Cinema ohne Paradiso

Die Dresdner Programmkinos in der pandemischen Schraubzwinge

Programmkino Ost: Intervention. Lost Places. Take Over. Foto: Felix Lippmann

Eigentlich … Ja, eigentlich hätten die Dresdner Kinos am 22. März ihre Türen nach der Sächsischen Corona-Schutz-Verordnung vom 5. des Monats wieder aufschließen können – bei einer stabilen Sieben-Tage-Inzidenz unter 100 und für alle Kinozuschauer:innen, die einen tagesaktuellen Covid-19-Schnell- oder Selbsttest (dazu später) vorlegen können. Nun ja. Das Virus hatte offenbar etwas dagegen. Zum Redaktionsschluss für die April-SAX sah es nicht so aus, als ob die Kinoöffnung unmittelbar bevorstünde. Und so ist dieser Text zum Stand der Dinge bei den Dresdner Programmkinos – anders als geplant – weniger eine Vorschau auf das was kommen mag, als ein kleines Resümee des letzten so denk- wie merkwürdigen Kinojahres.

Schließen. Öffnen. Schließen.

Wie also haben die Dresdner Programmkino-Betreiber das Corona-Auf-und-Ab seit März 2020 erlebt, wie ist die aktuelle Situation, und wie sind die – freilich gerade wieder unwägbarer gewordenen – Aussichten für die nächsten Monate? Dass Frank Apel, Dresdens gestandenster Kinoenthusiast, genau an dem Tag verstarb, als in seinem Kino in der Fabrik zum Lockdown die Lichter ausgingen, mutet inzwischen fast wie ein grausames Omen an. Bis heute ist das KIF geschlossen, und derzeit ist nicht absehbar, dass sich daran so bald etwas ändern könnte. Auch die anderen Programmkinos – im letzten Frühjahr waren das Schauburg, Programmkino Ost und Thalia – mussten Mitte März die Bespielung einstellen. Auf zwei Monate Komplettschließung folgte eine holprige Wiedereröffnung, nur drei Dresdner Kinos – Schauburg, UFA-Kristallpalast und CinemaxX – gingen am 18. beziehungsweise 21. Mai bereits an den Start, wegen fehlendem Angebot an neuen Filmen allerdings mit mäßigem Erfolg. Programmkino Ost und Thalia nutzten den mit dem Interessenverband AG Kino für Programmkinos wie Verleiher als logistisch wie wirtschaftlich sinnvoll vereinbarten Öffnungstermin am 2. Juli. In den folgenden Wochen wurde allerdings auch hier die maximale Auslastung der limitierten Sitzplätze kaum erreicht, zum einen, weil die Sommermonate für die Kinos immer schwierig sind, und zum anderen war wohl manch potenziellen Kinobesucher:innen offensichtlich der Aufenthalt in geschlossenen Räumen mit anderen noch nicht ganz geheuer.

Am 28. August öffnete schließlich Bernhard Reuther sein neues Zentralkino im Kraftwerk-Mitte-Areal. Leider ohne rauschende Eröffnungsparty und immer noch mitten in der Pandemie. Und dann glänzte der September auch noch mit für Kino viel zu schönem Wetter, bevor es gegen Ende des Monats mit den Besucherzahlen endlich aufwärts ging. Einhellig bestätigen auch Sven Weser vom Programmkino Ost, Stefan Ostertag von der Schauburg und Stephan Raack vom Thalia, dass die Zahlen im Oktober im Vergleich zum Vorjahresmonat wieder auf ein normales Level stiegen. Waren die Filme stark genug, war das Haus voll, vor allem natürlich am letzten Oktober-Wochenende. Dann kam der 2. November, wieder alles zu, auf unbestimmte Zeit.

Verluste. Hilfen. Filme.

