Das klare Jein

Dynamo Dresden schießt gegen Meppen drei Tore. In einem Spiel!

Foto: SG Dynamo Dresden

Die große und vieldiskutierte Frage war: Wird die SGD ihre permanente Torungefährlichkeit endlich überwinden? Die Antwort lautet: Jein. Das Ergebnis lässt zwar keinen Zweifel daran, aber die Geschichte dieses Heimspiels ist eine differenziert zu betrachtende. Zumal Markus Kauczinski schon wieder eine neue Startelf aufbieten wollte und teilweise auch musste. Wie zu erwarten, kam Kevin Ehlers für den rotgesperrten Max Kulke hinten auf der rechten Seite, aber mit Will, Vlachodimos, Weihrauch und neu auch Diawusie saßen gleich vier Stammkräfte des Saisonbeginns auf der Bank. Dafür feierte Marvin Stefaniak sein Startelf-Heimdebüt. Auch der frisch verlängerte Ransford-Yeboah Königsdörffer war einer der Beginner. Ebenfalls neu im Kader: Maco Hartmann. – Das wievielte Comeback ist das eigentlich? Möge der Fußballgott diesmal gnädig mit ihm sein.

Keine Gnade gibt es offensichtlich für den Dresdner Rasen. Sonst als gutes Geläuf bekannt, sieht man auch aus der Entfernung der Pressetribüne, dass es um das Grün nicht gut bestellt ist. Matschiges Wetter und pampige Lücken lassen eine schwierige Bespielbarkeit erahnen, und da es 2020 kein Kreuzchor-Konzert im Stadion gibt, wird der Greenkeeper wohl nicht wie gewohnt neu ausgerollte Halme zur Rückrunde bekommen.

Keine Gnade gibt es auch für mich: Während ich diese schreibe, beginnt ein Nachbar, sich das Saxofon-Spiel beizubringen. Ich freue mich, wenn Menschen ihren musischen Begabungen nachgehen, deswegen werde ich mich auch nicht beschweren. Eine Attacke auf die Synapsen des Autors ist es trotzdem. Tröt-tröt-tröt.

Erste Halbzeit: Der lange Weg zum ersten Tor oder Der Marv singt Schuhbidu

Vor dem Anpfiff hält Dynamo-Pres Holger Scholze ein klares Statement gegen Hass jeder Art, bekennt sich zu Frieden und Freiheit und gedenkt gemeinsam mit den 820 anwesenden Fans der beiden Männer, die kürzlich Opfer eines islamistischen Messerattentats wurden, einer der beiden kam dabei bekanntlich ums Leben. Nach einem Moment des Schweigens, begann das Spiel und die ersten Dynamo-Dynamo-Wechselgesänge setzten ein.

Drei Pässe ins Seitenaus sind das Entrée dieser Begegnung. Nach fünf Minuten ein erster Konteransatz, aber statt kurz und schnell spielt Stefaniak einen Seitenwechsel ins Nirvana. Kurz darauf mach es die Dreizehn besser und schickt nach Meppener Ecke Julius Kade auf die Reise, der aber letztendlich nur schwach abschließen kann. Königsdörffer spielt kurz darauf mit seinem Gegner technisch versiert Haschmich, um gleich darauf erst ungenau zu spielen und hernach offensiv zu foulen. Eine erste Flanke von Julius Meier wird vom SV-Torwart Plogmann locker gepflückt, die erste von Ehlers kommt total verkorkst hinter das Tor – es wird nicht letzte dieser Art sein. Auch, wenn die Außenbahn nicht das bevorzugte Terrain des Youngsters ist, sollten derart gespielte Bälle auch für ihn zum normalen Handwerkszeug gehören.

Die erste Viertelstunde zeigt aber an: Dynamo will es hier und heute reißen, Meppen hat nichts zu melden. Da kommt plötzlich ein Break: Einen verunglückten Rückpass will Plogmann retten, packt mit den Händen zu und bleibt irgendwie im Rasen hängen, während Philpp Hosiner in die Szene stürzt. Zunächst sieht es so aus, als hätte sich der Torwart beim Zusammenprall mit dem Stürmer verletzt, man hatte für Sekunden schon den nächsten Platzverweis im Kopf, da zeigt der übersichtige Referée dem Keeper Gelb und ruft sofort die Med-Crew auf den Rasen. Mit rausgesprungener Kniescheibe kommt Plogmann ins Krankenhaus und Ersatz-Goalie Domaschke – die Nummer 1 der letzten Saison – übernimmt. Die Folge der Szene ist ein indirekter Freistoß im Strafraum aus etwa 14 Metern. Stefaniak legt rüber zu Mai, aber sein brachaialer Versuch blebt im dichten Verkehr hängen und Stefaniaks Vollley-Drescher segelt deutlich drüber. Okay, der Wille ist da, aber das Herz ist noch auf dem Weg von der Hose in die Hand.

