Das war hart, Mann!

Wie Dynamo Dresden die Münchner Löwen niederringt

Foto: SG Dynamo Dresden

Ojeminee! Der Blick von der Pressetribüne hochdroben unterm Dach ins weite Rund bringt heutzutage nichts Gutes. Zum einen ist die Leere der Ränge bedrückend. Zum anderen liegt da vor dem Auge etwas, das man kaum noch Fußballplatz nennen kann. Denn alle jene, denen dieses Spiel eine Religion ist, sehen im Harbig-Stadion momentan nur noch einen Gottesacker. Früher einmal gab es wegen der Sommerkonzerte zum Saisonbeginn jeweils neues Grün, ebenso zur Rückrunde, da auch Kreuzchor-Fans nicht vor Glückseligkeit schweben, sondern letztendlich auch den Rasen zertrampeln. Nun aber – durch Kulturausfall und Geldmangel – sollen die Halme durchhalten, können es aber nicht. Und auch SGD-Übungsleiter Markus Kauczinski schwant schon Erschröckliches: Wie soll das nur im Dezember werden? Und später?

Fällt das Auge allerdings an diesem Tag auf den Startelfzettel, kommt ein dickes „Oha“. Marco Hartmann nicht nur von Beginn an, sondern im Zentrum des Defensivgeschehens, denn Kulke und Ehlers sitzen auf der Bank. Daraus folgt: Hätte, hätte Dreierkette mit Sebastian Mai und Tim Knipping als „Sidekicks“. Auf Außen Königsdörffer und Meier, die auf Fünferverbund umstellen, wenn die Münchner anrollen, in der Mitte Stark, Weihrauch und Stefaniak, vorn wie gehabt. Nicht im Kader ist Julius Kade, jeder zähle selbst eins plus eins zusammen. Auf der anderen Seite bringt dieses erste Geisterspiel nach dem Lockdown Number One ein Wiedersehen mit Quirin Moll und Dennis Erdmann.

Die erste Halbzeit: Distanziertes Toreschießen

Die SGD hat Anstoß vor dem K, was auch immer das heutzutage bedeutet. Allerdings scheint das Spiel an sich für beide Teams von Anfang an Bedeutung zu haben. Es wird gerungen und gedrungen wie bei einem Ritterturnier, das ist zutiefst körperlicher Männersport. Pressing, Blocken, Reinschmeißen, Grätschen – egal wo. Hier geht es erstmal nur darum, den jeweils anderen von der eigenen Kiste fernzuhalten. Da wird auch mal hingelangt, wobei Referée Florian Lechner dafür bekannt ist, gern und oft gelbe Karten zu zücken – an diesem Nachmittag werden es sieben sein. Keine davon bekommt Weihrauch, der nach wenigen Minuten Erdmann leicht, aber illegal am Fuß berührt. Wie schwerst getroffen brüllt der Ex-DynamoMaggieKogge-Spieler, wohl in der Annahme, dass jeder Schiri gegen die SGD gern einfach mal so Rot zückt. Nun ja, die Eisenmann-Zeiten sind beim Dennis vielleicht vorbei, das war nur schlechtes Mimimi.

Knapp 20 Minuten geht da so hin und her mit dem Geracker, da wird Meier fein freigespielt, doch bevor er links in den 60er-Sechzehner eindringen kann, kommt der Trikotzupfer. Marvin Stefaniak guckt sich den rechten Winkel aus, zirkelt aber über den Knick. Überhaupt wird das nicht sein Tag sein, denn Florettfechter haben es in einer Schlacht, in der nur Breitschwerter benutzt werden, nunmal nicht so einfach – die feine Klinge bleibt überwiegend stumpf.

Was aber zu sehen ist: Das neue Trio hinten drin funktioniert und mit Stark davor ergibt es ein echtes Bollwerk. Kopfballhoheit, Aufteilung, Körperlichkeit sind für die Angreifenden durchaus respekteinflößend, dazu besitzt Hartmann die Fähigkeit, punktgenaue Pässe auf die Außenbahnen zu schicken, auch über 40, 50 Meter – nicht immer haben die Spieler dort jedoch die Gabe, diese auch zu verwerten.

Nur in der 27. Minute klappt das alles für eine Sekunde nicht. Wird da ein Durchbruch direkt vor Broll noch bestens abgefangen, landet der Ball eher zufällig beim zentral einlaufenden Steinhart, der aus 18 Metern einfach mal abzieht und schusstechnisch an einem Sonnabend einen Sonntag erwischt. Kein wirklicher Fail der Verteidigung, eher dumm gelaufen, zudem will Stefaniak nicht das Foul ziehen.

Während der Kopf des Autors schon ein wenig nach unten geht, passiert das auf der Kampfbahn nicht. Im Gegenteil: Was die können, können wir schion lange. Zumindest hat sich das Yannick Stark eingeflüstert, als er von Meier den Ball zugespielt bekommt. Einen Screen laufend, lässt er erst einen Blauen stehen, dann narrt er den zweiten, den dritten täuscht er weg – und dann ist sie da: die Lücke. Beherzt aus ebenfalls 18 Metern Distanz drischt er das Leder in die Maschen, dass zudem noch im richtigen Moment vor Torwart Hiller in der Pampe aufsetzt. EinsEins, die Synapsen zerren deutich weniger.

