Das Münchhausen-Spiel

Dynamo Dresden zieht sich gegen Verl am eigenen Schopf aus dem Sumpf

Foto: SG Dynamo Dresden

Ein guter Tag für die Farben Schwarzgelb, ein Deaster für die Farbe Magenta. Da hatte der Sportkanal der Telekom schon einen Gratistag für die 1860er und FCKler ausgerufen, bekommt es aber nicht auf die Kette, ausreichend Technikkapazitäten bereitzuhalten. Im Ergebnis konnten bundesweit nur wenige die Spiele verfolgen – und das in Zeiten, in denen ein Stadionbesuch nicht möglich ist. In aller Eile packte man zwar den Konferenz-Stream und das Löwenspiel in Facebook und Youtube, aber das, was dann im Netz abging, kann man mit Shitstorm nur sehr unzureichend bezeichnen. Für den ausstrahlenden Konzern nicht nur ein Eigentor, sondern – um es mit Arnd Zeigler zu sagen – wohl das Kacktor des Jahres. Gut für mich, dass ich als Berichterstatter den Zugang zum Stadion habe und nicht auf Technik angewiesen (nur auf meine müden Augen). Vielleicht hat ja deshalb der eine oder die andere Lust, hier eine kleine Lesereise durch das Spiel zu machen, das vom ganzen Ablauf als durchaus denkwürdig zu bezeichnen ist.

Ein Blick ins Stadioninnere und man hört innerlich sofort den Musical-Hit aus „My Fair Lady“: Es grünt so grün … Na ja, so richtig grün ist es noch nicht, aber im Vergleich zur vorherigen Holperpiste liegen Welten. Nun heißt es für die Halme: dranbleiben und anwachsen. Auch die Pre-Spiel-Musik machrt wieder Freude: Judas Priest, Ozzy und der alte gute Scheiß von Metallica. Ob das so bleibt, wenn Publikum wieder erlaubt ist?

Der Blick auf die Startelf zeigt ein wenig Rotation, weil Markus Kauczinski Diawusie für Königsdörffer bringt und Hosiner für Daferner. Sohm bekommt seinen zweiten Beginner-Job in Folge. Auf der anderen Seite sitzt mit Justin Eilers ein verlorener Sohn auf der Bank – ach ja, was waren das für Tore, die das Schlitzohr für die die unsrigen erzielt hat. Wer in Erinnerungen schwelgen – hier ist ein Video.

Die erste Halbzeit: Ganz viel Nichts, dann kommt Kade

Holla die Waldfee, dass es das noch gibt: Kapitän Yannick Stark bekommt vor dem Anstoß einen Verl-Wimpel überreicht. Richtig oldschool. Aber dann ist der Spaß auch schon dabei. Denn was nun folgt, sind die 43 beschissensten Minuten, die die SGD in dieser Saison gespielt hat – selbst das 0:3 in München sah nicht so grottig aus.

Denn der SC Verl macht hier von Minute eins an das Spiel seines Lebens und wirft eine Spiel- und Passmaschine an, mit der Dynamo komplett überfordert scheint – schon nach drei Minuten muss Broll gegen Yildirim klären. Diawusie wiederum läuft sich an der Grundlinie fest, nachdem er von Weihrauch ganz hübsch freigespielt wurde. Aber sonst sind fast nur die Ostwestfalen am Ball. Doppelpässe im Triangel oder Quadrat, jeder weiß, wo der andere steht oder läuft, alle Gelbhemden sind nur damit beschäftigt, hinterherzulaufen. Nach einer Viertelstunde kommt dann mal ein Konterversuch, aber das Augenfälligste daran ist nur, dass Schiedsrichter Patrick Hanslbauer im Sprint seine gelben Kartons verliert.

Aber sonst hat die Heimelf hier nichts zu melden. Immer wieder werden die Außen überlaufen, gibt es zu wenig Körperlichkeit und Geschwindigkeit in den Zweikämpfen, das Mittelfeld wird den Gästen schlichtweg überlassen und niemand setzt sich in der schwarzgelben Fußballküche die Kochmütze auf. Stark ist zu leise, Broll hinten drin, Hosiner vorn allein. Dazwischen all die Youngster, denen offensichtlich die Leitfigur fehlt. Während Verl ein ums andere Mal auf den letzten Zentimetern knapp scheitert, begräbt Dresden seine Bemühungen meist schon 30 Meter vor dem Tor des Gegners. Wenigstens eines funktiniert: Rund um den Fünfer bekommen Ehlers & Co. stets doch noch einen Fuß, ein Knie, ein Schienbein dazwischen, während Broll wegfischt, was es zu käschern gibt. Zudem spielen die Gäste zwar wie im Training Katz und Maus mit der SGD, zeigen aber bei einem Ballbesitz von gefühlten 70:30 Schwächen beim Abschluss.