Schrecksekunden dann nach 24. Minuten, als Meier an der Mittellinie überspielt wird und dann – wie auch Knipping – gegen Bozic Geschwindigkeitsnachteile hat. So kann der noch Guder in Szene setzen, der den Ball aber nicht auf Brolls Kasten bringt. Aber: Keep Obacht, so schnell kann es gehen. So mancher Gegner der SGD brauchte in den vergangenen Jahren nicht viel mehr als ein Chance, um ein Spiel zu gewinnen. Derweil holt sich der schwarzgelbe Kapitän Mecker-Gelb beim Streit um einen Einwurf. Menno!

Inzwischen ist Stefaniak überall, agiert wie freie Radikale im Organismus dieses Spiels. Bälle sichern, verteilen, sich einordnen, andere schicken, Bindeglied sein. Nicht jeder um ihn herum versteht immer, was er will, aber das wird noch. Dafür wird der Mann aber auch immer wieder gefoult. Ein solches Vergehen bringt einen Freistoß halbrechts vor dem Strafraum der Emsländer – Stefaniak läuft an, stoppt, doch statt seiner hebt Meier die Kugel auf den langen Pfosten, von wo Knipping köpft; ein Meppener Schädel lenkt das Ding an die Latte (sonst wäre der Ball wahrscheinlich Mai vor die Füße gefallen, der aus einem Meter wohl getroffen hätte). Den Abpraller hat dann Hosiner auf der Stirn, doch zu nah an Domaschke bringt der den Ball nicht am Torwart vorbei.

Wenig später dann so ein durchrutschender Pass in die Meppen-Spitze. Tankuilic ist diesmal der Schnellste vor Meier, spielt nach innen, aber Guder zieht frei vor dem Tor nicht ab, sondern hat die schlechte Idee, den im Abseits stehenden Bozic anzuspielen. Wie Broll dessen Schuss mit der ausgefahrenen Hand hält, hat große Klasse, auch wenn das Tor nicht gezählt hätte.

Dann wieder: Stefaniak. Gerade hat er Gelb kassiert, da lässt er im Vorwärtsdrang erst eines der Nordlichter im Regen stehen und spielt dann einen genialen Pass in den Lauf von Hosiner, der genau das antizipiert hat. Aber halbhoch scheitert er wieder an Domaschke. Noch. Kurz vor der Pause bedient Hosiner Königsdörffer, der läuft erst fein, doch sein Versuch, den miteilenden Stefaniak zu finden, gerät nur schwachbrüstig.

Als man schon wieder schwer hadert mit den vielen vergurkten letzten Metern und Pässen und „falschen Entscheidungen“, wie man es heute so schön ausdrückt, hat die SGD noch eine Ecke in der Nachspielzeit der ersten Hälfte. Aber bevor diese getreten wird, bindet sich Stefaniak den rechten Schuh neu zu. Das dauert, Schuhbidu, irgendwie bekommt diese Kunstpause eine gewisse Magie. Dann passiert es tatsächlich: Eine Ecke auf den kurzen Pfosten (oar nee, das schon wieder), genau auf den Schädel von Königsdörffer (oh ja), der das Runde genau in den Fünfer legt, wo Hosiner mit der Pike hingeht und einnetzt (oh yeah!!!). Durchpusten, Steine purzeln aus dem Rucksack. Doch noch die Führung zur Pause – da schmeckt der Kaffee noch mal so gut.

Die zweite Halbzeit: Lang lebe der König(sdörffer) oder Der weite Weg des Julius Kade

Der SVM will jetzt mal, kann aber nicht so recht. So ein Tor direkt vor der Pause ist eben irgendwie immer Scheiße, wer weiß das besser als ein Dyamo-Fan. Einen Weitschuss erhascht Broll mit etwas Nachfassen, auf der anderen Seite verhaspelt Königsdörffer eine gute Hereingabe von Hosiner. Und während Meier auf seiner Seite mehr und mehr Mut fasst, wirkt Ehlers auf der anderen weiterhin verunsichert, unglücklich und manchmal auch naiv im Vorwärtsgang.

