Die Rasselbande

Bei Dynamo Dresden bleibt Hannover chancenlos

Die beiden Torschützen drehen im Jubel ab. Foto: SGD

Um den Charakter dieses Abends zu beschreiben, fällt mir zuallererst eine Szene ein, die in keinem TV-Zusammenschnitt gezeigt werden wird, da sie an sich unspektakulär ist. In Wirklichkeit zeichnet sie aber nach, was die Mannschaft der Sportgemeinschaft Dynamo Dresden momentan verkörpert: Die Nachspielzeit ist angebrochen, die meisten Schwarzgelben stehen schon etwas tief, das Zweizunull soll jetzt ohne Gegentor über die Zeit gebracht werden. Nur Pascal Sohm, eingewechselt nach knapp 70 Minuten, läuft noch hoch an der Mittelinie an – er gegen drei Hannoveraner. Diese spielen sich den Ball in Dreieck zu, Sohm immer hinterher. Man meint schon: Lass es, Junge, ist doch sinnlos. Doch da, nach dem x-ten Hin-und-Her ergrätscht sich die Dresdner Neun den Ball und klärt ihn – vom Publikum bejubelt – ins Seitenaus. Für das Spiel unerheblich, für den schwarzgelben Geist unfassbar wichtig.

Dabei gab es in der vergangenen Woche nach dem Pokalrundensieg gegen Paderborn durchwachsene Nachrichten: Luca Herrmann und Brendon Borello verletzt, kein neuer Spielervertrag für Marco Hartmann, immerhin wurde ein neuer Linksdefensiver mit dem Georgier Guram Giorbelidze ausgeborgt. Beim Prime-Time-Kick gegen die niedersächsischen Hauptstädter hatte das zur Folge, dass Heinz Mörschel für Borello in die Startelf rutschte. Das Stadion sah mit seinen knapp 14.000 Fans gut gefüllt aus, nur im K ergibt das Ganze ein Bild des Jammers, kommentiert von einem Banner: „Dicht an dicht ist heute kein Problem – außer man will im K-Block stehen!“ So sehr man verstehen mag, dass Gesundheitsamt und Verein die bestehenden Regelungen umsetzen müssen, so sind die geringen Abstände hier und die gigantischen Lücken dort emotional kaum nachzuvollziehen.

Die erste Halbzeit: Vom Suchen und Finden

Die Gäste stoßen an, die Heimischen haben den „falschen K“ im Rücken. Mit einer Menge Rasen vor sich marschiert Schröter schon nach drei Minuten auf und davon, doch seine Flanke gerät zu flach, um jemanden zu erreichen. Drei Minuten später die gleiche Szene, diesmal kommt Akoto dran, wird aber geblockt. Was schnell zu sehen ist: Kleinste Fehler und Unaufmerksamkeiten führen sofort zum Ballverlust. Wenn sich Mörschel oder Königsdörffer im offensiven Drang auch nur einen Wimpernschlag zu spät vom Ball trennen, ist er weg und der Konter der 96er läuft. Ähnlich verhält es sich mit den Pässen in die Spitze; die sind manchmal naiv gespielt, will meinen: nicht zweitligatauglich. Aber das ist kein Wunder und auch verständlich, schließlich hängt bei vielen Spielern noch jede Menge dritte Liga oder Regionalliga in den Beinen und Köpfen.

Als nach knapp zehn Minuten Chris Löwe auf dem Grün liegen bleibt, stockt kurz der Atem. Aber der Mann, ein Ausbund an Verlässlichkeit und (mittlerweile auch wieder) Fitness, steht auf und wird bis zum Ende durchspielen. Längst vorbei die Zeiten, da die 15 nach einer Stunde runter muss. Nun wiedeum meldet sich Schröter mit einem ordentlichen 18-Meter-Kracher – zu mittig unter die Latte, ein Ron-Robert Zieler ist so nicht zu überwinden. Die Ecke tritt Löwe swehr ordentlich. Dann checkt Knipping Ex-Dynamo Franke weg, der aber weiterspielen kann.

Vor beiden Toren passiert kaum etwas. Dynamo sucht noch die Mittel nach vorn, steht hinten aber schon mal prächtig. Sollbauer und Knipping sind ein Bollwerk, Stark davor macht an diesem Abend ein unaufgeregtes Riesenspiel als Solo-Sechs, denn Kade und Schröter müssen in die Raute. Löwe und Akoto haben ihre Außenbahnen im Griff. Hannover findet so nur selten Räume, und wenn doch, dann wird der Ballinhaber oft von zwei, machmal drei Schwarzgelben angepresst. Schröter zeigt dann auch mal seinen Groundspeed, als es ihm gelingt, den Ball am Gegner vorbeizulegen und ihn dann auch noch zu erlaufen. Am Ende brotlose Kunst, aber für Auge und Stimmung famos.