Schwächen beim Abschluss zeigt Dynamo nicht – weil es keine Abschlüsse gibt. Das Spiel nach vorn ist hektisch und zerfahren, bestimmt von Zufall und – wiederholt bei Diawusie – frei von Übersicht. Während Verl via Präsenz den Eindruck vermittelt, sie würden mit 20 Feldspielern am Werk sein, macht sich beim Tabellenführer offensichtlich Ratlosigkeit breit. Immer wieder Schulterzucken und ein lautstarker Broll. Man wundert sich nur, dass Kauczinski die Bank noch nicht zum Aufwärmen geschickt hat.

Nach der dritten Verl-Ecke drischt Kevin Broll gefrustet den Ball gegen die LED-Wand hinter ihm, schon wenig später muss er erneut erst gegen Janjic dann gegen Rabhic klären. Der dynamische Chefcoauch ist inzwischen so on fire, dass er vom Referee ermahnt wird. Alle sehen es wie er: Das geht nicht mehr lange gut, wenn wir hier zu Null in die Pause gehen, könnten das Glück für ein ganzes Spiel schon aufgebraucht haben.

Es kommt aber – wie so oft im Fußball ganz anders. Vollkommen anders. So anders, dass man kaum Worte dafür findet. Und das geht so: Weihrauch läuft Richtung Strafraum und sieht halblinks Stark. Der kann es ja aus der Distanz, also rüber mit dem Leder. Stark läuft etwas nach innen: Ich kann es ja aus der Distanz. Aber heute läuft es nicht. Noch nicht. Geblockt. Der Abpraller landet bei Sohm, der – warum auch immer – auf Links herumturnt. Der Pascal hat hier nun alle Zeit der Welt, guckt kurz und zieht sofort einen luftigen Heber an den Elfmeterpunkt. Und da steht Julius Kade. Mitten in der Box nimmt der das Runde volley, wickelt es um seinen Gegner und in Geschenkpapier ein und donnert es in die Maschen. Keeper Brüseke kann nur noch verduzt und reaktionsfrei zugucken. Und alle so: Wow! Wow!!!! Wo kam das denn her? Nichts, aber auch wirklich überhaupt nichts wies auf eine Führung durch Dynamo hin. Das Ganze ist ein Witz. Aber eben ein sehr guter. Pause.

Die zweite Halbzeit: Magische neun Minuten

Hat der Trainer eine Idee? Wird Dynamo mit der Führung im Rücken mental etwas gestärkter aus der Kabine kommen? Erstmal nicht. Verl zieht sein Spiel wieder auf, während die Dresdner Aktionen in die Spitzen von Fehlpässen und ungezielt herausgeschlagenen Bällen gekennzeichnet sind. Drei Minuten nach Wiederbeginn geht dann Diawusie zentral - es kommt aber nur ein geblockter Schussversuch heraus. Kurz darauf noch ein Angriff, Hosiner lässt den Innenpass mit Übersicht durch, doch neben ihm bekommt Diawusie keinen Punch mehr in den Schuss.

Dann kommt es wie es kommen musste: Verl gleicht aus. Dazu benötigen sie aber nicht ihre Pass- und Dribbelkünste, sondern ein Schiri-Gespann ohne Durchblick. Bei Weihrauch wird ein Handspiel gesehen, das man so nicht pfeifen sollte, aber womöglich will der Fußballgott das Ehlers-Ding vom Hallespiel ausgleichen. Janjic macht ihn rein. Das wird so nicht gutgehen. Kurz darauf fällt fast das 1:2.

Jetzt reagiert Kauczinski: In der 63. kommen Daferner und Königsdörffer für Sohm und Diawusie. So komisch das manchmal ist: Man sieht jetzt ein anderes Spiel. Mag sein, dass die Elfer-Ungerechtigkeit ein zusätzlicher Zünder war, aber mit den Einwechslungen ist Schwarzgelb auf wundersame Weise erwacht. Königsdörffer und Daferner zeigen sich sofort in der Spitze, kommen innerhab von nur zwei Minuten beide gefährlich vor das Tor der Ölbachstädter. Dynamo nimmt jetzt Fahrt auf und all das Wollen manifestiert sich in neun magischen Minuten.

