Drauf und dran

Mit einem Kraftakt kann Dynamo Dresden die Zebras niederringen

Foto: SG Dynamo Dresden

Die Statistik ist deutlich: Trainerentlassungen bringen in über 90 Prozent der Fälle nichts. Aber über 90 Prozent sind schließlich nicht 100. Und wenn der Spruch »Dynamo ist anders« nicht nur ein Spruch ist, dann kann die Hoffnung bestehen, dass wir uns mal wieder in diesen positiven Hundertsteln bewegen. Einmal hat das ja schon geklappt, als nach dem Mauksch-Rauswurf jemand kam und in bester Loriot-Manier hätte sagen können: »Mein Name Loose und wir steigen hier auf« – frei nach »Pappa ante portas«.

Das Vorspiel

Nun kam also am Montag Alexander Schmidt nach Dresden. Und sofort ging reflexartig die Diskussion in den Fanforen los – grob zusammengefasst: Kauczinski Supertrainer, Schmidt nur Buddy vom Sportchef. Ich selbst gehöre zu denen, die im Normalfall eher an die oben genannte Statistik glauben, man erinnere sich nur an die bis heute rätselumwobene Entlassung von Uwe Neuhaus. Auch der Wechsel von Walpurgus auf Fiel war kein Gamechanger, der zu Kauczinski wiederum aber schon. Man hat es damals nach zwei Spielen einfach auf dem Platz gesehen. Was in den letzten Wochen aber auch auf dem Platz zu sehen war: Das System Kauczinski hatte irgendwie einen Kolbenfresser – aus Gründen, über die der Autor dieser Zeilen nur mutmaßen kann. Dabei hat man die Abwärtsspirale nicht nur in den letzten vier sieg- und torlosen Spielen gesehen, sondern schon seit dem Pokalaus gegen Darmstadt. Besserung? Nicht in Sicht. So wäre es fahrlässig gewesen, das nicht zu tun, was man eben tun kann. Und dass mit Schmidt ein Trainer kommt, den der Sportchef von früher kennt, wurde von Ralf Becker auch offen so kommuniziert; es war also keine Geheimbündelei, sondern logisch: Bei nur noch sechs Spielen ist eine Beschnupperphase kontraproduktiv. Bei allem bleibt aber die entscheidende Frage: Was kommt bei rum? Eine erste Anwort lieferte der Mittwochabend.

Die erste Halbzeit: Vorm Tor versagt, ein Tor gestohlen

Bei herrlichem Sonnenschein ging es nun in den ersten Nachholer gegen den Meidericher Spiel-Verein. Niklas Kreuzer und Marvin Stefaniak hüteten wieder die Bank, Philipp Hosiner und Sebastian Mai kamen von Beginn an auf den Rasen. Und – schon wieder – Luka Stor. Nun ja, vielleicht hatte der Neucoach eine spezielle Idee für ihn. Hatte er auch. Vorn im Strafraum sollte er verwerten, was über Daferner, Hosiner, Kade oder Will so reinkommt. Eine Kopfballstafette in den ersten Sekunden deutete das schon mal an, allein in den ersten drei Minuten gab es drei ansprechende Angriffsversuche. Was aber noch mehr auffällt: Schwarzgelb verteidigt nicht mehr ab der Mittellinie, sondern jetzt heißt es: Auf sie mit Gebrüll, wo auch immer ein Gestreifter mit dem Ball herumwerkelt. So geriet Duisburg schon am eigenen Strafraum immer wieder unter Stress, machte Fehler und benötigte ein ums andere Mal Stoppelkamp, um wieder in eine offensive Ordnung zu kommen.

Nach sieben Minute hält Kade mal drauf, der Ball wird jedoch zur Ecke geblockt. Für diese schreitet wieder Paul Will zum Fähnchen, Chistoph Daferner köpft allerdings drüber. Das erste Fazit nach zehn Minuten: Es ist etwas passiert im Team der Sportgemeinschaft. Es ziehen noch einmal die Worte des Zorns von Kevin Broll durch das Gedächtnis, da traut man seinen Augen nicht: Mit einem Flachpass lädt das Grünhemd den Gegner zum fröhlichen Toreschießen ein, doch Bouhaddouz trifft nur den Pfosten. Ausgerechnet Broll!, brüllen die Synapsen still ins Fußballherz. Was erlauben Kevin! Andersherum gefragt: Kommt nun auch das Spielglück wieder zurück?

Noch keine 20 Minuten sind gespielt, da reißt es einen vom Stuhl: Der deutlich verbesserte, wenn auch noch nicht wieder ganz starke Yannick Stark erspitzelt sich in der Duisburg-Hälfte den Ball, gibt auf Will, der jetzt ein magisches Dreieck baut: steil auf Daferner, der rechts raus auf Hosiner, der mit Übersicht in den freien Raum vor der MSV-Kiste. Wenn ich hier freier Raum schreibe, dann meine ich weit und breit nur zwei Leute: Stor und Weinkauf. Der SGD-Stürmer läuft mit Übersicht los, muss nur noch mit dem Innenschuh ins rechte untere Eck einschieben. Aber ach, er macht den Timo Werner! Muss man alles kopieren, was in der Champions League so gezeigt wird?

