"Aber es geht doch um Ihre Sicherheit"

Von 19 Millionen Euro Gesamtinvestition für das Areal Kiesgrube Leuben kommen nur 66.100 den Badegästen zugute

Das Wasser der Kiesgrube ist so spiegelglatt, dass sich die schlanke Silhouette des Fernsehturms in ihm spiegelt. Ein paar Männer klappen die Holzbänke zusammen. Die knapp hundert Anwohner, die hier gerade noch angeregt bis hitzig mit Vertretern der Stadtverwaltung diskutiert haben, gehen nach Hause. "Die haben uns viel versprochen, glaubst du das?", fragt eine ältere Dame ihre Freundin. "Nee", antwortet diese.

Mit "die" sind Marcel Timmroth, Geschäftsführer der für die Vorbereitung, Planung, Durchführung und Abwicklung des Bundesgartenschau zuständigen Buga Dresden 2033 gGmbH, sowie Nilsson Samuelson, freiberuflicher Architekt aus Schweden Stadtplaner und Sozialdemokrat, gemeint. Sie sind auf Einladung der SPD-Stadträtin Kristin Sturm-Karls gekommen, um mit den Anwohnern zur Thema "Kiesgrube Leuben: Wie geht es weiter mit Badestelle und Bundesgartenschau?" zu diskutieren. Und zwar direkt am See.

Aktuell beschäftigen sich mit der Zukunft der Kiesgrube rund 20 nationale Planungsbüros für Landschaftsentwicklung. Sie wurden angeschrieben, um in den kommenden 15 Wochen Ideen für die Gestaltung der Bundesgartenschau in Dresden zu entwickeln. Diese soll von April bis Oktober 2033 stattfinden und ist – nach der ersten deutschen Reichsgartenschau 1936 in Dresden – die erste, die in Sachsen stattfindet. Und es ist mit bleibenden Spuren zu rechnen, wie die Geschichte lehrt.

Wurden vor 80 Jahren im Geist des Nationalsozialismus die noch heute bestehenden Sichtachsen im Großen Garten, der Volkspark Zschertnitz und der Rosengarten am Königsufer angelegt, liegt der Schwerpunkt diesmal im Süden und Osten der Stadt. Unter dem Leitmotiv "Momentum Buga Dresden 2033. Wir pflanzen Zukunft" sollen soziale und städtebauliche Trennlinien abgebaut und Stadtteile besser vernetzt werden. Konkret geht es im den Südpark "als vernetzten Bürgerpark mit Umweltbildungsfunktionen", die Galopprennbahn in Seidnitz, die ein offener Raum für Sport und Veranstaltungen werden soll, und eben die Kiesgrube Leuben. Diese soll als "Naherholungs-Oase mit Fokus auf Biodiversität" gestaltet werden.

Was das genau bedeutet, wollen eben jene knapp hundert Interessierte wissen. Und bevor die dann gut eineinhalbstündige Diskussion ausbricht, herrscht tiefes Schweigen. Männer und Frauen studieren andächtig die Pläne im A3-Format, die sich jeder nehmen darf: den Entwicklungs- und Maßnahmeplan Kiesseen Leuben. Auf diesem ist alles sorgfältig eingezeichnet, die Nord-Süd-Ausrichtung, die Freianlagen, die baulichen Anlagen, die Badestellen, die Wasserflächen, die Waldflächen nach Waldgesetz, die Zugänge und die Fuß- und Fahrradwege.

Bald schon schauen die ersten Gäste irritiert zwischen dem See und dem Plan hin und her. Und während Timmroth noch über Kernareal und Nebenflächen referiert, von der einmaligen Chance, die eine Bundesgartenschau für die Entwicklung von Flächen bedeutet, und Samuelson von Einklang von Sport, Spiel, Spaß und Natur, platzt es aus einer Frau erregt heraus: "Sie haben den Badebereich geschrumpft. Und zwar enorm!"