70. Meier mit einem laaangen Ball auf Daferner. Der Verl-Goalie will erst hin dann wieder nicht. Der wuchtige Dynamo-Stürmer lässt dann noch einen austeigen und will in den Langen vollenden. Brüseke hechtet aus dem Tor, patscht den Ball aber direkt vor die Füße von Hosiner. Und der Fuchs ist eben ein Fuchs weil ein Fuchs gute Augen hat. Im Fallen legt der Ösi auf den zentral postierten Weihrauch ab, der ohne große Mühe, aber platziert zur erneuten Führung einnetzt. Schon wieder Synapsenfasching. Jetzt das Ding iregndwie durchbringen!

Verl nun mit Schwindelgefühlen. Das kann doch nicht … Frust kommt auf, Fouls, Gelbe, Konzentration und Sicherheit lassen nach, die Dominanz ist wie weggeblasen. Königsdörffer bittet dann in der 72. – alle austanzend – zum Walzer, verzieht aber aus der Drehung. Dynamo presst, läuft an, kombiniert, zeigt wortwörtlich ein zweites Gesicht. Die erste Halbzeit? Who cares! Vor allem, weil zu Beginn der Schlussviertelstunde der Deckel auf diese Begegnung kommt. Stark sieht auf rechts Weihrauch mit viel Grün vor sich, spielt dem Zehner von der Mittellinie perfekt in den Lauf, der läuft noch in bisschen, nimmt die Agen hoch und was er sieht gefällt ihm. Königsdörffer geht im Vollspeed an den Fünfer und exakt dahin passt der Patrick mit einem perfekten Mix aus Schmackes und Gefühl. Die 35 ist am schnellsten, hält den Fuß dran: 3:1.

Der Mensch, der den Spruch vom Wechselbad der Gefühle erfunden hat, könnte dieses Spiel gemeint haben, aber noch war es das nicht. Zunächst kommt Justin Eilers auf das Feld, was emotional bedeutend ist, für den Verlauf aber keine Rolle mehr spielen wird. Es wäre schön gewesen zu erleben, wie ein volles Haus den Publikumsliebling begrüßt hätte. Dank Magenta Sport haben es die meisten nun nicht einmal im TV oder am Rechner gesehen, denn im Zusammenschnitt der Highlights ist die Szene nicht drin. Drei Minuten nach dem Eilers-Comeback ist der Abend endgültig gelaufen – nach dem Motto: jeder Schuss ein Treffer. Diesmal ist Weihrauch der Ausgangspunkt, der Hosiner auf der rechten Flanke sieht. Der narrt erst einen Verler und bedient den auf der anderen Seite heranstürmenden Kade, der aus vollem Lauf zum langen Pfosten hin vollendet. Stefaniak kommt für Weihrauch.

Auch wenn hier für die Gäste nix mehr zu holen ist, muss man vor dieser Mannschaft den Hut ziehen. Auch in aussichtloser Situation versucht sie, wenigstens noch das Ergebnis zu verbessern, aber Dynamo ist nun in the mood und lässt nichts anbrennen. Im Gegenteil: Von Königsdörffer wunderbar freigespielt, hat Stefaniak sogar noch das fünfte Tor auf dem Fuß, steht aber da schon zu nah am Torwart. Kurz vor knapp köpft dann noch mal Daferner drüber nach einer Stefaniak-Flanke. Dann heißt es: game over.

Fazit: Es gibt ja diesen Spruch: Wer solche Spiele gewinnt und so weiter. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Es war einfach wunderbar zu beobachten, wie sich Dynamo aus einer fast ausweglos scheinenden Situation freigespielt hat, Tore erzielte, wenn keiner sie erwartete. Und am Ende kam wieder jene gnadenlose Effektivität auf den Platz, die schon bei den letzten sechs Siegen den Gegnern die Tränen in die Augen trieb. Irgendwie war die Mannschaft heute wie Baron Münchhausen, der sich ja (angeblich) am eigenen Schopf aus dem Sumpf gezogen hat. Tabellenfüher bleibt man nun sicher über den Winter, egal, was in Köln passiert. Im Pokal gegen Darmstadt wird man sich aber eine solche erste Halbzeit nicht leisten können.
Uwe Stuhrberg

SG Dynamo Dresden vs. SV Verl 4:1

15. Dezember 2020, Anstoß: 19 Uhr
Tore: 1:0 Kade (43.), 1:1 Janjic (56. Elfmeter), 2:1 Weihrauch (70.), 3:1 Königsdörffer (75.), 4:1 Kade (79.)
Dynamo Dresden: Broll, Becker, Knipping, Ehlers, Meier, Stark, Kade, Weihrauch (86. Stefaniak), Diawusie (63. Königsdörffer), Hosiner, Sohm (63. Daferner)
Ohne Einsatz: Wiegers, Kulke, Vlachodimos, Großer
Zuschauer: 0
Schiedsrichter: Patrick Hanslbauer
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