Das filmische Gedächtnis Dresdens

Ernst Hirsch wurde 90 und die Technischen Sammlungen präsentieren sein Lebenswerk

Foto: Angela Stuhrberg

Am 13. Juli 2026 wurde Ernst Hirsch, Kameramann, Regisseur und Sammler historischer Filme und Filmtechnik, 90 Jahre alt. Die Technischen Sammlungen widmen dem »Auge Dresdens«, dem Mann, der das visuelle Gedächtnis der Stadt geprägt hat wie kaum ein anderer, derzeit die umfassende Ausstellung »UNIVERSUM Dresden. Der Filmemacher und Filmsammler Ernst Hirsch«.

Als Achtjähriger überlebt Ernst Hirsch am 13. Februar 1945, dem Geburtstag des Vaters, die Dresdner Bombennacht im Keller des brennenden Elternhauses in der Johann-Georgen-Allee, der heutigen Lingnerallee. Nach dem Krieg absolviert er bei Zeiss Ikon eine Lehre als Feinoptiker, ist parallel Mitglied in einem Amateurfilmklub des Kulturbundes und beginnt noch keine 20 Jahre alt für den Deutschen Fernsehfunk zu arbeiten, das im Entstehen begriffene DDR-Fernsehen. Eine Filmhochschule gibt es noch nicht, seine Ausbildung ist das Lernen beim Arbeiten, learning by doing, würde man heute wohl sagen. 13 Jahre lang dreht er als Filmreporter mehr als 3.000 Beiträge für die Aktuelle Kamera – über Dresden, die Sächsische Schweiz, Kultur, den Alltag der Menschen. Politik ist nicht seine Sache. 1968 kündigt er und arbeitet fortan freiberuflich als Regisseur und Kameramann, produziert Industrie- und Dokumentarfilme, immer wieder widmet er sich dem kulturellen und künstlerischen Erbe seiner Heimatstadt etwa mit Filmen über Canaletto, Raffaels Sixtinische Madonna, Caspar David Friedrich, Otto Dix oder den Fotografen August Kotzsch. 1989 verlässt Ernst Hirsch zusammen mit Frau Cornelia und Sohn Konrad die DDR in Richtung München, arbeitet unter anderem als Kameramann für den Regisseur Peter Schamoni an dessen mit dem Bayerischen Filmpreis prämierten Dokumentarfilm »Max Ernst: Mein Vagabundieren – Meine Unruhe«. Nach der Wiedervereinigung zieht es ihn zurück in die Heimat. Ab 1994 dokumentiert er den Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche: Aus über 400 Stunden Filmmaterial entsteht die siebenteilige Dokumentation »Die steinerne Glocke«.

Neben der eigenen filmischen Arbeit beginnt Ernst Hirsch schon früh damit, historische Filme aus und über Dresden zu sammeln. Über sieben Jahrzehnte hinweg trägt er so einen einzigartigen Schatz zusammen: Bewegte Bilder aus der Vorkriegszeit wie die inzwischen berühmten Straßenbahnfahrten durch die Altstadt oder Einblicke in das von den Nationalsozialisten zerstörte Kugelhaus am heutigen Straßburger Platz, filmische Zeugnisse der Ruinenstadt und des Wiederaufbaus. Die ältesten Aufnahmen stammen aus dem Jahr 1903, sie wurden 1996 in einem Bauernhaus in Südtirol entdeckt. Ein Zeitdokument von unschätzbarem Wert erhält Ernst Hirsch von dem Fotografen Erich Höhne, der nach dem Krieg mit Bildern des zerstörten Dresdens bekannt geworden war. Dieser fand 1995 bei der Auflösung seines privaten Fotoarchivs den 20-minütigen Streifen »Zusammenlegung der letzten Juden in Dresden in das Lager am Hellerberg am 23./24. Nov. 1942« wieder, den er als Angestellter von Zeiss Ikon gedreht und aufbewahrt hatte. Der zu Propagandazwecken hergestellte Film zeigt die zwangsweise Umsiedlung der Dresdner Juden in ein Barackenlager am Stadtrand, von welchem aus sie drei Monate später in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert wurden. Die Beschäftigung mit dem Thema veranlasst Ernst Hirsch, in Israel Gespräche mit aus Dresden stammenden Juden zu suchen und zu dokumentieren.

2025 übergibt Ernst Hirsch seine umfangreiche Film- und Gerätesammlung an die Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek (SLUB) und die Museen der Landeshauptstadt Dresden, um dieses kulturelle Erbe für nachfolgende Generationen zu erhalten. 466 Filmrollen gilt es zu sichern, die SLUB hat davon inzwischen rund ein Viertel digitalisiert. Von diesen 50 Stunden Filmmaterial sind in der Ausstellung in den Technischen Sammlungen rund vier Stunden an über 20 Medienstationen zu sehen. Es lohnt sich also, für den Besuch genug Zeit einzuplanen, für die Filme aber auch die zahlreichen Texttafeln mit Geschichten aus dem Leben und der Karriere des Jubilars. Technikfans schließlich können sich an den von Ernst Hirsch mit Leidenschaft zusammengetragenen und gehüteten Kameras und Filmprojektoren vergangener Zeiten erfreuen.

Zu einem Ausstellungsstück gibt es eine ganz besondere Geschichte: 1953 übergibt die Volkspolizei den Amateurfilmern des Kulturbundes eine 35-mm-Eyemo-Kamera – 1926 von Bell & Howell in Chicago produziert und im Kriegsgeschehen in den 1940ern sowohl von den amerikanischen Streikräften als auch von der Roten Armee genutzt – mit dem Auftrag, gelegentlich die Spiele der gerade aus der Sportgemeinschaft der Deutschen Volkspolizei (SV DVP) hervorgegangenen SG Dynamo Dresden aufzuzeichnen. Mit dieser Kamera dreht Ernst Hirsch mit seinem Freund, dem späteren DEFA-Regisseur Herrmann Zschoche, den ersten gemeinsamen Fernsehfilm: »Schloss und Park Pillnitz«. Dieser ist, anders als die Dynamo-Aufnahmen, bis heute erhalten.

Beim Pressetermin vor der Ausstellungseröffnung plaudert Ernst Hirsch sichtlich gut aufgelegt über seine Verbundenheit mit dem Dresdner Kamerawerk und darüber, wie er als 14-jähriger Lehrling ehrfürchtig über das im Boden eingelassene Malteserkreuz geschritten war, das noch heute den originalen Fußboden der ehemaligen Direktionsräume neben der Ausstellung ziert – das Malteserkreuz, Bauteil klassischer Filmprojektoren mit ikonischer Form und einst Logo der Ernemann AG, aus der Zeiss Ikon sowie später der VEB Pentacon hervorgingen, heute das Zuhause der Technischen Sammlungen Dresden. Die, so Ernst Hirsch, »sind für mich fast schon ein heiliger Ort, und dass hier nun meine Filme und Filmkameras ausgestellt werden, empfinde ich als Vollendung meines Lebenswerks«.
Angela Stuhrberg

UNIVERSUM Dresden. Der Filmemacher und Filmsammler Ernst Hirsch 
bis 25. Oktober 2026, Dienstag bis Freitag 9 bis 17 Uhr, Sonnabend und Sonntag 10 bis 18 Uhr
Technische Sammlungen, Junghansstraße 1-3
www.tsd.de