Drama, Baby!

Auch in Darmstadt gibt es für Dynamo Dresden nichts zu holen

Foto: SGD/Dennis Hetzschold

Von „schwierigen Zeiten“ reden wenn es läuft, ist etwas anderes, als diese zu durchleben. Nun durchleben wir sie also. Und dann geht es auch noch gegen Darmstadt. Da hat man noch immer die Pokal-Heimniederlage der vergangenen Saison im Magen oder, fast schlimmer noch, jenes 3:3, als man auswärts zwei Gegentore in der Nachspielzeit kassierte (remember: drei Treffer von Konrad). Und rückblickend auf die letzten beiden Partien in dieser Runde verhieß mir mein Vorabgefühl nichts Gutes, zumal Tobias Kempe ausgerechnet an diesem Spieltag in die Startelf der Lilien zurückkehrte.

Aufgelaufen wurde wie vor Wochenfrist als Men in Black. Warum eigentlich nicht in Schwarzgelb, wenn es die Heimfarben zulassen? Gibt es neuerdings einen Auswärtstrikotzwang? Nun ja. In meiner letzten Kolumne zum Heidenheim-Spiel, diesmal nur audio im Podcast www.welle1953.net, wünschte ich mir Panagiotis Vlachodimos und Philipp Hosiner mal wieder in der Startelf, sozusagen als Mix-Impfe aus jugendlichem Hurra-Fußball und gestandener Erfahrung. Vlachodimos begann tatsächlich für den zuletzt blassen Heinz Mörschel, Ransford-Yeboah Königsdörffer durfte jedoch ein weiteres Mal ran, obwohl seine Leistungen nicht eben vomhockerhauend waren. Aber Alexander Schmidt will offenbar Leistungssteigerung durch Vertrauen erzeugen. Er sollte auch diesmal enttäuscht werden. Leider.

Die erste Halbzeit: Immer wieder Kempe

Schon in der ersten Minute der erste Versuch aufs Schuhen-Tor: Morris Schröter findet Königsdörffer an der Strafraumgrenze, dessen direkter Schuss gerät aber zu soft, zu überhastet und zu unplaziert. Kurz darauf verliert Königsdörffer den Ball im Vorwärtsgang, was Vlachodimos zum Anti-Konter-Foul „zwingt“. Immerhin – die Sieben zeigt sich und nach fünf Minuten steht es diesmal noch 0:0. Aber, und das gilt für das gesamte Spiel, es gibt außer Christoph Daferner vorn niemanden, der einen Kopfball gewinnen kann. Warum dann immer wieder, wie schon gegen Heidenheim, Kick & Rush ausprobiert wird, bleibt ein Rätsel.

Der erste Akt des Dramas kommt in Minute acht. Will er Schwanensee oder Kung Fu vorführen? – Fabian Schnellhardt trifft Fuß to Face mit ausgestrecktem Bein Yannick Stark zwischen Hals und Kopf und sieht folgerichtig glatt Rot. Der schwarzgelbe Darmstädter geht zu Boden, erholt sich aber nach kurzer Zeit. Weitaus schlimmer kommt es für Vlachodimos. In einem Zweikampf macht er einen Move samt Kniedrehung, der sofort an das Aus von Tim Knipping erinnert. Die Docs mühen sich, Agyemang Diawusie steht draußen bereit. Zwar spielt der Angreifer weiter, doch Zweifel bleiben angesichts der Szene. Aber all das gerät schnell in Vergessenheit, als Sebastian Mai einen Freistoß verursacht, etwa 25 Meter seitlich vor dem eigenen Tor. Da kommt er, der Kempe, wer sonst. Anlauf, Schuss mit Wucht und Schaufel mit Ziel ins linke obere Eck. Der Ball ist lange unterwegs, Kevin Broll sieht ihn kommen und hat ihn sicher. Nicht. Whaaaat? Stand die Sonne hoch? Hat er den Schuss unterschätzt? Das Gefuchtel mit den Handschuhen sieht eher aus, als wollte der Keeper im Winkel eine Spinnwebe rauswischen als den Freistoß zu halten. Schon wieder so ein doofes Tor. #nichtzumaushalten

Und das Drama geht weiter, es wird noch schlimmer. Im nächsten Sprint direkt nach dem Treffer muss Vlachodimos abbrechen, humpelt vom Grün und wird letztendlich mit einer Trage aus dem Stadion getragen. Dabei wäre er im Überzahlgame mit seinem Speed und seinen Überraschungsmomenten so wichtig gewesen. Es steht zu befürchten, dass die Verletzung langwierig wird. Nun kommt also doch Diawusie. (Update: Mit einem Riss des äußeren Kreuzbandes fällt Panagiotis Vlachodimos leider mehrere Monate aus.)

Nach 20 Minuten versuchen beide Mannschaften, Ruhe in ihr Spiel zu bringen. Aber Dynamo bekommt keine Gefahr in die Offensive, während die Lilien auf SGD-Fehler warten. Und die kommen. Erstes „Ergebnis“ ist ein Konter, den Honsak mit einem strammen und knappen Vorbeischuss beendet. Auf der Gegenseite will sich Daferner durchspielen, findet aber mit seinem Pass in die Mitte niemanden. Scheint es nur mir so, dass in der Box mit Hosiner mehr los ist? Habe nur ich gesehen, dass Diawusie vor der Torauslinie einfach mal umgestoßen wurde? War das wirklich ein Offensivfoul von Daferner gegen zwei (!) vor dem Darmstädter Tor? Keine Frage ist hingegen der Tiefschlaf der Dynamo-Defensive, als ein fix gespielter Freistoß über den halben Platz Tietz frei vor Broll auftauchen lässt. Diesmal ist der grüne Goalie aber auf der Hut – wie man es von ihm gewohnt ist. Aber in den tiefen Bällen scheinen die Blauen eine Schwäche ihres Gegenübers entdeckt zu haben.

