Auf der Achterbahn mittags um halb zwei

Dynamo versus St. Pauli: Ein Drama in sechs Akten

Foto: FC St. Pauli

Prolog: Manchmal ist Urlaub. Und manchmal ist Urlaub, wenn Heimspiel ist. Nicht immer zu verhindern. Zum Zeitpunkt des Geschehens, hockte ich also auf einer schwedischen Insel, aber – EU sie Dank – funzen die legalen Streamingdienste seit einiger Zeit auch im europäischen Ausland. Nun ist es so, dass mein schwedischer Freund und Gastgeber Håkan auch eine spezielle Fußballverbindung hat, weniger zu einem Verein, sondern zu seinem Enkel. Dieser hört auf den Namen Erik Björndahl, spielt in der Superettan – der schwedischen zweiten Liga – bei Degerfors IF und führt dort mit zwölf Treffern die Törjägerliste an. Für ihn ging es gegen Halmstads BK, die zu Eurocupzeiten auch mal Dynamo-Gegner waren und von Dresden knapp rausgekegelt wurden. Also zwei Spiele parallel: Dynamo ab 13 Uhr auf dem Rechner, Degerfors ab 13.30 Uhr im TV. Was muss, das muss. 

1. Akt
Wir haben registriert, dass Moussa Koné nach den Sturmabgängen erwartbarerweise wieder auf der Bank saß, C. J. Conteh beim Gegner auch, er wiederum zur Überraschung (fast) aller. Auf dem Platz zeigt Schwarzgelb zum dritten Mal in Folge dasselbe Team und heute einen nervösen Beginn. Nach 13 Minuten gibt es die erste Ecke für Hamburg, am Ball natürlich der unverzichtbare Mats Möller Daehli. Nun sind für Dresden gegnerische Eckbälle immer so eine Sache, weil die Kopfballverteidigung ohne Florian Ballas öfter mal schwächelt. Aber dieser Ball geht auf keinen Schädel, sondern in die Nähe des rechten Fünfer-Ecks, wo Chris Löwe für Dimitrios Diamantakos zuständig ist. Eigentlich. In Wirklichkeit schwelgt er wohl noch in den Erinnerungen an einen Ballettabend, möglicherweise im Festspielhaus Hellerau, es muss auf jeden Fall etwas Zeitgenössisches gewesen sein. Denn Löwe vollführt eine Art Ausdruckstanz, an dem nicht nur Palucca & Wigman ihre Freude gehabt hätten, auch Diamantakos schaut entzückt zu. Und schiebt locker ein. „Tore schießen leicht gemacht“ heißt das wohl, wenn man ins Phrasenschwein einzahlen will. Will ich nicht. Mit ist zum Kotzen.

2. Akt
„Aufstehen und Mund abbputzen“ ist auch so eine dämliche Redewendung. Und wenn sie denn stimmen würde, hätte es bis zum nächsten Einschlag höchstens für das Aufstehen gereicht. Nur zwei Minuten später kommt Marvin Knoll über die linke Seite und steht hier Aug in Aug mit Linus Wahlquist. Der Schwede guckt so ein bisschen und überlegt, ob der Typ da vor ihm nicht auch mal bei Dynamo war, da geht der Ball schon in die Mitte zu – ja, schon wieder – Möller Daehli. Der spielt nicht nur einen feinen Doppelpass, sondern legt mit Übersicht das zurückkommende Leder nach außen zu Waldemar Sobota, der namensgerecht (für Russsischsprechende) seine Arbeit zum zweiten Tor verrichtet. Und genau dort, am rechten Fünfer-Eck, da war doch was. Oder wer. Genau Chris Löwe! Aber ist das jetzt ein Spagatübung, sind wir noch im Tanzuniversum? Diese Grätsche ins Leere – zudem endlos weit weg vom Sanktpaulianer – kann mit Fußball jedenfalls nichts zu tun haben. Und welche Körperlosigkeit für jemanden, der auf der Insel das harte Brot des Zweikampfs genossen hat! Aber was soll's: Schon einmal hat die SGD gegen den gleichen Verein zu Hause einen 0:2-Rückstand in einen 3:2-Sieg verwandelt. Trojan (per Fallrückzieher), Losilla und Schuppan drehten am 6. April 2013 in nur 15 MInuten die Partie, die zur Halbzeit noch torlos war. Also: Zwei Tore, das ist nix.