Nach dem Raufen des Haupthaares aber die Erkenntnis: Wenigstens gibt es wieder solche Chancen. Vor der Dresden-Bank nutzt derweil der Trainer jede Gelegenheit, um intensiv einzugreifen und zu korrigieren. Auch Marco Hartmann nimmt sich immer mal jemanden beiseite, um zu flüstern. Was hier noch niemand wusste: Alexander Schmidt hat den verletzten Ex-Kapitän ins Training der Standards einbezogen. Und ein solcher bringt in der 22. Minute die Führung: Eine Will-Corner fliegt exakt auf die Stirn von Tim Knipping, der endlich sein erstes Tor für die SGD erzielt. Doch Referee Asmir Osmanagic verweigert dem Treffer die Anerkennung. Auf der Pressetribüne werden die Zeitlupen gecheckt. Foul? Nichts. Abseits? War ja eine Ecke. Was auch immer der Schiedsrichter gesehen haben mag, es bleibt sein Geheimnis. Und die exklusiven Ansichten auf diverse Situationen sollten sich fortsetzen – gern auch dann, wenn die Gäste mit Gebrüll zu Boden gehen. Nebenbei: Komischerweise findet sich die Szene mit dem Torklau weder in der Zusammenfassung von Magenta noch in der des MDR.

Überhaupt kommt von der Ruhrpott-Seite nicht allzu viel, und wenn, dann ist es Moritz Stoppelkamp. Der Mann ist ein wahrhaftiger Unterschiedsspieler: kaum vom Ball zu trennen, agiert er mit großer Übersicht, jede seiner Flanken, jeder seiner Standards kann Torgefahr auslösen. Genau nach einer halben Stunde kommt wieder so ein scharfer Ball in den SGD-Sechzehner; der jedoch geht an den eigenen Mannen knapp vorbei, landet aber am Oberkörper von Sebastian Mai, der so fast ein Eigentor schultert. Mit einer Megareaktion verhindert der vorhin noch patzende Broll den Gegentreffer. Hier übersieht der Schiedsrichter allerdings, wie der kurz zuvor gelbverwarnte Mai böse weggegrätscht wird: Ecke statt Freistoß.

In der letzten Viertelstunde vor der Pause beruhigt sich das Spiel etwas, ohne wirklich ruhig zu sein. Der immer stärker werdende Chris Löwe haut einen Freistoß aus guter Position in die Mauer, Stoppelkamp ballert aus 30 Metern drüber, Stor kann einen sehr guten Pass in die Tiefe nicht erlaufen, später kassiert er kurz vor dem Pfiff Gelb. Wenn es mit den Einwechslungen wieder rationaler laufen sollte als zuletzt, wird er zur zweiten Hälfte nicht wiederkommen. Ihm fehlt es zu oft am Handwerklichen und ebenso am taktischen Verhalten. Wenn Stor zum Beispiel mal wieder an der Seitenlinie auftaucht, hört man die Rufe seines Kapitäns »Luka, Luka«, gefolgt vom Handzeichen »nach vorn«. Zwar setzt sich der Stürmer zweimal im Eins-gegen-Eins gut durch, tunnelt gar den Gegenspieler, macht aber danach alles wieder zunichte. Es ist irgendwie ein großes Missverständnis.

Die zweite Halbzeit: Eine Flanke zur Auferstehung

Es kommt Agyemang Diawusie für Stor. Und der Berliner Junge legt auch sofort los, hat in sechs Minuten drei gute Aktionen. Dann wieder einer dieser langen Einwürfe von Mai – Will nimmt die Kopfballabwehr direkt und mit Wucht, trifft aber nur den Gegenmann. Es ist die letzte Aktion des Rotschopfes, für den Niklas Kreuzer weiterspielt. In der 55. zieht der formverbesserte Julius Kade einmal mehr über den halben Platz und kann nur regelwidrig gestoppt werden. Und auch wenn die folgende Flachpass-Freistoßvariante knapp nicht funktioniert, so erinnert sie doch an die Variabilität eines Marco Hartmann. Derweil schlängelt sich Diawusie gegen drei fast an den Fünfer, fällt dann aber um.

»Wir wollen die Qualität der Bank nutzen«, meinte Alexander Schmidt, und so bringt er in der 61. Minute Panagiotis Vlachodimos für Hosiner, der als verkappte Zehn extrem fleißg war, aber so kaum in die Nähe des Tores kam. Das hohe Pressing der Schwarzgelben wird nach einer reichlichen Stunde zwar noch immer praktiziert, man merkt aber langsam, wie kräfteraubend der erste Durchgang war. Immer mal wieder kommt Duisburg durch, und Stoppelkamp hat dabei fast immer die Füße im Spiel. Doch da zieht auf einmal Vlachodimos an der linken Außenbahn auf und davon, rein in den Sechzehner, jetzt abziehen, doch er verpasst den richtigen Moment. So wird der Winkel zu spitz und sein Steckpass auf den mitgeeilten Daferner abgefangen.

