Der hat alles

Dresdens kleinster Baumarkt wird 100: Happy Birthday, Eisenfeustel!

Thomas Haaß im Eisenfeustel (Foto: Mutti)

»Danke für die Schrauben«, schallte der 100-köpfige Fanclub lauthals zur ABBA-Melodie von »Thank you for the Music«. Was für ein Spektakel! Als sich Lothar Ollendorf alias Eisenfeustel an diesem 21. Dezember 2019 nach 21 Geschäftsjahren in den Ruhestand entließ, entbot sich auf dem Fußweg der Bautzner Straße 51 ein bewegendes Abschieds­szenario.

Die innige Herzensverbindung der Dresdner zu ihrem geliebten Eisenfeustel dürfte Thomas Haaß den Start deutlich erleichtert haben. Seit einem guten Jahr betreibt der gebürtige Ravensburger das einzigartige Spezialgeschäft für Werkstatt, Sanitär, Küche, Haushalt und Garten. Bevor Haaß in Dresden Architektur studierte, sorgte der gelernte Orgelbauer im Vatikan, in Tokio und dem Dom zu Basel für den guten Ton. Die Leidenschaft fürs Handwerk, sie liegt dem sympathisch schwäbelnden Brillenträger quasi im Blut. Dass Thomas Haaß ebenso hingebungsvoll kocht und gärtnert, qualifiziert ihn zum idealen Feustelino, ob es nun um Eisenpfannen, Hohlraumdübel oder japanische Astsägen geht.

Apropos: Vier Inventuren und ein Jahr backstage waren nötig, um sich der legendösen Eisenleiter würdig zu erweisen. Das Labyrinth der endlosen Gänge samt deckenhoher Warenregale zu durchschauen, dürfte als Sisyphosarbeit durchgehen. Thomas Haaß hat sie bravourös gemeistert. Mehr noch. Ob Hilfe bei abgefallenen Kinderwagenrädern, bei verlorenen Fahrradschlüsseln oder beim Bau von Vogelhäusern – der 44-Jährige hat immer ein offenes Ohr für seine Kunden. Und damit die Essenz des Feustel-Universums verinnerlicht. Stand doch der Name Eisenfeustel, den so viele ältere Dresdner noch mit den gut gelaunten Schwestern Christine und Erika Reinhold verbinden, von Anfang an für profundes Wissen und sachkundige Beratung.

Manch Handwerker-Macho legte angesichts der geballten weiblichen Cleverness der Feustel-Sisters die Ohren an. Bei ihnen soll einst Putin gekauft haben, wurde der Laden zur Institution, kam jener Glamour ins Business, welcher den smarten Damen den Spitznamen »Die Kessler-Zwillinge der Eisenwarenbranche« einhandelten. Wie man Dederon-Schürzen derart verschmitzt Eleganz abgewinnen kann, wird wohl auf ewig ein Rätsel bleiben.

Die Anfänge des Unternehmens indes gehen auf Herbert Reinhold und Karl Feustel zurück, welche in ihrer 1921 gegründeten Eisengroßhandlung bis zu 35 Leute beschäftigten. Der Krieg und ein Großfeuer zwangen die Firma, kleinere Brötchen zu backen. 1950 mietete man einen Laden auf der Bautz­ner Straße und erweiterte das Sortiment um Haushaltswaren und Gartenzubehör.

So hatte jede Epoche ihre besonderen Herausforderungen. War es zu DDR-Zeiten die Beschaffungsnot dank Warenknappheit, stellte sich für Lothar Ollendorf, welcher 1998 das Eisenfeustel-Steuer übernahm, die Qual der Sortiments-Wahl. Doch Ollendorf hatte sein Ohr am Kunden, modifizierte das Repertoire entsprechend und machte sich durch pfiffiges Mitdenken und unkomplizierte Problemlösungen den Ruf eines »MacGyvers der Neustadt«.

Thomas Haaß agierte ebenfalls schlau, als er sich nicht auf den Reiz des Kult-Lädchens verließ, wo man Bohrmaschinen ausleiht, rare Spezialteile erhält und Schrauben noch einzeln für’n Appel und’n Ei über den historischen Tresen gehen. Seit der tüftelnde Thomas das Unternehmen souverän ins Heute führte, ist das Motto #derhatalles Programm. Wünsche und Fragen können via Mail oder Whatsapp anberaumt werden, die witzige Internet­seite verschafft einen Top-Überblick und die täglichen Reklamebeiträge bei Instagram haben Entertainer-Qualität. Mit wie viel Herzblut der Vater eines Sohnes all dies im kompletten Alleingang wuppt, ist bemerkenswert.

»Heute hat mich das erste Mal jemand Herr Feus­tel genannt«, postete Thomas Haaß stolz vor gut einem Jahr. Kurz darauf gründete er das Eisenfeustel-Institut (EFI), welches sich augenzwinkernd tagespolitischen Themen nähert und ihn unter der Hand zum »Inbus-Ardenne« adelte. Unerkannt durch die Neustadt? Das war mal.

Rein äußerlich präsentiert sich Eisenfeustel 4.0 nun in frischem Retro-Outfit mit gekreuzter Schraube und Nagel auf hellgrünem Grund. Und dank der Tatsache, dass der Mini-Baumarkt systemrelevante Ersatzteile anbietet, hatte und hat der Laden auch trotz Corona stets geöffnet.
So weit so gut, wäre da nicht der 100. Geburtstag des Unternehmens im April. Den ganzen Monat über wird es kleine Überraschungen wie das Eisenfeustel-Wimmelbild geben, aber dass die Big Party mit Ehrengästen und Livemusik vorerst flachfällt, stimmt Thomas Haaß (der selbst passioniert Orgel, Klavier und Akkordeon spielt), ein wenig traurig. Vielleicht 2022? Dann auf jeden Fall mit ABBA und »Danke für die Schrauben«.
Mutti

Eisenfeustel
Bautzner Straße 51, Telefon 8030632
Whatsapp: 00493518030632, Dienstag bis Freitag 9 bis 13 und 14 bis 18 Uhr, Sonnabend 9 bis 13 Uhr
www.eisenfeustel.de
www.instagram.com/eisenfeustel.de