2020 war für die Dresdner Programmkinos ein verlustreiches Jahr. Während der Corona-Zeit, sagt Stefan Ostertag, habe er mit der Schauburg in keinem Monat Geld verdient. Im Programmkino Ost sanken die Besucherzahlen von 175.000 im Jahr 2019 auf 75.000 in 2020. Und auch die Kino-mitarbeiter:innen, bei Schauburg und Programmkino Ost immerhin mehr als 20, sahen und sehen sich durch die Pandemiebeschränkungen vor Herausforderungen gestellt. Die fest angestellten gingen in Kurzarbeit, die Minijobber wurden – so gut es ging – unterstützt und können wiederkommen, wenn Arbeit da ist; trotzdem mussten sich manche erst einmal andere Jobs suchen. Sven Weser konnte die aktuelle Schließzeit des Programmkinos Ost immerhin für verschiedene Investitionsmaßnahmen nutzen wie die Aufrüstung von Ton- und Lichtanlagen sowie den Einbau von zwei neuen Leinwänden. Ermöglicht wurde das durch Gelder aus dem auf drei Jahre angelegten »Zukunftsprogramm Kino« der Bundesregierung zur Erhaltung der Kinostruktur, das allerdings schon vor Corona aufgelegt wurde und Kinos im ländlichen Raum sowie Programmkinos stärken soll.

Um überleben zu können, musste natürlich auch das Programmkino Ost diverse Corona-Unterstützungen in Anspruch nehmen, etwa eine einmalige Coronahilfe von 15.000 Euro im letzten Sommer vom Land Sachsen, eine Pauschalhilfe pro Leinwand durch die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien im ersten Lockdown und ein zinsloses Darlehen von 100.000 Euro von der Ostsächsischen Sparkasse. Wie beim Programmkino Ost sind inzwischen auch bei Thalia und Zentralkino die November- und Dezemberhilfen angekommen, lediglich bei der Schauburg ist aufgrund der komplexen Gesellschafterkonstellation derzeit noch nicht ganz klar, ob das Kino in den Kreis der »verbundenen Unternehmen« und damit aus diversen Hilfen rausfällt. Von der Mitteldeutschen Medienförderung gab es zudem die jährlichen, 2020 wegen Corona in der Gesamthöhe einmalig verdreifachten, Kinoprogrammpreise. Die Dresdner Kinobetreiber beklagen jedoch, dass diese, wie schon häufiger, später ausgezahlt wurden als in anderen Bundesländern.

Obwohl die Programmkinos durch die verschiedenen staatlichen Hilfen derzeit und voraussichtlich bis zum Sommer nicht existenziell gefährdet sind, ist die Kuh damit noch lange nicht vom Eis. Auch wenn in absehbarer Zeit wieder ein normaler Spielbetrieb möglich sein sollte, sind die langfristigen Folgen der Lockdowns und Beschränkungen kaum abzuschätzen. Sven Weser ist sich allerdings sicher, dass die Besucherzahlen über Monate, Jahre oder vielleicht sogar dauerhaft nicht wieder das Vor-Corona-Niveau erreichen werden. Anfangs würde wohl die Gruppe der »Vorsichtigen« immer noch Veranstaltungen in geschlossenen Räumen meiden. Gravierender seien aber zwei weitere Faktoren. Das Streamen von Filmen war zwar schon vor Corona beliebt, hat jetzt jedoch eine viel größere Verbreitung gefunden. Die größten Probleme erwartet er jedoch durch die sich grundlegend verändernde Bereitstellung von Filmen. Hatten die Kinos bisher ein exklusives Auswertungsrecht von vier bis sechs Monaten, bevor die Filme beim Streaming-Anbieter oder auf DVD landeten, so wird es dieses Fenster vor allem bei nichteuropäischen Produktionen nicht mehr geben. Er wolle allerdings nicht zu sehr schwarzmalen und sähe dennoch eine Zukunft für das Kino, so Sven Weser. Kinos an den richtigen Standorten, mit einem bestimmten Image und gutem Programm – egal ob Multiplex oder Programmkino – würden weiter gut klarkommen.

Tests? Apps? Codes?

