deutschlandweit die erste Bildungseinrichtung dieser Art, die neben der traditionellen Klassik auch Populärmusik unterrichtete. Tanzmusik wurde das damals genannt. Obwohl namhafte ostdeutsche Rockprotagonisten wie Bernd Aust und Peter Ludewig von Electra zu den Absolventen gehörten, war der Studiengang bis weit in die Achtziger-Jahre tief im Jazz verwurzelt. Ist das nach wie vor noch so?
Fama M'Boup: Ich würde sagen: ja. Es werden einem sehr viele Freiheiten gelassen, man wird in allem sehr unterstützt. Aber die Grundlagen beruhen auf dem Jazz. Sich ein Repertoire erarbeiten, Improvisation, Handwerk, das macht den Grundstock aus. Ich kann aber für uns beide sagen, dass uns das Musikstudium eine Menge gebracht hat. Es ist die Voraussetzung, dass wir gegenseitig sehr gut einschätzen können, wo wir herkommen, wo wir gerade stehen, wie wir weitermachen wollen. Die Basics sind uns in Fleisch und Blut übergegangen. Als wir 2018 beschlossen, wir spielen mit Olicía unseren Bachelor-Abschluss, hat trotzdem niemand gesagt: Oh, das ist kein Jazz, das geht gar nicht, das dürft ihr nicht. Man durfte immer alles.

SAX: Wie wichtig sind euch eure Songtexte? Wollt ihr eine Aussage treffen? Oder dienen die Texte lediglich als Vehikel für euren Gesang?
Anna-Lucia Rupp: Dieses Konzept gibt es, dass Songtexte lediglich als Vehikel für den Gesang dienen. Auf uns trifft es nicht zu. Wir wollen etwas mitteilen, zu fünfzig Prozent über die Songtexte, zu weiteren vierzig Prozent über die Musik, der Rest passiert bei Konzertauftritten über die Visuals. Unsere Kunst verteilt sich über verschiedene Ebenen, besteht nicht nur aus Klang. Gerade die Lyrics sind uns wichtig, dass wir uns selbst auch klarmachen, was wir aussagen wollen, welche Message nach außen tragen. Da stehen wird beide auf derselben Seite und stimmen uns ab, überprüfen wie die jeweils andere einen Songtext versteht.
Fama M'Boup: Das ist auf jeden Fall sehr interessant. Es kommen Sachen ans Tageslicht, an die man gar nicht gedacht hätte!
Anna-Lucia Rupp: Absolut, und es ist wichtig, dass man sich reflektiert. Man hat eine Stimme, die nicht nur ein Instrument ist, sondern im übertragenen Sinne ein Ausdrucksmittel. Das muss man bewusst einsetzen.
Fama M'Boup: Auf unserer ersten EP gab es einen Song, der "Bubumbum" hieß und gar keinen Text hatte. Das ist auch okay, ein Songtext war überflüssig, es bedurfte keiner weiteren Erzählung. Die Geste, die in der Musik steckt, war eindeutig. Es ist uns beiden nicht fremd, dass man Stücke schreiben kann, die ohne Songtext auskommen. Aber wenn vorhanden, sollten Songtexte nach unserem Dafürhalten nicht nur Beiwerk sein, sondern Sinn ergeben, einen Grund haben, warum sie da sind.

SAX: Euer Debütalbum "Liquid Lines" ist ein Doppelalbum mit zehn Songs in jeweils einer blauen und einer Version in Orange. Welcher Song wäre am besten geeignet, sich einen Eindruck von euren Songtexten zu verschaffen?
Fama M'Boup: Spontan würde ich sagen "Préférences", tendiere dann aber doch zu "Go Go Go", weil dort jede von uns beiden auch einen anderen Text geschrieben hat. Es ist schon so, dass wir unterschiedlich an Songtexte rangehen. Wir schreiben unterschiedlich, und bei "Go Go Go" lässt sich das am ehesten ablesen.
Anna-Lucia Rupp: Aber wir singen beide über Frauen, die uns den Rücken stärken, uns motivieren, die uns ein Vorbild sind. Man erfährt auch etwas über uns als Persönlichkeiten.

SAX: Lassen sich die Frauen, um die es in "Go Go Go" geht, benennen?
Fama M'Boup: Das sind unsere Mütter, enge Verwandte, enge Freundinnen, Frauen aus unserem privaten Umfeld.
Anna-Lucia Rupp: Richtig, aber eine kann man konkret nennen. Sie ist zwar nicht im Videoclip zu sehen, aber zu hören. Es handelt sich um Laura Perrudin, eine Sängerin und Harfenistin aus Frankreich, die ein echtes Vorbild für uns war. Sie arbeitet auch viel mit Loops und Elektronik. Sie singt und nimmt auch ihre Stimme als Fundament ihrer Musik. Das fanden wir von Anfang an total inspirierend. Dann haben wir uns ein Herz gefasst und sie gefragt, ob sie nicht Lust hätte mit uns zu kooperieren. Sie war einverstanden, und wir sind megastolz, dass sie Teil dieses Frauensongs sein wollte.

SAX: Warum die jeweils unterschiedlich gefärbten Songversionen auf eurem Albumdebüt?
Anna-Lucia Rupp: Die unterschiedliche Färbung steht für eine jeweils andere Stimmung. Wir laden die Zuhörer ein, sich hineinfallen zu lassen – entweder in die ruhige bläuliche Version oder die energetische orangene Version. In beiden Welten gibt es massenhaft Details und Kleinigkeiten zu entdecken. Darum wurde "Liquid Lines" auch auf Doppelvinyl und Doppel-CD veröffentlicht, weil wir zum bewussten Musikhören ermuntern möchten und nicht untergehen wollen in den flüchtigen Playlists diverser Onlineplattformen. Uns liegt viel daran, dass man sich das Album auf den Plattenteller legt, bewusst zuhört und vergleicht.
Bernd Gürtler

Olicía 13. Mai, Schauburg, Record-Release-Konzert zu "Liquid Lines" (O-Cetera)
Tickets gibt es bei SaxTicket
www.oliciamusic.com