Bipolare Wahrhaftigkeitssuche

Das »Amt für die ganze Wahrheit« residiert im Deutschen Hygiene-Museum

Foto: Isabel Noack

So viel zu Beginn: Allein die acht Videos mit Martin Wuttke rechtfertigen den Besuch von »Fake – die ganze Wahrheit« als derzeitige Sonderausstellung im Deutschen Hygiene-Museum Dresden. Der Mensch sei das einzige Tier, das lügen könne, zitiert der ehemalige Volksbühnenheld als übergroßer Behördenleiter Hans Wahr bereits im Eingangsraum der Ausstellung einen berühmten Philosophen, der alle zehn Minuten gruppenweise zum Prolog betreten werden kann.

Denn die Besucher sind von nun an Mitarbeiter im »Amt für die ganze Wahrheit« – und dessen sieben folgende Abteilungen haben es alle in sich: Die Publikumsbrigade wird gleich zu Beginn als repräsentative Gesellschaft per Entscheidungs- wie Glaubensfragen mehrfach gespalten, gerade Brigaden oder Familien dürften schon ihren Spaß haben (oder zerfallen). Schnell wird allen klar: Analoge Welten sind wesentlich komplexer als binäre – und mit Moral oder Gesinnung kommt man hier nicht weiter. Der Kern der Wahrheit liegt hinter vielen Zwiebelschalen, Lügen haben oft schnelle wie schöne Beine und durchaus Sinn und dominieren so den Alltag.

Die Wirkung medialer Falschnachrichten sind nur ein Aspekt – und der wird in der letzten Kammer, der »Medienstelle für alte und neue Fake-News«, eindrücklich illustriert. Einerseits die historische Entwicklung von Medienarten (ab Gutenberg), Pressefreiheit und Zensur als angebliche Unterdrückung von Falschnachrichten (ab Luther) bis zur endgültigen Welle der Netzmanie mit der Gründung von Wikipedia, Google und Twitter. Auf der anderen Seite steht die Wirksamkeit der Arten aktueller Massenkommunikation in weltweiter Perspektive: Zehn bis 20 Prozent Zugang mit bis zu 80 Prozent Reichweite stehen da heute in dem digitalen Raum des Internets als eine Art Bilanz von Brechts Radiotheorie als erste Vision der Demokratisierung von Medien – damals via Hörfunk.

Zuvor lädt Wuttke zur Pinoccioforschung oder (mit abschlaffender Plastik-Luft-MPi westlicher Bauart) zur Prüfstelle für Fälschung, wo Markenartikel oder Gemälde als Kopie gezeigt werden. Spannender ist das »Labor der Lügenerkennung«, in dem man die meisten Gesten unserer Politiker als Plakat an der Wand erkennt: steter Zeigefinger, viele Wiederholungen, Kopfschütteln, starre Blicke – alles Anzeichen für Lüge. Hier auch der Beweis, warum die DDR unterging: Der SED-Staatsschutz kaufte erst im Dezember 1989 seinen ersten Lügendetektor namens »Diplomat« für 30.000 D-Mark und konnte sich so nicht mehr selbst ordentlich durchtesten vorm Wechsel. Leider ist das Gerät heuer etwas lawede und darob in eine Vitrine eingesperrt.

Zwei weitere Räume bedürfen der besonderen Erwähnung: in der »Zentralen Lügenanlaufstelle« kommen Päckchen mit Lügen zum Scannen und zur Bewertung an. So auch die »Bunte Republik Neustadt« als Lügenpaket 599, worauf beim Einscannen eine Umfrage (wohl unter Besuchern) erscheint: die meisten (103) empfinden es »lustig«, immerhin 21 für »dringlich« und nur vier für »tödlich«, wobei neben einigen Optionen auch die Frage seltsam erscheint: »Wie bewertest du es, wenn man mit viel Aufwand eine neue gesellschaftliche Ordnung ausruft, obwohl man weiß, dass es nur ein Spiel ist?«

Grandioses Spiel in der Kommission für Glaubwürdigkeit: In Kirchengestühl gibt es unter Kopfhörern das Beste aus 250 geführten Interviews mit einzelnen Berufsgruppen, dargeboten von acht Baseler Schauspielern und als fein abgestimmte Videoprojektion wiedergegeben. Die Richterin führt die Kommission bei der Frage nach Vertrauen und Glaubwürdigkeit im Subsystem, unter einzelnen Berufsgruppen sind auch ein Lehrer und eine Wirtschaftsfee. Daneben sieht man die Ost-West-Unterschiede beim gefühlten »Vertrauen in Berufsgruppen« (GfK von 2018), die sich ganz unten, beim Politiker mit 14 Prozent treffen, aber bei der im Osten vor allem Richter, Pfarrer und Beamte arg signifikant hinterherhinken.