Skandal! Das gehe überhaupt nicht, echauffieren sich andere. Und andere wollen wissen, ob Timmroth oder Samuelson überhaupt wüssten, wovon sie sprechen: "Waren Sie hier überhaupt schon mal baden? Wollen Sie, dass wir elfstöckig hochgestapelt auf dem Kies liegen?"

"Aber es geht doch um Ihre Sicherheit", versucht Timmroth die Gemüter zu beruhigen. Und Samuelson sekundiert, in dem er an die vielen Verbotsschilder um das Gelände erinnert: Der aktuelle Widerspruch sei, dass alles, was eigentlich verboten ist, am See stattfindet. Und jetzt wolle man das Baden für alle legalisieren und vor allem sicherer machen. "Wir können auf uns selbst aufpassen", sagt eine Frau. Gut finden dagegen alle, dass es eine Toilettenanlage, Umkleidemöglichkeiten und neue Wege geben soll. Weniger interessiert, dass der bisherige Trümmerberg Aussichtspunkt werden und eine Plattform erhalten soll und dass Blühwiesen entstehen sollen.

Artenschutz, Schallschutz, Naturschutz, Allgemeinverfügung – die Leubener wollen wissen, ob sie auch künftig im Nordsee schwimmen dürfen und die vom illegalen FKK-Bereich am Südsee machen sich Sorgen, dass das schwarze Wort "Gehölzaufwuchs" in ihrem Kartenbereich das Ende einer jahrzehntelangen Tradition bedeutet. Und die beiden Verwaltungsmenschen begehen den Fehler, sich hinter Gesetzen und einem Verwaltungsdeutsch zu verstecken, das nur sie verstehen.

Die Anwohner haben indes ein feines Ohr für Nuancen. Schließlich glaubt einer das Wichtigste aus dem Amtsdeutsch herausgehört zu haben. "Ihr könnt alle wie gewohnt baden gehen. Es ist nur weiterhin illegal", übersetzt er. Timmroth und Samuelson widersprechen nicht. Einer von ihnen lässt sich sogar zu dem Satz hinreißen, der aus diesem Mund resignierend klingt: "Außerhalb der öffentlichen Badestelle können Sie auf eigene Gefahr weiterhin tun und lassen, was sie wollen." Aber das geht im zustimmenden Gemurmel unter. Offenbar würden die meisten am Status quo plus Toiletten und Müllentsorgung festhalten. Das Misstrauen, dass die Verwaltung alles nur verschlimmbessert und liebgewordene Gewohnheiten verloren gehen, scheint groß.

Die Stammgäste der beiden Kiesseen scheinen gerade beruhigt, als eine Frau erneut etwas Ungeheueres auf dem Plan entdeckt: "Da steht Rückbau des Uferwegs, können wir künftig nicht mehr um den See spazieren?" Die Verwaltungsmänner bestätigen die Annahme. Die Empörung schlägt wieder Wellen.

19 Millionen Euro stehen für die Neugestaltung des Gesamtareals zur Verfügung, darunter eine hohe Summe um den Trümmerberg aus Privatbesitz zu erwerben, aber kein Cent für die – darin sind sich alle einig – dringend erforderliche Sanierung und Wiederherstellung des ins Rutschen geratenen Uferweges.

Das sei doch viel wichtiger als eine Aussichtsplattform, melden sich auch jene zu Wort, die entlang des Rundwegs bisher ihre Vierbeiner führen. Den meisten fällt jetzt das krasse Missverhältnis auf: Während für die Neugestaltung der legalen Badestelle etwa 66.100 Euro (plus jährliche Betriebskosten von 69.000 Euro) und für die Schilf- und Weidenbepflanzungen 294.000 Euro vorgesehen sind, wurden als Gesamtinvestitionsssumme für das Projekt "Kiesseen Leuben" eine Summe von 19 Millionen Euro genannt. Ist der Erwerb der Flächen des in Privatbesitz befindlichen Trümmerberges so teuer oder wohin fließt das Geld? Die Genossen von der SPD verweisen auf die Internetseite der Buga Dresden gGmbH. Da könne alles nachgelesen werden.
Peter Chemnitz

www.bundesgartenschau.de