Und wie geht es nun aktuell weiter? Mit einer alsbaldigen Kinoöffnung rechnen die Kinobetreiber derzeit nicht. Von heute auf morgen ist dies nach den Gesetzen der Branche ohnehin nicht möglich. Mit Stephan Raack sind sich auch die anderen drei einig, dass die politischen Entscheider offenbar keine Ahnung davon haben, wie Kino funktioniert. Für einen Neustart brauche es mindestens vier, besser acht Wochen Vorlaufzeit. Kurzfristige Termine schadeten mehr als dass sie nützten, weil man so die Chance verspiele, einen gemeinsamen Öffnungstermin zu finden; das habe der erste Lockdown gezeigt. Die Verleiher, die derzeit allesamt viel Geld verlieren, könnten ihre Filme samt teurer Werbekampagnen nämlich erst dann starten, wenn möglichst viele oder am besten alle Kinos wieder geöffnet seien. Hingebröckelte Termine, noch dazu mit dem Damoklesschwert darüber, dass bei steigenden Inzidenzen nach drei Tagen wieder geschlossen werden müsse, seien kontraproduktiv. So funktioniere Kino nicht.

Das Thema »Einlass nur mit tagesaktuellem Covid-19-Schnell- oder Selbsttest« sehen übrigens alle gleichermaßen kritisch, schon weil der Gang ins Kino überwiegend spontan erfolgt. Wenn der Staat sage, dass Besucher von Kulturstätten künftig einen negativen Test vorweisen müssten, könne er sich dem natürlich nicht verweigern, meint Sven Weser. Das müsse dann aber ein standardisierter, am besten digitaler Testnachweis sein. Alles andere, etwa ein Selbsttest, sei Quatsch. Weil uns das Corona-Thema wohl noch Monate wenn nicht Jahre begleiten wird, ist es für Kinos wie andere Kultureinrichtungen zudem dringend geboten, Wege und Konzepte zu finden, wie man mit schwankenden Inzidenzen umgehen kann. Für Stephan Raack läge eine Lösung, die es ermöglichen würde, die Kinos mit einer Auslastung von 30 Prozent und mit Mundschutz als Vorsichtsmaßnahme zu öffnen, etwa in einer Kontaktverfolgungs-App wie Luca oder in einem QR-Code für Geimpfte und solche Menschen, die bereits eine Infektion überstanden haben. Wer grün ist komme rein, wer nicht grün ist, komme nicht rein. Punkt. Leider sind jedoch weder ein digitaler Testnachweis noch wirklich praktikable Corona-Apps bislang in Sicht, und so bleibt den Kinobetreibern, wie uns allen, wohl nichts weiter übrig, als auf sinkende Infektions- sowie steigende Impfzahlen und eine damit vielleicht mögliche sinnvolle und sichere Öffnung der Kinos im Mai oder Juni zu hoffen. Eine genauere Prognose wagt niemand. Auch deshalb denken derzeit sowohl das Zentralkino als auch die Schauburg (in Zusammenarbeit mit der Scheune) über weniger Corona-anfällige sommerliche Open-Air-Varianten nach.

Das Programmkino Ost hat die Schließzeit übrigens nicht nur für die Technik-Aufrüstung genutzt, sondern Säle, Foyers und Außenschaukästen für eine inspirierende Kunstaktion zur Verfügung gestellt. Für seine temporäre Präsentation mit dem Titel »Intervention. Lost Places. Take Over.« »übernahm« der 1982 in Dresden geborene Felix Lippmann – der Mann ist nicht nur Künstler, sondern als Pauschalkraft im Backoffice quasi seit Jahren hier zu Hause – im März das Programmkino Ost und hauchte dem verwaisten Haus mit Blättern aus gefärbtem Papier für kurze Zeit neue Lebendigkeit ein. Mehr Fotos der Aktion gibt es auf den Homepages von Programmkino Ost und Felix Lippmann, in natura sind nur noch die Arbeiten in der Schaukastenfront des Kinos zu bewundern.
Angela Stuhrberg