Dauerhaft unangepasst

Suzanne Vega am 9. Juli auf dem Konzertplatz Weißer Hirsch

Hitparadenstürmer sind Glückssache, reiner Zufall, nichts Vorherbestimmbares. Suzanne Vega kam in den Genuss, gleich zu Beginn ihrer Karriere bei »Luka« und »Tom's Diner«. Aber wie weiter nach dem Ausnahmeereignis? Antworten liefert die Quintessenz einer Interviewverabredung mit der gebürtigen Amerikanerin neulich im Festspielhaus Hellerau vor ihrem Auftritt im Rahmen der Aufführung des avantgardistischen Opernklassikers »Einstein On The Beach« von Philip Glass anlässlich der Dresdner Musikfestspiele.

»Einstein On The Beach« ist nicht ihr einziger Berührungspunkt mit Philip Glass, Kooperationen der beiden reichen zurück bis in die Mitte der Achtzigerjahre. Suzanne Vega erinnert sich gut. Sie damals vierundzwanzig und Philip Glass »wollte Songtexte von mir sehen. Ich besuchte ihn zu Hause mit einer Mappe mit Texten, die ich noch nirgends verwendet hatte. Er breitete die Textblätter auf seinem Tisch aus und entschied sich für ›Lightning‹ und ›Freezing‹, die beide vertont von ihm auf seinem Album ›Songs From Liquid Days‹ erschienen sind.« Philip Glass, ein Vertreter der New Yorker Musikavantgarde, Miterfinder der Minimal Music, und Suzanne Vega, eine Vertreterin der Populärmusik? Was war die gemeinsame Schnittmenge? »Philip Glass war jeder Kunstform zugeneigt, aufgeschlossen bis zum Gehtnichtmehr. Mit Laurie Anderson, Paul Simon und David Byrne hatte er bereits drei namhafte Songtextautoren, wollte aber noch jemanden Jüngeren und weniger Bekanntes dabeihaben. Woher ich das weiß? Nancy Jeffreys, die Frau, die mich bei A&M Records unter Vertrag nahm, war verheiratet mit Kurt Munkacsi, damals Toningenieur von Philip Glass. Nancy brachte mich mit Philip zusammen, was in eine lebenslange Freundschaft mündete.«

Zu »Fifty-Fifty Chance« von Suzanne Vegas Albumdrittling »Days Of Open Hand« verfasst Philip Glass im Gegenzug das Streicherarrangement. Noch um einiges interessanter vom selben Album ist »Pilgrimage«, das nicht von ihm arrangiert wurde, von der Musikstruktur her aber vehement an seine Minimal Music erinnert. Nichts, was Suzanne Vega fremd vorkam! Zu ihrer Teenagerzeit, sagt sie, war sie »Balletttänzerin, ich arbeitete mit verschiedenen Choreografen, ein jeder war mit dem Trend vertraut, der sich Minimal Music nannte. Choreografen, mit denen ich arbeitete, ließen mich zu Steve Reich und natürlich Philip Glass tanzen. Sogar schon auf meinem Debütalbum, der Song ›Cracking›, diese Abfolge von Wiederholungen im Gitarrenspiel ohne nennenswerte Modifikationen, das ist Minimal Music. Der Denkansatz war mir vertraut!«

Schwer zu glauben angesichts ihrer Verstrickung mit Philip Glass und der New Yorker Avantgarde, dass Suzanne Vega bei ihrem nach ihr betitelten Albumdebüt dem Folk zugeschlagen wurde. Die Künstlerin findet das auch ulkig und muss lachen. Na ja, meint sie dann, es brauchte »eben ein Etikett, das sie mir verpassen konnten. Sie sahen eine junge Frau, die sang und sich selbst auf der Akustikgitarre begleitete. Das und auch die Erzählweise, die Melodien, die Akkordwechsel, entsprachen dem Stereotyp einer Folksängerin. Aber ich hatte schon damals anderes im Kopf als bloß diese eine Schublade, in die ich gesteckt wurde. Meine Vorstellungskraft kennt keine Grenzen in Sachen Musik. Ich bediene mich, wo es mir gefällt.«

Genau genommen war noch nicht mal »Suzanne Vega« ein lupenreines Folk­album. Als Produzent engagiert war Lenny Kaye aus New Yorker Punkrockkreisen, außerdem Gitarrist von Patti Smith. Richtig, entgegnet Suzanne Vega. »Lenny Kaye und Steve Addabbo sind meine Produzenten gewesen. Wiederum war es Nancy Jeffreys, die meinte, es braucht etwas frischen Wind. Steve Addabbo war ein großartiger Produzent, Lenny Kaye wurde dazu geholt, um den Vorstellungshorizont zu erweitern. Er sollte einen Extrafunken entzünden, der unerwartet und wild ist. Es war wundervoll, mit ihm zu arbeiten. Ich empfinde eine gewisse schwesterliche Verwandtschaft mit Patti Smith deswegen. Vermutlich wird sie nichts dergleichen verspüren, aber ich verehre sie, sie ist eine Urgewalt«.