Ganz anders dagegen Yanick Stark. Auch wenn vieles, was er tut, nicht so auffällig ist, zeigt er sich diesmal als großartig triebende Kraft. Und das kann er auch sein, weil er nicht stöndig denfensiv tief stehen muss. Vielleicht sollte man intern auch noch mal dikustieren, warum Mai immer wieder so weit nach rechts außen gehen muss.

Nach einer knappen Stunde die Erlösung. Puttkammer will den Ball am hoch pressenden Daferner vorbeispielen – keine gute Idee. Oder war das kein Thema im Videostudium bei Meppen? Schon mehrfach war Daferner in der Vergangeneit beim Draufgehen erfolgreich, auch schon kurz vor dem Torerfolg. Also sollte man das anders lösen. So aber stibitzt sich die 33 den Ball mit dem Außenrist, geht ein paar Schritte nach innen und hat die Augen für den mittigen Königsdörffer. Das Leder kommt genau in dessen Fuß und trotz rasenbedingter Holperer erwischt der 19-Jährige das Ding mit der Innenseite optimal und schickt es mit Gefühl und Köpfchen ins lange Eck – da kann sich Domnaschke strecken wie er will. Zwei Tore in einem Spiel – holla, die Waldfee! A kind of Offensivspektakel!

Direkt danach kommt bei Meppen Valderrama, aber ist der kolumbianische Superstar mit der gigantischen Haarpracht nicht schon 60 oder so? Nun ja, es waren nur meine alten Ohren, der Blick auf den Spieltagszettel sagt: Valdet Rama.

Nun wird von Dresden fast schon relaxt heruntergebebbelt, ohne das dritte Tor aus den Augen zu verlieren. Hosiner verfehlt vor dem Kasten nur knapp einen strammen Pass von Stefaniak, dann kann sich Daferner nicht gegen Osee durchsetzen. Fast belohnt sich der 33er doch noch aus Versehen mit einem eigenen Treffer, als eine weite Bogenlampe – als Flanke getarnt – gerade noch so vom Torwart über den Balken geboxt werden kann. Dann hat Stefaniak Schluss und Weihrauch kommt. Noch einmal Daferner gegen Domaschke, aber es soll heute nicht sein. Ein paar Minuten darf auch Diawusie noch spielen, der für Hosiner eingewechselt wird. Für die Nachspielzeit hat sogar noch Hartmann ein bisschen Eingewöhnungszeit, Königsdörffer geht.

Eine kleine Schlussoffensive hat Meppen noch, aber für Erfolg zu wenige Ideen und vielleicht auch zu wenig Kraft vom vielen Hinterherlaufen. So gibt es für die SGD dann doch einen Moment. Etwa zwei, drei Meter hinter der Mittellinie verdaddelt die Gästedefensive den Ball und Kade sieht den sofort startenden Diawusie und spielt ihm genau in den Lauf. Und läuft los. Während Diawusie flinkfüßig gen Strafraum startet, läuft Kade mit, genau beobachtend, was da auf Außen passiert. Er ahnt es genau richtig: Diawusie bricht in den Sechzehner, sieht, dass Daferner nicht frei ist, aber die Lücke zum langen Pfosten, in die Kade nun im Sprint eilt. Den bedachten, genauen und nicht zu scharfen Pass vollendet der Ex-Unioner ins kurze Eck. Klappe zu, Deckel drauf, Abpfiff.

Fazit: So mündet ein Spiel, das unsicher begann, in einen überzeugenden Sieg. Das Selbstvertrauen, das man daraus ziehen kann, wird man in Saarbrücken definitiv benötigen. Was bleibt, ist die Baustelle hinten rechts. Zudem folgen für mindestens vier Wochen Geisterspiele, obwohl man vermuten muss, dass sich bundesweit mehr Menschen in den Teams und Staffs anstecken als Zuschauer auf den Rängen. Was willste machen?

Und sonst so: Irgendwie schade, dass Torsten Frings nur als Zaungast in Dresden weilte. Ich war immer ein großer Fan vom „Lutscher“ und hätte ihn gern als Coach erlebt. Der Tribünenbann war davor.
Uwe Stuhrberg

SG Dynamo Dresden vs. SV Meppen

31. Oktober 2020, Anstoß: 14 Uhr
Tore: 1:0 Hosiner (45.), 2:0 Königsdörffer (58.), 3:0  Kade (90.)
Dynamo Dresden: Broll, Ehlers, Mai, Knipping, Meier, Stark, Kade, Stefaniak (72. Weihrauch), Königsdörffer (90. Hartmann), Hosiner (86. Diawusie), Daferner
Ohne Einsatz: Wiegers, Will, Vlachodimos, Großer
Zuschauer: 820
Schiedsrichter: Jonas Weickenmeier
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