10.053 für ein Hallelujah

Vier! Zu! Eins! Die SGD lässt es gegen den HSV pokalkrachen

Foto: SG Dynamo Dresden

Machmal ist nach dem Spiel einfach nur nach dem Spiel. Vor allem, wenn man als Journalist im Presseraum auf die Trainer wartet. Normalerweise kommen diese irgendwann gemeinsam zur Pressekonferenz. An diesem denkwürdigen Abend war das anders. Erst lange, lange Zeicht nichts. Die Stille war fast beängstigend nach dem soeben erlebten lautstarken Höllenritt. Dann machte ein Toni-Leistner-Video auf Twitter die Runde. Und schließlich erschien Markus Kauczinski – allein. Rauf aufs Podest, Brille auf, Phone checken, Simsen lesen: „Wenn ich verlier, schreibt mir keiner“, meint er schließlich ob der eintreffenden Glückwünsche auf beständig puckernden Telefon. Aber Daniel Thioune? Fehlanzeige. Offenbar hatte er seinem „Team“ dringlichst und sofort einiges zu sagen, das keinen Aufschub zuließ. Dann kam der HSV-Coach doch noch zur Pressekonferenz, sichtlich angefressen. Und er hatte allen Grund dazu.

Die erste Halbzeit: Stark stark, Becker spitz

Seit Tagen wurden zwei Fragen von den schwarzgelben Fans diskutiert: 1. Wie wird sich diese fast komplett neue Mannschaft gegen die Rautenträger schlagen? 2. Ist es okay, unter den vorgegebenen Hygieneregeln ins Stadion zu gehen. Beginnnen wir mit Punkt 2: Jeder hat die Freiheit, das für sich zu entscheiden, und niemand hat das Recht, andere für ihre Entscheidung runterzumachen. Die immerhin 10.053 (zwinker, zwinker bei den letzten beiden Ziffern) Gäste sorgten auf jeden Fall dafür, dass Dynamo Dresden schon beim Anpfiff irgendwie vorn lag, die offensichtlich überragende Klangarchitektur des Kessels potenzierte die Laustärke daerart, als wäre die Kiste an der Lennéstraße ausverkauft. In welchem Umfang das Maskenprinzip eingehalten wurde, konnte ich ob meiner altersmüden Augen von der Pressetribühne aus nicht beurteilen. Sehr viele hatten jedenfalls eine im Gesicht.

Kurzer Blick auf den Mannschaftszettel: Mit Infekt fehlte Marco Hartmann im Kader, Kevin Broll und Chris Löwe waren als einzige Spieler der vergangenen Spielzeit dabei. Da muss man sich als Beobachter erst einmal orientieren, wer hier wer ist. Will: Rotschopf. Mai: Dutt. Diawusie: Hautfarbe. Stark: halblanges Haar. Der Rest: immer mal nachgucken. Aber nein, heute bekommt man keine Zeit, sich einzugewöhnen, denn schon in Minute drei scheppert es zum ersten Mal. Beim Haesvau! Im Mittelfeld gehen Panagiotis Vlachodimos und Patrick Weihrauch gemeinsam auf Dudziak drauf, Vlachodimos holt sich den Ball, gibt direkt auf den startetenden Weihrauch, am Straumraumeck geht es zurück auf den perfekt laufenden Deutschgriechen, der nun Toni Leistner zum Tanz bittet. Aber mit Hüftsteife wird es für den Ex-Dresdner schwierig beim ChaCha, so segelt die Flanke von der Grundlinie in den Strafraum, wo Yannick Stark aus elf Metern gekonnt volley abzieht. Robbery lassen grüßen! Einszunull!