Nach 25 Minuten müssen die Gäste Stolze verletzt vom Platz nehmen, Dehm macht weiter – durchaus eine Schwächung im Mittelfeld. Hier geht dann auch Königsdörffer mal querfeldein steil, spielt einen tollen Seitenwechel zu Akoto, doch Daferner ballert dessen Zuspiel im Überschwang der Gefühle ins Wohinauchimmer. Als der Stürmer, der oft weit hinten zu finden ist, in der eigenen Häflte einen Rückpass des Grauens spielt, zeigt sich bei Hannover ein Schlendrian mit dem Ball, der dann doch verwundert. Auf der anderen Seite gibt es eine aufregende Kombination aus Lupfer, Hacke und Abseits. Kade wärmt dann aus der Distanz Zielers Handschuhe ein wenig auf.

So geht das bis zur Pause hin und her. Aber trotz fast ausgeglichener Spielwerte, wirkt Hannover etwas abwartend, während Dresden Leidenschaft zeigt, wenn auch der Weg ins Glück noch nicht gefunden wird. Die Männer vom Maschsee bekommen eigentlich genau das, was sie erwarten durften, können damit aber nicht so richtig umgehen. Der gefürchtete Marvin Ducksch ist quasi unsichtbar, nur Weydandt probiert sich kurz vor der Pause an der Kopie des Schröter-Schusses aus der 13. Minute: mittig, unter die Latte, aber so ist eben auch ein Kevin Broll nicht zu überwinden.

Die zweite Halbzeit: Der Mai ist gekommen

Man kann sich ungefähr vorstellen, was Coach Schmidt in der Pause gesagt hat. Gewirkt hat es auf jeden Fall. Kurz nach dem Wiederanpfiff hat Michael Akoto wahnsinnig viel Platz und Zeit auf seiner rechten Seite. Es ist übrigens über das ganze Spiel hinweg putzig anzusehen, wie er seine Einwürfe ausführt: überlegen, zurufen, korrigieren, überlegen, zurufen, winken … So also auch jetzt mit dem Ball am Fuß. Kein Hannoveraner weit und breit, da kann man in den Ausguck klettern und mal nachsehen, wer wo ist. Da sieht der Dresdner Dreier am langen Pfosten etwas heranrauschen, etwas großes Gelbes, es ackert und pflügt, Weißhemden fallen von ihm ab wie Motten an der Lampe. Also hebt Akoto (vorher Regionalliga!) den Ball mit der Präzision eines Touchdown-Passes von K.J. Carta-Samuels an den langen Pfosten, wo sich das gelbe Heranrauschen als Christoph Daferner entpuppt, der mit der Wucht seiner ganzen gefühlten 375 Kilo Willensmasse zum Einzunull einschädelt. Nichts, aber auch wirklich nichts hätte ihn daran hindern können. Eine pure Demonstration von mentaler Stärke und körperlicher Präsenz. Das Stadion ein Tollhaus.

Schon jetzt zeigt Hannover Zeichen von Entmutigung. Kein Ruck, kein Jetzterstrecht, kein Anrennen. Dafür muss mit Hult ein Verteidiger verletzt raus, der ohne Zutun eines Gegenspielers zu Boden ging. Bitter für die Gäste, denn der Schwede zählte zu wenigen Aktivposten in diesem Spiel. Und schon herrschen mal eben chaotische Zustände im Zieler-Strafraum, aber aus dem Gewühl kommt das zweite Tor leider nicht. Dafür langt Akoto mal eben hin – er sieht Gelb, weil er dem eben eingewechselten Ochs die Sense gezeigt hat. Dann rasselt Dehm mit Broll zusammen und bleibt liegen, kann aber weitermachen. Es ist kein unfaires Spiel, aber die Liegezeit der 96er liegt um ein Vielfaches höher als die der SGD.

Von der Führung beflügelt, jagen die Gelbhemden jedem Ball nach, während die Kollegen in den weißen Trikotagen nur noch halbgare Schüsse aus der Entfernung versuchen, die meist nicht auf den Kasten kommen. Eine knappe Stunde ist rum, da spielt Mörschel einen Pass genau in den Fuß von Königsdörffer, der auf Links allein vor Zieler auftaucht. Der Keeper verkürzt gekonnt den Abstand so stark, dass der Stürmer ihn nur noch anschießen kann. Mit etwas mehr Erfahrung und Chuzpe, würde Königsdörffer vielleicht noch einen Schritt am Torwart vorbeigehen und es aus spitzem Winkel versuchen. Aber hey, der Mann ist 19. Und es bleibt dabei: Hannover hat dem Übermut der Dresdner nichts entgegenzusetzen.