3. Akt
Ja, zwei Tore sind nix, aber drei? Es ist fast eine halbe Stunde gespielt, da läuft – nicht doch schon wieder! – Möller Daehli in aller Freiheit über den Rasen. War der das mit den zwei Assists eben? Gab es den in der Videoanalyse vorab? Wer kann sich schon so einen komischen Namen merken? Bei so viel Gedankenarbeit bemerkt niemand, wie Diamantakos wild fuchtelnd in den Dresdner Strafraum läuft, den Ball auch bekommt, aber drei Mann sind sofort zur Stelle. Zeit für ein Gespräch. Linus zu Dzenis: „Guck mal, wie der Typ den Ball so überhaupt nicht unter Kontrolle bekommt.“ Dzenis zu Linus: „Und sonst so?“ Kevin E. zu Linus und Dzenis: „Vielleicht sollten wir was machen.“ Kevin B. zu allen: „Ey!!!“ Und die so: „Ups!“ 0:3. Nur wenig später erzielt Erik Björndahl das 1:0 für Degerfors mit einem wunderbaren Heber. Ich versuche, so gut es geht, mich ein wenig für Håkan zu freuen.

4. Akt
Ein Zweitorerückstand kann trügerisch aufholbar scheinen, drei Tore Abstand bringen den Nackenschlag oder den Mut zum Vollbringen des scheinbar Unmöglichen. Und auch wenn diese erste halbe Stunde sportlicher Murks war, so sieht man jetzt, dass diese Elf nicht auseinanderfällt. Baris Atik zieht in der 38. einfach mal aus 20 Metern ab, da verhindert Robin Himmelmann noch den Einschlag. Zwei Minuten später nicht. Eine Ecke von Löwe segelt hoch in den Sechzehner der Hamburger, wo Jannis Nikolaou senkrecht in den Himmel steigt und ungestört mit Wucht einnicken kann, weil der Torwart überstürzt in Freund und Feind rennt. Ist das ein Omen? Wir erinnern uns: Am 3. März dieses Jahres machte die Dresdner Nummer Vier zu Hause gegen Bochum nach einem 0:2-Rückstand den Ausgleichstreffer, sein bis hierhin einziges Tor im dynamischen Trikot. Und: Es war der Trainereinstand von Cristian Fiel. Noch vor der Pause vesuchen es Jeremejeff und Atik aus der Distanz, verfehlen den Kasten aber knapp.

5. Akt
Mit dem Wiederanpfiff kommt Luka Stor für den diesmal blassen Horvath. Überhaupt geht die Wuseltaktik mit den Kurzpässen heute nicht auf, worunter auch Baris Atik etwas leidet. Die ersten Highlights im zweiten Durchgang haben Jannik Müller mit einer Megagrätsche gegen Diamantakos und Patrick Ebert mit einem Freistoß, der fast baugleich zu dem vom Heidenheim-Spiel ist, nur eben wenige Zentimeter über die Latte geht. In Minute 54 spielt er dann mit einem feinen Pass Jeremejeff auf rechts frei, der sich in den Strafraum tankt und sofort mit Schmackes abzieht. Den Ball kann Himmelmann noch halten, doch der Abpraller wird direkt vor die Füße von Atik geköpft. Der tanzt nun ein wenig und wackelt, doch bevor er fällt, sieht der mittig und mutterseelenallein Nikolaou rumstehen. Also rüber mit dem Ball. Aber war es nicht der Jannis, der – laut Fiel in der Pre-Game-Pressekonferenz – beim verdutzten Trainer nachfragte, ob es okay ist, auch aus der Distanz auf das Tor zu schießen? Mit dem Ja des Coaches im Rücken nimmt er in aller Ruhe den Ball an, guckt sich den Keeper aus und versenkt das runde Ding rechts unten. Was ist denn hier los?!

