Computer sagt nein

Dynamo serviert Nürnberg den ersten Auswärtssieg. Ein digitales Halbszenario.

So hätte eine Feldverweis-Situation gegen den FCN ausgesehen. Dazu kam es jedoch nicht. Foto: SGD Dynamo Dresden

Das Schweigen des Autors nach der Niederlage in Hamburg warf Fragen auf: Schreibst du nur bei Erfolg? Fällt dir nichts mehr ein? Hast du das Spiel überhaupt gesehen? Die Antworten: Nein. Jein. Ja. Zusammenfassend war die Problematik: Ich hätte aus den Texten zu den drei Niederlagen vor dem Bremen-Sieg, die ich alle thematisiert habe, eine Copy & Paste-Zusammenfassung machen müssen, denn Neues ist auf St. Pauli nun wahrlich nicht passiert.

Die zwischenzeitliche Länderspielpause brachte nicht nur einen Testspielsieg, sondern – viel wichtiger – auch einen Meistertitel in die Stadt. Die Footballer der Dresden Monarchs holten sich in einem hochspannenden Finale erstmals den German Bowl. Glückwunsch!!! Und wer die Feier am Dienstag danach auf dem Trainingsgelände erlebt hat, konnte spüren, wie sich eine Sport-Family anfühlt. Bedingungsloser Support für das eigene Team benötigt nämlich nicht zwingend überbordenden Hass auf den Gegner und dessen Anhang (wobei ich nichts gegen Rivalität oder Hohn und Spott habe). Und noch etwas, was mich endlos nervt: Mit wuchtigen Worten wird von den Ultras (nicht nur in Dresden) die Freiheit, sich impfen zu lassen oder nicht, eingefordert. Gleichzeitig wird großer Druck auf die Fans ausgeübt, nicht in 2G-Stadien zu fahren. Aber sollte es nicht auch hier die Entscheidungsfreiheit ohne schlechtes Gewissen geben? Also bitte: Freiheit für alle für alles, egal, was man persönlich von den Dingen hält. Wenn man sich schon im Block gegen jedwede Politisierung wendet, dann sollte man auch eine persönliche medizinische Entscheidung nicht politisieren.

Apropos Freiheit: Die hatte Alexander Schmidt bei der Wahl zwischen Sebastian Mai und Antonis Aidonis, um den verletzten Michael Akoto in der Innenverteidigung zu ersetzten – es wurde Aidonis, also Speed vor Wucht. Dass der von mir immer wieder in die Startelf geforderte Philipp Hosiner für Morris Schröter begann, erzeugte ein laues Bauchgefühl, denn ich hätte eher mal Ransford-Yeboah Königsdörffer eine Beginner-Pause gegeben. Derweil kehrte Luca Herrmann wie vermutet in den Bank-Kader zurück.

Und sonst so? Der FCN in dieser Saison noch ungeschlagen und in der Vergangenheit durch die SGD nur 2017 einmal besiegt. Aber heute ist der damals spielentscheidende Erich Berko nicht dabei. Ein Remis wäre also schon ein Erfolg, zumal unten drin niemand mit Sieben-Meilen-Stiefeln aufholt.

Kevin Broll hat diesmal die weiße Weste an, alle anderen laufen in den Stammfarben Schwarz-Gelb auf und dem Spieltagsmotto „Love Dynamo – Hate Racism“ auf dem Shirt. Ebenso aufällig: Beim Handshake der Kapitäne reicht Enrico Valentini einen Vereinswimpel an Yannick Stark, der – vollkommen überrascht – nichts als Gegenleistung bieten kann und leicht peinlich berührt ist.

Die Gäste stoßen an, und gleich schaut mal jedes Team beim anderen am Strafraum vorbei. Auf der Chris-Löwe-Seite ist wie fast immer etwas mehr los, und Heinz Mörschel scheint sich das Verteidigen langsam draufzuschaffen. So vergehen ein Dutzend ereignislose Schnupper-Minuten bis zum ersten Torschuss, mit dem Broll aus 20 Metern getestet werden soll, aber Tests kosten ja jetzt was und so lächelt der Dresdner Torwart nur milde. Auf der anderen, der richtigen Seite endet eine erste feine Dynamo-Kombi 26 Meter vor dem Franken-Kasten mit einem Foul an Königsdörffer, wofür Geis mal eben Gelb sieht. Löwe versucht es aus der Distanz direkt, aber der erfahrene Mathenia riecht den Braten unten rechts. Den nächsten Freistoß haben dann direkt darauf die Nürnberger, aber statt Torgefahr entwickelt sich direkt daraus ein dynamischer Konter über Hosiner, den Mörschel aber komplett überhastet und ohne Übersicht ins Nirvana verballert.