Etwas mehr als eine Stunde ist rum, da kommt der übliche Wechsel 7 für 35, wenig später darf Sohm für Mörschel ran. Als Kade einen Ball verdaddelt, muss Sollbauer zwar noch einmal in letzter Sekunde retten, aber ansonsten wird jegliche Gefahr von Knipping & Co. weggeatmet. Zwölf Minuten vor Schluss kommt Aidonis für Akoto und Kade macht den Platz frei für den Käptn. Nach langer Leidenszeit und verpasstem Aufstiegsfinale steht Sebastian Mai wieder auf dem Rasen. Und weil Fußball im Schlechten wie im Guten eine Karma-Bitch ist, kommt es wie es kommen musste: Ein laaaaaanger Löwe-Freistoß landet auf dem Kopf von Knipping, der querlegt auf den Kopf von Mai – im Nahkampf mit Zieler lässt sich der Dresdner nicht die Butter vom Brot nehmen, sondern legt noch Salami, Käse und saure Gurke drauf. Rein ins Netz zum Zweizunull! Gibt es eine Steigerung von Tollhaus! Ränge und Rasen rasen! Der Mai ist gekommen! Und sowas von!

Damit ist dass Spiel gelaufen, Alexander Schmidt verzichtet diesmal sogar auf seine fünfte Einwechslung. Dass es aber trotzdem kein Nachlassen gab, beschreibt die eingangs erwähnte Szene mit Pascal Sohm. Ebenso, wie zum Beispiel Vlachodimos zwar offensiv kaum zur Wirkung kommt, aber defensiv beherzt arbeitet. Und Aidonis nutzt seine wenigen Minuten, um sich beherzt Gelb zu verdienen. Fun Fact: Auch der hochgelobte Ducksch sieht Gelb wegen Ballwegschlagens – dabei wollte er nur Aidonis den Ball in die Arme chippen, damit dessen Einwurf schneller ausgeführt wird. Der Chip allerdings misslang vollkommen, sinnbildlich für das ganze Spiel des Hannoveraner „Wunderstürmers“. Dann pfeift der Referee ab. Sieben Punkte sind im Sack, 33 fehlen also noch.

Fazit

Dynamo hat einen Weg gefunden, diese zweite Liga bis jetzt zu rocken: Man spielt wie eine taktisch geschulte Rasselbande einen ebenso wilden wie durchdachten Mix aus System- und Straßenfußball. Ein Gegner wie Hannover läuft da mit seinen in den oberen Ligen sozialisierten Kickern in eine Falle aus Mentalitätspower und Überraschungsmomenten, weil man nie weiß, was als nächstes passiert. Die Kunst der Sportgemeinschaft muss nun darin bestehen, diese Unausrechenbarkeit auf der einen Seite und die taktische Disziplin auf der anderen beizubehalten, gleichzeitig die handwerklichen Mängel zu reduzieren. Insofern wird das kommende Spiel in Rostock wahrscheinlich das schwerste der bisherigen Partien, weil hier eine Mannschaft wartet, die Dresden von den Grundvoraussetzungen und der Herangehensweise vielleicht am ähnlichsten ist. Hier wird es darauf ankommen, wer den größeren Willen an den Tag legt – dass die SGD von den Haarspitzen bis in die Fußnägel motiviert ist, haben wir erlebt. Und deshalb muss man auch einsehen, dass Marco Hartmann als Antreiber nicht mehr benötigt wird bei seiner wortwörtlichen Verletzlichkeit. Dass der Verein den Mann dringlichst einbinden muss, bleibt dabei außer Frage.
Uwe Stuhrberg

SG Dynamo Dresden vs. Hannover 96 2:0

15. August 2021, Antoß: 20.30 Uhr
Tore: 1:0 Daferner (47.), 2:0 Mai (82.)
Dynamo Dresden: Broll, Akoto (78. Aidonis), Sollbauer, Knipping, C. Löwe, Stark, Schröter, Kade (78. Mai), Mörschel (69. Sohm), Königsdörffer (61. Vlachodimos), Daferner
Ohne Einsatz: Mitryushkin, Diawusie, Will, Hosiner, Stor
Schiedsrichter: Sven Waschitzki
Fans: 13.780
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