Der geniale Gedanke der Simulation eines derartigen »Amtes der ganzen Wahrheit«, derzeit bei der Einrichtung diverser Wahrheitsbehörden gegen falsche oder gar böse Nachrichten ja sehr virulent diskutiert und für Ossis eher dystopisch verbrämt, stammt aus einer Zeit vor der jüngsten Bundestagswahl. Es ist eine Kooperation mit dem Schweizer Stapferhaus in Lenzburg, wo die Ausstellung schon 2018 startete. Sie wurde von Dr. Daniel Tyradellis, an der Ostberliner Humboldt-Uni Professor für Kuratierung interdisziplinärer Art, für Dresden überarbeitet – politisch völlig unverdächtig. Nicht nur das Spektrum, auch die Verständlichkeit in der Balance zwischen Trivialität und Komplexität, aber vor allem die Gestaltung und die Vielfalt der Darstellung wirken überaus überzeugend. Tyradellis setzt damit seine bemerkenswerte Dresdner Serie fort – unter anderem mit »Der Neue Mensch« (2000), »Arbeit« (2009), »Reichtum« (2013) und »Scham« (2016). Eindrucksvoll!

Dennoch sind akute Themen – auch Seuche und Krieg – schon per »Dienststelle für Wahrheitsfindung und -sicherung« (Wuttke als Psychologin) eingearbeitet, wobei einige der Faktencheckereien nicht wirklich überzeugen, aber durch den Kontext sowieso nicht absolut gesetzt sind. Dazu könnten Begleitveranstaltungen beitragen, wobei derzeit ein »Summer-Special« einlädt. Unter anderem wird am 19. August (20 Uhr) an die Robotron-Skaterbahn per Film und Diskussion zur Doku »This Ain‘t California« eingeladen, danach zur Lesebühne Sax Royal zum Thema »Schöner Schwindel« (25. August, 20 Uhr) in den Innenhof. Höhepunkt wird »Die Lange Nacht der falschen Wahrheit« am 2. September (ab 19 Uhr) mit Séancen und Radioballett sowie Aftershowparty.

Zuvor sollte man – das geht auch en passant und kostenfrei – noch die Installation der Dresdner Künstlerin Cordula Hanns, den meisten als Schauspielerin bekannt, links hinten in der großen Empfangshalle anschauen, denn diese läuft nur noch bis zum 28. August. »Point OFF Contact« führt als Multi-Screen-Installation mit zwölf kleinen Röhrenbildschirmen in jene bedrückende Zeit der vergangenen beiden Frühjahre. Zwanzig Minuten Filmschleife als eindrückliche Besinnung, die in Klubs und Geschäften und auf leeren Plätzen und Straßen der Dresdner Neustadt spielen. Im Austausch mit dem Dresdner Bündnis gegen Depression und vom Medientechniker Daniel Rentzsch sowie dem Sound von Tobias Herzz Hallbauer befördert, ist hier eine kleine Perle zu entdecken. 

Die Sonderausstellung obendrüber taugt hingegen nicht nur als Berufszugangs- oder Einstellungstest für alle Bereiche der Wahrhaftigkeitsbranche, also für Pfarrer, Richter, Wissenschaftler, Spitzel und natürlich Journalisten – egal, ob Letztere eher zu Käpt‘n Blaubär oder Pippi Langstrumpf als Wappentier tendieren. Theaterfreunde, die sich dessen bewusst sind, dass beim künftigen kollektiven Energiesparen Museen als Bildungseinrichtungen systemrelevanter als Bühnen und andere Freizeit- oder Unterhaltungstempel sein dürften und dann im Winter Wärme bieten, können auch auf den Herbst warten: Denn sowohl alle Videos mit Wuttke als auch das Baseler Schauspieloktett sind einerseits nicht nur bei mehrfachem Genuss höchst unterhaltsam, sondern zeigen, was passierte, wenn man die Glaubwürdigkeit von Schauspielern stärker in der Politik nutzen würde. Aufklärung mit solcher Art Kunstwert gibt es so häufig nicht. Vor allem die nahezu lässige Ambivalenz (»Die Wahrheit braucht Dich!« – so steht es auf dem Ausgangsstempel), dass es genauso, aber auch ganz anders sein könnte, ist überzeugend. 

Was von dieser Fake-Ausstellung, von der man nicht unter drei Mal je zwei Stunden Rezeption behaupten kann, sie ordentlich, also wahrhaftig reflektiert zu haben (wozu die Lektüre einer 70-seitigen F.M.-Sonderausgabe gehört) jenseits einer Verlängerung über den 5. März 2023 hinaus zu wünschen wäre: eine Aktualisierung der immanenten Datenbestände aller fünf Jahre – hier also der Vergleich mit einer gleichwertigen Realitätsmessung von 2025. Denn valide Zahlen sind nur aufwendig zu erheben und sorgsam auszuwerten und daher selten aktuell – und nur im Vergleich, zum Beispiel als Trend, sinnvoll. Vor allem in der Mainzer Medienanalyse und bei der Vertrauenswürdigkeit von Berufsgruppen dürfte derzeit einige Dynamik drinstecken. Allerdings: Der Lichtstrahl der Google-Fake-News-Auszählung, der derzeit an der Decke endet, dürfte dann bis zur Höhe des Fernsehturms reichen.        
Andreas Herrmann

Fake. Die ganze Wahrheit bis 5. März 2023 im Deutschen Hygiene-Museum
www.dhmd.de/ausstellungen/fake