Es ist jetzt Elektrizität in der Luft. Hamburg will antworten, doch Dudziak köpft drüber. Dann an der Seitenlinie eine 100-Prozent-Grätsche nach dem Motto „Wo ein Will ist, ist kein Weg“ – als der Paul das Runde mit Schmackes ins Aus befödert, geht das Publikum aus den Sitzen, als wäre das 2:0 gefallen. Spätestens jetzt ist klar: Diese neue Mannschaft wird hier und heute alles geben. Das zeigt sich auch nach acht Minuten, als Agyemang Diawusie im Stehen und Liegen um das Leder fightet, es gibt kein Loslassen. Und die SGD hat auch das Glück der Tüchtigen gebucht in der Person von Hinterseer, der das Tor allein in der ersten Hälfte mehrfach nicht treffen will – erstmals in der 9., als sich der aufmerksame Tim Knipping in einen Schuss aus Nahdistanz wirft. Kurz darauf donnert Christoph Daferner aus sehr spitzer Position den Ball an den Pfosten, den Abpraller kann Vagnoman leider nicht für ein Eigentor nutzen. Auch hier entstand die Gefahr durch extrem hohes Pressing.

Ein sehr gute Viertelstunde ist rum, da finden die Rothosen ein weiteres Mal keinen Pfad da hinten raus, Daferner erobert den Ball, räumt Hinterseer regelschwammig weg und der Weg ist frei für Robin Becker. Der läuft und läuft, hm, ist jemand hier? Die HSV-Verteidigung will eine Auszeit nehmen, bekommt aber das Zeichen: falsche Sportart! Immer noch ist Becker unterwegs. Was solls, einfach mal draufhalten. In dem Moment erwacht David in der Innenverteidigung der Hamburger und denkt gerade noch „Fuß“ und „Ball“, um mit einem Reflex das Tor sicher zu ermöglichen. Zweizunull. Ja, da wird man doch irre!

Während Hinterseer nun sein Team mit dem Verballern Hundertprozentiger in tiefe Depressionen treibt, lässt Dynamo keinen Deut locker. Hier mal eine kleine Kurzpasszauberei im Mittelfeld, dort konsequentes Abräumen, immer das Lauern auf die Chance zum Gegenzug. Löwe holt sich zeitig Gelb. Es ist nun ein Ringen und Kämpfen. Schiedsrichter Florian Badstübner pfeift fast alles ab, eine für meine Begriffe richtige Strategie, denn schon jetzt trifft Hamburger Frust auf dynamischen Eifer – da will der Refereé nicht zu spät anzeigen, wo die Grenzen liegen.

Der Bundesligist versucht nun viel, aber erreicht wenig. Am Strafraum macht es Dresden eng, hat fast immer die Kopfballhoheit und eine köperlich beeindruckende Präsenz mit einem silberrückigen Sebastian Mai als Kapitän. Spielt Hamburg schnell, mach das Feld breit, dann sieht man die noch bestehenden Probleme im SGD-Spiel, aber diese Lücken werden an diesem Abend mit Laufbereitschaft geschlossen. So passiert bis zum Pausenpfiff nicht mehr viel.

Die zweite Halbzeit: Der Mai ist gekommen

Der erwartete Sturmlauf des Gästeteams bleibt aus. Totzdem wird es kniffelig: Zuerst muss der einmal mehr absolute Seelenruhe austrahlende Broll in die Kurze fliegen, kurz darauf wird er von Knipping zur Ballübernahme eingeladen. Doch hier übersieht der Innenverteidiger den durchlaufenden Hinterseer, aber bevor der glücklose „Stürmer“ vollenden kann, kommt Becker von der Seite angrauscht, zieht seine 16 durch das Gras und haut dem Lukas das Leder vom Fuß. Boah!

Wie oft haben wir den Spruch gehört: „So kommt es, wie es kommen musste.“ Oder auch: „Wer sie vorne nicht reinmacht …“ – das klingelt nun als Dauerschleife in den Hamburger Ohren. Weil: Acht Minuten nach dem Wiederanpfiff schlängelt sich Vlachodimos schon wieder an der Seitenlinie entlang lässt alle und alles stehen, zieht so drei Verteidiger auf sich (auch schon wieder Leistner) und findet dann die Lücke zu Daferner. Der nimmt den Ball erst gar nicht an – er wird doch nicht, er wird doch nicht – und hämmert das Ding aus 20 Metern in die Kurze. Da ist Torwart Heuer Fernandes nur noch das i-Tüpfelchen auf einer defensiven Auflösungerscheinung. Dreizunull! Hamster bohnern und Schweine pfeifen in Dresden, während in Hamburg nur Pferde vor der Apotheke kotzen. Und ich Sachen Vlachodimos stellt sich die Frage. Werden in der dritten Liga Übersteiger trainiert? Nebensache: Kittel bekommt nun endlich die gelbe Karte, um die er seit Minute eins gebettelt hat.

