Die Show geht weiter

„Mystique“ von Sarrasani kocht auf kleinerer Flamme

Die Navas-Brüder auf dem “Wheel of Death“. Foto: Sarrasani

Sarrasani und Dresden – sie lassen einander wohl nicht mehr los. Seit Hans Stosch-Sarrasani von Radebeul aus den „größten und eleganteste Zelt-Circus Europas“ (Sarrasani-Anzeige von 1902) auf Reisen schickte, ist Sarrasani in der Zirkuswelt ein Begriff. Seine Vision war es, den Zirkus ebenbürtig neben Zwinger und Semperoper in Dresden zu verwurzeln. 1912 konnte er in der Inneren Neustadt ein festes „Circus-Theater“ mit 3.680 Plätzen einweihen. In den Folgejahren gehörten „800 Mitarbeiter, 250 Pferde, 100 Raubtiere, 22 Elefanten und 175 Fahrzeuge“ zu Sarrasani, unter ihnen auch eine "Indianergruppe". 1926/1927 schickte der Prinzipal Artisten mit vielen Tieren in zwei Riesenzelten für je 10.000 Zuschauer zusätzlich zu den Zirkusvorstellungen im festen Haus auf Tournee innerhalb Europas. Nach seinem Tod 1934 teilte sich der Zirkus auf und mit der Zerstörung des festen Hauses 1945 gingen seine Frau Trude und der Großteil der Artisten nach Westdeutschland und später nach Argentinien, wo ein Teil des Zirkus Sarrasani überlebte.

In Deutschland hielten Fritz Mey, der Vater des heutigen Chefs, und die Sarrasani-Tochter Hedwig Stosch-Brandt das Erbe lebendig. Und gleich nach der Wende 1990 gastierte Zirkus Sarrasani nach Jahrzehnten wieder in seiner Heimat. Seit 2000 leitet der 1972 geborene André Sarrasani den Traditions- und Familienbetrieb. 2004 kehrte Sarrasani unter seiner Leitung mit der Dinner-Varieté-Show „Trocadero“ nach Dresden zurück, um an die glorreiche Vergangenheit anzuknüpfen. Er hatte den traditionellen Zirkus zu einem Entertainmentunternehmen entwickelt, das unterschiedliche Events von der Großillusion bis zum Dinner-Varieté veranstaltete. Im Zirkuszelt arbeitete er selbst als Magier mit zwei weißen Tigern, seinem Markenzeichen.

Seitdem ist viel Wasser die Elbe hinunter geflossen. Der Zirkus änderte in den letzten Jahrzehnten sein Image und seinen Stil, Tiere sind verpönt und ähnliche Unterhaltungsangebote auch außerhalb der Zirkusarenen nehmen zu. Nach den Anfangsjahren am improvisierten Stellplatz an der Kaufhalle am Straßburger Platz, wo die Familie in einem der dortigen Neubauten auch wohnte, schlug das „Wander“-Unternehmen seine Zelte für die jährlichen Shows am Carolaplatz, am Hauptbahnhof und im Elbepark auf. Im Ringen mit der Stadtverwaltung um einen angemessenen, zukunftsträchtigen Platz kam es 2016 zur Insolvenz. Doch mit der neugegründeten Sarrasani Entertainment GmbH konnte die Familie den Betrieb weiterführen und mit Tochter Satin tritt neben seiner Frau Edit Slavova nun auch schon die nächste Sarrasani-Generation an.

Satin Sarrasani führt in der neuen Dinnershow „Mystique The Art of Illusion“ gemeinsam mit ihrem Vater durch das Programm und verbindet die artistischen Darbietungen und einzelnen Menügänge durch verschiedene Gesangsnummern. Das Bühnenbild und die Ausstattung des Raumes sind schlicht gehalten, es gibt keine Band, kein Ballett und keine weißen Tiger mehr. Dafür sitzen die Besucher:innen dicht am Geschehen, die Artisten geben zwischendurch direkt an den Tischen kleine Kostproben ihres Könnens und die Familie wie die Mitwirkenden stehen nach der Show im gemütlich eingerichteten Foyer zum Austausch über das Erlebte oder einen Schwatz bereit.

Sanft beginnt der Abend mit einer Seifenblasennummer, dramatischer dann zwei Artistinnen aus der Ukraine an Seilen und Schaukeln und aus Italien kommt der Artist mit dem leuchtenden Cyr-Rad. Der Musikclown musste sich anstrengen, das Publikum zum Mitmachen zu bewegen, und auch der Chef selbst zaubert gemeinsam mit den Gästen. Den Trick seiner Spielkartennummer hätte ich gern gewusst, er bot zumindest guten Gesprächsstoff am Tisch, wo man über fast drei Stunden und vier Gänge mit Fremden oder Freunden beieinander sitzt. Mit letzteren oder im Familienkreis macht so eine Dinnershow wohl auch am meisten Spaß.

Der Höhepunkt der Show war vor dem dekorativen und sehr leckeren Dessert die Performance der Navas-Brüder aus Ecuador auf dem “Wheel of Death“. Die mehrmaligen Preisträger des Monte Carlos Circus Festivals agieren in schwindelerregender Höhe und auf rotierenden Rädern ohne Sicherungsseil und doppelten Boden (wie übrigens auch die anderen Artist:innen) und holen zurecht den Beifall des Publikums ab. Zum kleinen Finale sind die Gäste ob des Gebotenen – egal ob aus dem artistischen oder gastronomischen Bereich – zufrieden. Wer möchte, kann noch länger verweilen und sich vom freundlichen Service mit Getränken versorgen lassen.

Für das Personal hinter den Kulissen zeichnet übrigens auch Satin Sarrasani verantwortlich. Nach einem Abstecher zum Studium an der Stage School für Performing Arts Hamburg hat sich die 21-jährige entschieden, in die alte Heimat zurückzukehren und einen verantwortungsvollen Platz in der Artistenfamilie einzunehmen. Sie weiß wohl um den geschichtlichen Mythos des Namens Sarrasani in Dresden, was ihr jedoch keinen Druck macht, sondern eher Ansporn ist für die eigene künstlerische Kreativität. Das Genre Dinnershow als Ort der Kommunikation und des gemeinsamen Erlebens sieht sie dank der Treue der Besucher:innen für die Zukunft gesichert. Zumal an so einem zentralen, schönen Platz wie der  Cockerwiese, der leider nur erst spät von der Stadt zugewiesen wurde, was dem überregionalen Marketing Probleme schaffte. Die Lichter des Zirkuszeltes laden Dresdner und Gäste der Stadt noch bis zum 11. Januar ein.
IsMa

Infos und Tickets: www.sarrasani.de