Bis zur Pause ist außer Rasenabnutzung wenig los, die Keeper schicken sich schon SMS: Und bei dir so? Dann haben die Sechziger in der 41. Minute ihre erste Ecke. Diese bringt zwar nichst ein, aber bei Schwarzgelb erinnert man sich offenbar an das letzte Spiel mit den Last-Second-Toren vor den Pfiffen. Also alles auf Angriff. Mai aus über 20 Metern. Mai mit Kopfball an die Latte. Hosiner mit Kopfball auf das Tor. Weihrauch verfehlt mit einem Pass Hosiner nur knapp. Der TSV rettet sich mit etwas Schnappatmung in die Pause.

Die zweite Halbzeit: Wenn aus Scheiße Gold wird

Wo war eigentlich bisher Sascha Mölders? Spielt er überhaupt mit? Von Hartmann & Co. wird der bullige Sturmtank bis hierher komplett rausgenommen. Erst drei Minuten nach Wiederanpfiff zeigt er seinen Instinkt, als er einen Rebound erahnt, der in hohem Bogen in den Dresdner Fünfer geflogen kommt. Aus nächster Nähe will Mölders den Ball an Broll vorbei spitzeln, doch der Kevin ist auf der Linie eben ein Prachtkerl: Patsche dran, Hartmann drischt weg, puhh.

Andersherum wird im Gegenzug Meier schön freigespielt, aber sein Finalprodukt ist nicht gut genug. Aber es zeigt sich: Spielt die SGD schnell, kurz und überraschend, läuft 1860 hinterher, bekommen die Bayern Probleme. Und manchmal auch den Frust: Mölders, womöglich noch die vergebene Chance im Kopf, tritt Mai in die Achillessehne, gelbe Karte. Das etwas Fiese daran ist, dass er null Chance auf den Ball hatte und den Dresdner Kapitän genau in dem Moment trifft, als dieser zum Sprint ansetzt. Und dann hat auch Erdmann seinen Moment, genau nach einer Stunde: Daferner geht im Gästestrafraum etwas tief mit dem Kopf zum Ball, wird von Salger getroffen und fordert einen Elfmeter. Den gibt es zwar nicht, dafür aber ein wenig Hatespeech vom eigentlich unbeteiligten Erdmann. Der ebenfalls unbeteiligte Knipping schaltet nun seine Kommentarfunktion ein. Schließlich erinnert der Schiedsrichter alle nun Beteiligten daran, dass er der Admin des Spiels ist und zeigt beiden Diskutanten – na, was? – richtig: Gelb.

Das Spiel an sich ändert sich nicht: Es ist zwar ruppig, aber nicht brutal, mehr und mehr werden die Bälle gedroschen denn gespielt. Irgendwie macht sich das unbestimmte Gefühl breit, dass das nächste Tor entscheidend sein wird, während sich das Mittelfeld zu einer Kampfzone entwickelt. Dass nach einer reichlichen Stunde Paul Will für Stefaniak kommt, ist da nur logisch.

Nach 68 Minuten wird via Pass auf Weihrauch die Gästekette mal wieder ausgehebelt, der Zehner nimmt gut mit, sieht aber an der Grundlinie nur Hosiner in der Mitte, leider nicht die Gelbhemden im Rückraum. Da Hosiner aber gesandwicht wird, kommt die Klärung zur Ecke. Auch die tritt Weihrauch – und richtig schlecht. Zu kurz, zu schwach, zu niedrig. Aber Sascha Mölders macht aus Scheiße Gold: Statt das Runde rauszudreschen, flippert er es quer durch den Fünfer, an dessen linkem Rand Königsdörffer richtig steht. Softvolley, mit Auge für die kurze Ecke und mit noch mehr Gefühl im Fuß, erzielt er das 2:1.

Alles, was jetzt noch kommt, können wir uns sparen: Kämpfe und Karten und Wechsel. Sohm erhält noch zehn Minuten, Ehlers kommt als Security für die Overtime. Und am Ende macht es Dynamo diesmal clever: Da brennt nichts an, das Münchner Kochfeld erkaltet im Modder und im letztendlich abgezockten Widerstand. Das Bild des Tages gibt es dann nach dem Spiel: Marco Hartmann sitzt sinnierend und lächelnd auf einer Werbebande, schaut schräg in den grauen Himmel und freut sich in aller Stille vor sich hin. Ein Käptn ohne Binde. Aber ein Käptn.
Uwe Stuhrberg

P.S. Ein treuer Leser dieser Kolumne war der Dresdner Schauspieler Matthias Henkel. Gestern ist er gestorben. So widme ich ihm diese Zeilen zur SGD, die am selben Tag gewann als er starb. Ruhe in Frieden.

SG Dynamo Dresden vs. TSV 1860 München

15. November 2020, Anstoß: 14 Uhr
Tore: 0:1 Steinhart (27.), 1:1 Stark (32.), 2:1 Königsdörffer (70.)
Dynamo Dresden: Broll, Mai, Knipping, Meier, Stark, Hartmann, Stefaniak (64. Will), Weihrauch (90. Ehlers), Königsdörffer, Hosiner (79. Sohm), Daferner
Ohne Einsatz: Wiegers, Vlachodimos, Kulke, Diawusie
Zuschauer: 0
Schiedsrichter: Florian Lechner
www.dynamo-dresden.de