Jetzt schläft das Spiel irgendwie ein. Will Dynamo die Franken eindösen lassen und sich so einen Punkt erheischen. Nein. Denn mitten in die gerade aufkommende Nachmittagsruhe spielt Hosiner weit vorn einen vor Unnötigkeit überquellenden Fehlpass und leitet so den Konter ein. Nun beginnt bei Schwarzgelb der Wettbewerb mit dem Titel „Wer steht am weitesten weg vom Gegenspieler“? Der Gewinner kassiert ein Gegentor. Nullzueins in der 21. Minute.

Jetzt berät sich das Schiedsrichter-Kollektiv und zieht die Daten der übertragenden TV-Anstalt heran. Die neumodische Berechnung der Torwahrscheinlichkeit zeigt für Dynamo Dresden 0,1 an. Und bei einem Wert von unter 0,5 kann ein Spiel beendet werden, so die neu geltenden UEFA-Regeln. Also endet die Partie schon Mitte der ersten Halbzeit.

Natürlich wurde hierbei auch der Was-hätte-passieren-Modulator angeworfen. Der hat wohl angezeigt, dass Mörschel, wenn er aus bester Position zum Schuss kommt, direkt in die Armen des Keepers zielt. Christoph Daferner ist auch Teil der Berechnung. Er könnte eine Waffe sein, doch das Team hat irgendwo die Gebrauchsanweisung für ihn verbummelt. Man könnte auch zur Halbzeit Luca Herrmann bringen für den wieder einmal ballunsicheren Königsdörffer, aber das macht der Dresdner Trainer sicher nicht. Er würde wohl eher Hosiner runternehmen, der zwar den tödlichen Fehlpass gespielt hat, aber ansonsten in der Lage ist, einen Ball anzunehmen. Für Standards zeigt der Modulator eine glatte Nulll an. Und nur wegen einer klaren roten Karte gegen Nürnberg, wollen die Referees hier nicht noch eine reichliche Stunde rumlaufen. Schließlich zeigt die Datenbank an dem Tag für Mörschel-Freistöße die Datei aus dem Ordner „brotlose Kunst“ an. Nicht zu vergessen: Eine kämpferische Schlussphase berechnet das Gerät mit „sehr wahrscheinlich“, zeigt aber keine Erfolgsaussichten an. Sebastian Mai als Halbstürmer wie auch Morris Schröter würden vielleicht bisschen für optische Überlegenheit sorgen, doch die Ruhe vor dem Tor des Angstgegners und die vielen kleinen Fehler in der Endzone blinken in der virtuellen Vorabstatistik im roten Bereich. Zwar würde auch Nürnberg kein Tor mehr erzielen, aber das eine reicht eben. Statistisch wie in echt. Letztendlich sagt der Computer: nein.

So können alle zeitsparend noch etwas mit dem herrlichen Sonnenscheintag anfangen. „Lebbe geht weiter“, hat mal jemand gesagt. Und vielleicht, ja nur vielleicht, gelingt es der SGD am Sonnabend ausgerechnet auf Schalke, mal wenigstens einen Punkt zu holen – außer gegen den HSV ging es bisher nur in den Modus Top oder Flop. Aber irgendwie müssen bis zur Rückrunde noch sieben Punkte her, damit man im Mindest-Soll bleibt.
Uwe Stuhrberg

SG Dynamo Dresden vs. 1. FC Nürnberg 0:1

17. Oktober 2021, Antoß: 13.30 Uhr

Tore: 0:1 Krauß (21.)
Dynamo Dresden: Broll, Becker (76. Mai), Aidonis, Sollbauer, C. Löwe, Stark, Kade (70. Schröter), Mörschel, Königsdörffer (80. Diawusie), Hosiner (46. Herrmann), Daferner

Ohne Einsatz: Mitryushkin, J. Löwe, Giorbelidze, Will

Schiedsrichter: Marco Fritz

Fans: 16.000

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