Es sind noch reichlich 20 Minuten, da drückt Broll die Repeat-Taste in seinem Fehlermodus. Ein zweites Mal spielt er den Ball flach und direkt in die Füße der Zebras, diesmal ist es Vermeij, der vergibt. Gönntschblödewern! Wird der Goalie nach dem Spiel eine Rede an sich selbst halten? Auf der anderen Seite veranstaltet Vlachodimos einen Tanzkurs vor dem Duisburg-Tor, kann aber letztendlich nicht finalisieren. Ohne Frage sind die beiden Dauer-Draußies Diawusie und Vlachodimos drin in diesem Spiel, es mangelt vielleicht noch etwas am Selbstvertrauen in die eigene Aktion. Es wärmt jedoch das Herz, dass es ausgerechnet diese beiden sind, die die Spielentscheidung herbeiführen.

Und so passiert es: Diawusie nimmt einen Heber mit der Schuhpitze an und legt den Ball geschickt am Gegenspieler vorbei, erläuft sich so den Platz und die Sekunde, um zu warten, bis Vlachodimos Richtung Grundlinie läuft. Der Pass kommt genau in den Fuß der Sieben, die jetzt mit langen Schritten Speed auf kurzer Strecke macht und einen knallharten Pass nach innen bringt, wo am Kurzen der heranstürmende Daferner den Ball ins Tor stürzt. Ein Tor! Ein Tor! Ein Königreich für ein Tor! Waren es nun 514 oder 515 trefferfreie Minuten – jetzt ist es egal, der Bann ist gebrochen. Zwei Dinge sind zudem an der Situation bemerkenswert. Erstens, wie es aus Christoph Daferner herausbricht, wie er jetzt Berge einstampfen könnte. Er macht den Knierutscher, fällt auf den Rasen und haut mehrfach mit der Hand in die Halme, bevor die Jubeltraube über ihn hereinbricht. In diese brüllt dann Knipping von oben hinein: "Wir kriegen kein Gegentor". Zweitens interessant: Alexander Schmidt bleibt ziemlich cool, jubelt nicht groß ab, sondern gibt sofort Anweisungen über Kreuzer wie es weitergehen soll.

Für die letzten elf Minuten kommt der 19-jährige Jonas Kühn für den abgekämpften Chris Löwe – nahtlos knüpft der Youngster an die Aufräumarbeiten seines Senior-Kollegen an. Mit Willen, Feuer und Konzentration bringt Dynamo nun die knappe Führung über die Zeit. Am Ende feiert ein erschöpfter Haufen den so wichtigen Heimsieg.

Fazit

Die SGD-Parole war auf den Gegner bezogen ganz offensichtlich: Drauf und dran! Auch wenn noch nicht alles Gold war, was Schwarzgelb trug, sah man hier wieder eine Sportgemeinschaft, die sich ihren Namen verdient hat. Der neue Trainer bringt eine neue Grundagressivität auf den Rasen, die mehr Druck und vor allem wieder mehr Situationen vor des Gegners Tor erzeugt. Es waren alle Spieler – mit Ausnahme von Luka Stor und Kevin Broll – besser als zuletzt; vor allem die gezeigte Bereitschaft war bis unter das Stadiondach spürbar. Und da tun mir alle leid, die einmal mehr nur vor der Glotze oder am Rechner zusehen konnten. Die drei sehr guten Chancen des MSV entstanden allesamt durch individuelle Patzer, die – vor allem jene von Broll – vermeidbar sein sollten. Man darf gespannt sein, wie sich die kraftraubende Taktik durch die kommende enge Spieletaktung durchziehen lässt, aber es ist gut zu wissen, dass der gesamte Kader wieder das Vertrauen des Coaches genießt. Zudem wird der eine oder andere verletzte Spieler schon sehr bald zurückkehren. Nun geht es gegen Uerdingen um die Rückkehr an die Spitze. Leider wird es im Vorfeld wieder jede Menge Erinnerungen an das 1986er-Trauma geben. Und das kotzt mich jetzt schon an.
Uwe Stuhrberg

SG Dynamo Dresden vs. MSV Duisburg 1:0

28. April 2021, Anstoß: 19 Uhr
Tor: 1:0 Daferner (77.)
Dynamo Dresden: Broll, Ehlers, Mai, Knipping, C. Löwe (79. Kühn), Kade, Stark, Will (53. Kreuzer), Daferner, Hosiner (61. Vlachodimos), Stor (46. Diawusie)
Ohne Einsatz: Kiefer, J. Löwe, Stefaniak
Zuschauer: 0
Schiedsrichter: Asmir Osmanagic
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