6. Akt
Inzwischen sind Klingenburg und Koné für Atik und Müller auf dem Platz. Auf der anderen Seite schwant dem Taktikfuchs Jos Luhukay wohl Schlimmes, denn auch er bringt mit Christian Joe Conteh seinen besten Stürmer dieser Saison. Und der zeigt auch gleich, was er drauf hat, doch die Heimdefensive klärt, wenn auch immer wieder mal in höchster Not. Doch Dynamo fährt nur noch im Vorwärtsgang. Als aber Nikolaou sechs Minuten vor Schluss eben jenen Conteh via Foul am Durchbruch hindert, schwinden die Hoffnungen ein wenig, denn nach Videoansicht zeigt der Referee glatt Rot. Niemand auf dem Platz beschwert sich.
Eine Zeigerumdrehung später wird es dann ganz wild. In einem Spiel, in dem man das Wort „ausgerechnet“ dauerhaft hätte benutzen können, ist es ausgerechnet Mats Möller Daehli, der an der Außenlinie in der Dynamo-Hälfte durch zwei Dresdner hindurchlaufen will, aber dabei scheitert. Der Ball landet bei Luka Stor, der sofort sieht, wie Moussa Koné Speed aufnimmt. Mit einem Außenristpass, mit dem man auch hartes Brot hätte schneiden können, bedient er zentimetergenau den Laufweg von Koné, der, so perfekt angespielt, diesmal keine Probleme mit der Verwertung hat. „Lauf, Forrest, lauf!“, schießt es mir durch den Kopf. Und Koné läuft wie in seinen besten Zeiten, mit jedem Schritt beflügeln ihn wohl der Frust der letzten Wochen und der unbedingt Wille, dieses Tor zu schießen. Da Himmelmann sich auf einem Ausflug wähnt und vielleicht gerade seine Brotbüchse sucht, macht der Dresdner Stürmer noch ein paar Schritte am herumirrenden St.-Pauli-Keeper vorbei und schiebt wohlüberlegt vom rechten Strafraumeck ein. Nicht! Zu! Fassen! Und ausgerechnet Moussa … Der arme Ryo Miyaichi kann dem Spektakel nur noch hilflos zusehen. Zwar haben die Gäste kurz vor dem Spielende noch eine gute Chance, aber das war es dann auch. Kopf und Körper voller Adrenalin und gebeutelt von der Hitze fallen alle erstmal mit dem finalen Pfiff auf den Rasen.

Epilog: Was noch zu sagen wäre. Erstens: Auch in einem schlechten Spiel, kann sich die Mannschaft aufrichten, was dafür spricht, dass Trainerteam und Spieler gut beieinander sind. Ob es Moussa Konés letztes Tor für die SGD war, stand zum Zeitpunkt, in dem diese Zeilen verfasst wurden, noch nicht fest. Seine Geste nach dem Treffer sprach eher für ein Bleiben, die Gerüchteküche sagt etwas anderes, aber diese lag schon sehr oft falsch. Und da Nikolaou in zwei Wochen gesperrt sein wird, steht ja vielleicht schon der Kapitän wieder zur Verfügung.
Zweitens: Das mit den speziellen Bannern gegen den FCP muss zwingend ein Ende finden. Was da wieder zu lesen war, ist an sexistischer Dummheit und Kackbratzentum kaum noch zu unterbieten. Oder anders gesprochen, so, dass die Betreffenden es auch verstehen: Wie klein ist Euer Pimmel, dass ein solcher Unflat den Weg aus dem Kleinhirn auf den Stoff findet, um den es einfach nur zu schade ist? Und schlagt jetzt bitte das Wort Unflat nach.
Drittens: Degerfors IF gewinnt gegen Halmstads BK mit 2:1, den Punkt rettet am Ende Torwart Ismael Diawara mit spektakulären Paraden. So freuen wir uns am Ende beide – Håkan über den Sieg und das Enkeltor, ich mich über einen Punkt, der so viel mehr sein kann.
Uwe Stuhrberg

SG Dynamo Dresden vs. FC St. Pauli
30. August 2019, Anstoß: 13 Uhr
Tore: 0:1 Diamantakos (13.), 0:2 Sobota (18.), 0:3 Diamantakos (29.), 1:3 Nikolaou (40.), 2:3 Nikolaou (54.), 3:3 Koné (85.)
Dynamo Dresden: Broll, Wahlqvist, Ehlers, J. Müller (76. Koné), Ebert, Nikolaou (Rote Karte 84.), Burnic, Löwe, Horvath (45. Stor), Atik (61. Klingenburg), Jeremejeff
Schiedsrichter: Benjamin Cortus
Zuschauer: 29.953
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