Bis zur 36. Minute lässt Darmstadt nichts anbrennen, die Abwehr steht dicht wie Osmium. Doch da spielt Daferner an der Sechzehnerlinie über seinen eigenen Kopf hinweg auf Diawusie, der das Auge für seinen freien Kapitän hat. Jetzt stramm rein ins Vergnügen, der Tanz in den Mai ist programmiert. Aber nix da, ohne Fußgefühl drischt dieser überhitzt drüber. Als sich drei Minuten später Paul Will zur Einwechslung bereit macht, glaube ich kurz, Mai müsste gehen, es ist dann aber Morris Schröter, der vor lauter Überforderung vorher kaum aufgefallen war.

Dann sieht Chris Löwe Gelb für einen Allerweltsschubser – herrlich, wie der wieder absolut solide spielende Linksverteidiger angepisst guckt. Und sonst so? Jede Menge brotlose Kunst bei Dresden, Kräfteschonen bei Darmstadt. Dynamo fehlt es einfach am Feintuning, an Gedankenschnelle, an Ballsicherheit vorn … ach, ich könnte jetzt aus den letzten Berichten Copy & Paste machen. Gelb nun auch für Diawusie. Und fast, nur fast, hätte Julius Kade am langen Pfosten einen gut getretenen Ball von Michael Akoto erwischt. Aber eben nur fast. Pause.

Die zweite Halbzeit: Keine feste Burg

Mit Dreierkette und Pascal Sohm für Königsdörffer geht es in den zweiten Durchgang. Man darf vorwegnehmen, dass Sohm in den kommenden 45 Minuten keine Rolle spielen wird, je geradezu unischtbar ist. Immerhin versucht Will, aus gleicher Position wie vorher Mai, ein Tor zu erzielen, allerdings verzieht auch der Rotschpf über das Gebälk. Dafür fällt um ein Haar das 2:0. Wieder Will mittendrin, doch diesmal als Ballverdaddler – prompt läuft der Gegenzug mit Kempe auf Holland, der Broll zur Glanztat zwingt. Kade sieht Gelb wegen eines Knöcheltreffers, den er aber kaum vermeiden konnte. Und Sollbauer hat als letzter Mann wieder so einen Paderborn-Moment drin, der diesmal nicht bestraft wird.

Es entwickelt sich ein intensives Anrennen ohne Aussicht auf Ergebnisse, ein Hakeln und Stochern. Ein schlichter Einwurf und Holland schießt aus 22 Metern. Broll ist wieder da. Es geht manchmal auch einfach. Dann darf Kempe seinen Arbeitstag beenden. Löwe versucht es volley, schmettert aber daneben, Will schießt Schuhen in die Arme. Und immer wieder diese kleinen Schlampigkeiten und Unsicherheiten. Aber etwas mehr Druck kommt jetzt doch von der dynamischen Seite. Die Hoffnung schwillt noch einmal an – da hat Kade schon wieder einen illegalen Fußkontakt und fliegt mit Gelb-Rot vom Platz. Wenn also Dynamo keinen Vorteil aus der Überzahl gezogen hat, ist man nun spielerisch in der Unterzahl? Derweil macht beim SV Ex-Dynamo Erich Berko mit, während Yannick Müller nicht zum Einsatz kommen wird.

Nach 73 Minuten sieht auch Alexander Schmidt, dass Diawusie die offensiven Probleme nicht lösen wird und wechselt den Eingewechselten gegen Hosiner aus. Stark ist dann der dritte Dresdner Spieler, der wegen einer Konterunterbindung Gelb sieht. Aber Hosiner will den Ruck bringen, schlängelt im Slalom durch die Lilien-Defense, bekommt jedoch kurz vor knapp den Fuß nicht mehr dran. Dann flankt Löwe platziert vor die Kiste, wo Hosiner und Daferner gemeinsam zum Kopfball hochsteigen, aber die 33 nickt das Leder auf den gut platzierten Schuhen. Menno! Nun kann es ganz bitter werden: Vier Tore könnte Darmstadt aus sehr guten Positionen in den letzten Minuten erzielen (auch Berko), aber alle scheitern. Die dynamische Verteidigung zeigt sich zwischen Auflösung und Last-Second-Rettung. Dann ist Schluss.

Fazit

Die Mannschaft hat nun erfahren müssen, dass Sturm und Drang plus Wille nicht ausreichen, um gestandene Zweitligateams, die den Aufsteiger aus Dresden nicht unterschätzen, aus dem Stadion zu schießen. Vielleicht ist es nun an der Zeit, gegen die eine oder andere Mannschaft auch mal das Lied „Eine feste Burg“ zu singen: hinten erstmal die Null, vorn mitnehmen, was geht. So gewinnt man in Spielen wie gegen Heidenheim oder Darmstadt vielleicht den einen oder anderen wichtigen Punkt. Und 30 benötigen wir noch. Als Glück im Unglück bleibt, dass die ganz unten weiter verlieren.
Uwe Stuhrberg

SV Darmstadt 98 vs. SG Dynamo Dresden 1:0
19. September 2021, Antoß: 13.30 Uhr

Tor: 1:0 Kempe (14.)

Dynamo Dresden: Broll, Akoto, Sollbauer, Mai, C. Löwe, Stark, Schröter (39. Will), Kade, Königsdörffer, Vlachodimos (17. Diawusie, 73. Hosiner), Daferner

Ohne Einsatz: Mitryushkin, Aidonis, J. Löwe, Mörschel, Giorbelidze

Schiedsrichter: Christian Dingert

Fans: 7.020
www.dynamo-dresden.de