Alter weiser Mann

Review: Helge Schneider mit einem entspannten Open Air in der Jungen Garde

Helge Schneider, Henrik Freischlader, Charly The Flash

Das »Zeisig. Weiß ich.“ beendete diesmal nicht den Helge-Udo-Dialog in der Zugabe „Meisenmann“. Der Appell an den Vogelvater, doch der Ernährung seines Sprosses Vorrang vor dem eigenen Hunger zu geben, krönte ein Schneider-Konzert wie man es wohl so noch nicht erlebt hat. Und das nicht nur, weil der besungene Flatterer eine kleine Maske trug, um uns alle zu schützen.

Aber von vorn: Nach einer Hardcore-Einlassmusikbeschallung mit Heino-Liedern, werden nicht wenige überrrascht gewesen sein, als Helge Schneider mit seiner Zwei-Mann-Band die Bühne im Großen Garten betrat. Aber was heißt hier Mann? Neben dem formidablen Gitarristen Henrik Freischlader saß nicht etwa – wie noch vor Tagen – the english man Pete York, sondern Schneiders 10-jähriger Sohn Charlie am Schlagzeug, den der Papa als Charly The Flash aus Chicago vorstellte. Bei früheren Sommershows nur bei einigen Songs an den Drums, „durfte“ der Kleine diesmal das komplette Konzert spielen. Jugend forscht beziehungsweise forsche Jugend.

»Swing ist mein Ding“, meinte Schneider im Interview mit der SAX in der September-Ausgabe – und das könnte man auch als Überschrift für diesen Spätsommerabend nehmen. So beginnt das Jazzunikat auch gleich mit „Heute hab ich gute Laune“ vom neuen Album „Mama“, dem der Mutti-huldigende Titelsong auch gleich folgt – getragen von einem gleitenden Soulsound und nicht frei von etwas Schwermut. Dazwischen kleine Späße mit der Fotocrew am Bühnenrand und sich verspätenden Gästen. „Sind das eure Gesichter? Ich dachte, das sind Masken“. Dann der Sommerhit 2020: „Ich setz mein Herz bei E-bay rein“, wobei das stakkatohaft inszenierte Einsetzen des „Ich setz, ich setz, ichsetzichsetzichsetz ...“ immer wieder für Lachschütteln sorgt. Schneidersprech eben.

Hier geht dann auch Charly The Flash zum ersten mal richtig ab. Der little drummer boy scheint überhaupt die Musikauffassung seines Vaters zu teilen, spielt zwar aufmerksam folgend, nimmt sich aber variabel alle Freiheiten, die sich bieten. Immer gleiche Schemata vermeidet er, mit feschem Hut und wehendem Haar pflegt er ständigen Blickontakt mit Freischlader und dem zwischen Orgel und Klavier wuselnden Paps. Dass da auch mal was daneben geht, nicht jeder Schlag sitzt, spielt in dem Gesamtkonstrukt des Schneider-Trios keine Rolle. Zudem ist der Drumssound so gemischt, dass man ihn wahrnimmt, er aber nicht zu weit vorn ist. Selbstbewusst spielt der Kleine groß auf – Chapeau!

Sowohl auf der neuen Platte als auch live zeigt Helge Schneider immer wieder Mut zur komischen Tristesse, einem Subgenre, das nur wenige beherrschen. „Der müde Reiter“ etwa porträtiert einen Westernhelden vor dem Duell, in dem er stirbt (vielleicht), „Roswitha“ eine Stripperin mit Wahrnehmungs- und Kommunikationsproblemen (oder so). Zum Spiel auf einem Daumenklavier hebt Schneider dann zu einem Monolog an über Ayurveda, Asien, das Ruhrgebiet, das „Verwöhnen“ zur Musik von Scooter oder DJ Bobo und ein China-Restaurant namens „Deutsches Haus“. Die Gedanken sind frei, fly away. Mit „Liebe im Sechsachtel-Takt“ geht es in die Pause. Da wartet wieder Heino, und ja, auch das Pferdehalfter hing an der Wand.

Nach dem Break teasert Schneider kurz den „Klapperstrauß“, gibt aber den wenigen Ballermännern im Publikum nach wenigen Sekunden einen Korb in Gestalt des „Kälteblues“ – passend, denn die Außentemperatur sinkt merklich. Via Arbeitsweg-Pantomime geht es zur Arbeiterlied-Abteilung, in der erst eine (noch) nicht vertonte Ballade über das Backhandwerk zu hören ist, gefolgt vom anklagenden „Der Boss“. Zu finden auf dem neuen Album, verurteilt der Sänger hier auf seine Art das Schweinesystem.
Nach einer Mikroausfall-Nummer schreitet Helge Schneider, die Gitarre einmal in der Hand, zur rockhistorischen Tat und dekonstruiert „dilettierend“ Deep Purples „Smoke On The Water“. Während Freischlader das ewige Riff vor sich hin dudelt, soliert Schneider mit fast atonalem Twang-Klingelingeling und schreitet samt ungelenkem Posing zur Vernichtung des Klassikers – und adelt ihn dann doch auf seine Weise. Und überhaupt habe er ja mal in einem Hotel Deep Purple, Black Sabbath und Uriah Heep (sprich: Heep) auf einmal getroffen. Schnee von gestern, schreiten wir zum Boogie Woogie. Wilder Ritt auf dem Klavier, jeder ein Solo, Musik 1, setzen.

„Hab ich ne Perücke auf? Wie affig das ist!“, und schon fliegt das Ding in das Dunkel des Bühnenrückraums. Jetzt noch mal an die Orgel und den „Jailhouse Rock“ von Elvis raushauen. Den hatte er in größerer Besetzung auf dem Album „I break together“ schon einmal drauf. Jetzt im Trio: „The warden threw a party in the county jail“ geht noch, bei „The prison band was there and they began to wail“ gehen die Worte feixend unter. Aussetzer gespielt oder echt, wen kümmert es. Hauptsache: „Let's rock everybody, let's rock“. Freischlader lässt jaulen, Charly ist nun The Flash. Musik aus der „guten alten Zeit“? Der Sound der inzwischen alten weißen Männer? Vor allem ist es ein Statement Schneiders zu seinen musikalischen Wurzeln und Überzeugungen. Swing in der Musik und Free Jazz im Wort – unter all den alten weißen Männern ist der weiseste.

So ward der Abend zu einem wohltemperierten Konzerterlebnis mit viel Spaß, aber wenig Klamauk, etwas Dada und doch einer Menge Flausen. Am Schluss flog der eingangs erwähnte „Meisenmann“ durch das Halbrund der Freilichtbühne Junge Garde, wonach das Publikum jeden Alters und Aussehens überwiegend beseelt in die Dunkelheit zog. Die Herrentorte und ihr Sohn war da vielleicht schon wieder auf dem Weg nach Mülheim. Charlie muss ja in die Schule
Uwe Stuhrberg

Helge Schneider 10. September, Freilichtbühne Junge Garde