Dass Suzanne Vega musikalischen Abenteuern nicht abgeneigt ist, wird endgültig offensichtlich bei »99.9F°«. Das Gesamtklangbild, das Produzent Mitchell Froom hinbekommt, wirkt noch knapp dreieinhalb Jahrzehnte später schlicht sensationell. Suzanne Vega weiß noch, wie es zu dem Geniestreich kam. »Ausgewählt als Produzenten hatte ich Michel Froom wegen seiner Arbeit mit Crowded House, was solide Popmusik war für meinen Geschmack, das lief im Radio, erkennbar aber eine gewisse Exzentrik. Ich engagierte Mitchell Froom wegen seiner soliden Herangehensweise. Weder er noch ich konnten ahnen, was dann folgte. Am ersten Tag im Studio fragte er, welche Vorstellungen ich hätte. Ich entgegnete, dass ich einen Song habe, noch nicht ganz fertig; es handelte sich um ›Blood Makes Noise‹. Er: ›Sing' mal vor.‹ Ich sang aus dem Stegreif, was er aufnahm, und als ich anderntags wieder ins Studio kam, hatte er die zerstörten Ambossschläge und eine Basslinie daruntergelegt. Absolut umwerfend, dachte ich, unglaublich! Niemals hätte ich erwartet, dass es in diese Richtung gehen würde. Meine Anweisung an ihn war, dass es nach den Ramones klingen sollte. Ich wollte einen schnellen, nervösen, risikofreudigen Gitarrensong. Seine Idee war eine ganz andere, und ich mochte es. Wir brachten uns gegenseitig zum Lachen und riskierten noch manche Verrücktheit. Die Chemie zwischen uns stimmte, was in eine Heirat und ein gemeinsames Kind mündete, wie man weiß.«

Sich auf keine bestimmte Schublade festlegen lassen, dauerhaft unangepasst bleiben, das rettet Suzanne Vega über ihre prominenten Hitparadennotierungen hinaus. Und nach »99.9F°« sind die verrückten Ideen längst nicht erschöpft. Bei »Nine Objects Of Desire«, benannt wie eine Kunstausstellung, arbeitet Suzanne Vega mit den beiden experimentierfreudigen Studiokoryphäen Tchad Blake und Jerry Marotta an Gitarre und Schlagzeug, als Backingband findet sich Elvis Costellos Begleitformation The Attractions verpflichtet. »Songs In Red And Gray« mit Rupert Hein als Produzenten liegen Elektrobeats zugrunde. Bei »Tales From The Realm Of The Queen Of Pentacles« kommt erstmals Samplingtechnik zum Einsatz, »Lover, Beloved: Songs From An Evening With Carson McCullers« ist eine Hommage an das im Albumtitel genannte Schriftstelleridol ihrer Jugend. »Flying With Angels« wirkt konventioneller, dafür sind die Themen von besonderer Bedeutung. »Each song on the album takes place in an atmosphere of struggle. Struggle to survive, to speak, to dominate, to win, to escape, to help someone else, or just live«, verrät Suzanne Vega der britischen Musikzeitschrift New Musical Express. Unter anderem besungen der »Last Train From Mariupol«.

Welcher Song ihr vorläufiges Gesamtschaffen am besten zusammenfasst? Suzanne Vega muss nicht lange überlegen. »Ich würde sagen ›Tom's Diner‹, die kreisförmige Bewegung ist angelehnt an die Minimal Music. Das Schlagzeug im Remix von DNA lässt mich an meine Großmutter denken, die Schlagzeug spielte.« Dass »Luka«, ihr anderer Megahit, von häuslicher Gewalt gegen Kinder handelt, war bekannt. Dass es sie persönlich betrifft, wurde von ihr selbst erst später enthüllt.
Bernd Gürtler 

Suzanne Vega 9. Juli, 20 Uhr, Konzertplatz Weißer Hirsch
Karten bei SaxTicket in der Schauburg und saxticket.de
www.suzannevega.com