Nach einer Stunde wechselt Daniel Thioune ein, was er an Offensivpower auf der Bank zu haben glaubt: Onana, Narey und natürlich Terodde. Hinterseer wird bankerlöst wie auch der luslose Hunt und der überforderte Dudziak. Wenig später darf sich Daferner beim Gang zur Außenlinie noch einmal feiern lassen, doch nicht Hosiner kommt für ihn, sondern Luka Stor.  Die Eingewechselten machen auch gleich Aufhebens von sich. Erst trifft Narey den Brollpfosten, dann kontert Stor über das halbe Feld, trifft aber das Tor nicht.
Noch eine Viertelstunde. Horvath für den agilen Weihrauch, Sohm für den sich aufreibenden Diawusie. Leistner sieht Gelb. Der HSV bringt mit Wood noch einen Stürmer. Terodde auf Broll. Noch zehn Minuten. Atemlos, fast vollbracht. Noch fünf Minuten. Gelb, Gelb, Gelb, Knipping, Wood, Will. Drei Tore in so kurzer Zeit? Kann Hamburg in dieser Form das schaffen? In der 89. fällt eins. Zuviel Platz auf links, Terodde verlängert auf Onana, der Ball und Löwe ins Tor befördert. Dreizueins. Vier Minuten Nachspielzeit. Auch Sohm sieht Gelb.

Es gibt aber kein Nachlassen, kein Zurückweichen. Raushauen, grätschen, blocken, sich gegenseitig pushen. Dieses Team ist topfit, angstfrei und voller Selbstvertrauen. Was soll das werden, wenn die erstmal eingespielt sind?

Die Vier Minuten Overtime sind rum, da flankt Horvath von außen nach innen – im Weg steht nur der ungückselige Leistner, der den Ball per Arm klärt. Elfmeter, null Protest. Vlachodimos will sich den Abend versüßen, hat den Ball am Punkt schon in der Hand, doch er muss runter. Bereits vor dem Pfiff zum Strafstoß hatte die Dresdner Bank die Auswechslung angezeigt, die nun vollzogen werden muss: Für wenige Sekunden kommt Königsdörffer für den verhinderten Schützen und Kade für Will.
So schreitet der Kapitän zur Tat – überzeugend versenkt. Vierzueins. Der Mai ist gekommen. Mitten im September. Schluss aus, Satz und Sieg.

Danach ging Toni Leistner in die dritte Halbzeit. Um ganz ehrlich zu sein: Wenn das stimmt, was an Beleidigungen kolportiert wird, dann wäre in dieser Situation wohl jeder in die Eisen gestiegen – Vorbildrolle hin und zurück. Immerhin bewies er mehr Zurückhaltung als Eric Cantona seinerzeit. #kungfu Dass aber der Kollege von Sky nach dem Vorfall das Interview mit dem Spieler ungerührt weiterführen will, ist so absurd, dass es schon wehtut.

Fazit: Auf eine überzeugende Weise hat Dynamo fast gegen sich selbst gewonnen – das Team 2020 gegen das Team 2019. Denn letztendlich erinnerte Hamburg mit seinem ebenso mut- wie ideenlosen Audtritt an die SGD der letzten Saison: Vorn versagt, hinten gepatzt.
Die Kür ist gelungen, die Pflicht folgt am Freitag.
Uwe Stuhrberg

SG Dynamo Dresden vs. Hamburger SV

14. September 2020, Anstoß: 18.30 Uhr
Tore: 1:0 Stark (3.), 2:0 Becker (16.), 3:0 Daferner (53.), 3:1 Onana (89.), 4:1 Mai (90.+5, Elfmeter)
Dynamo Dresden: Broll, Becker, Mai, Knipping, C. Löwe, Stark, Weihrauch (73. Horvath), Will (90.+5 Kade), Diawusie (73. Sohm), Vlachodimos  (90.+5 Königsdörffer), Daferner (66. Stor)
Zuschauer: 10.053
Schiedsrichter: Florian Badstübner
www.dynamo-dresden.de