Drecksch

Ein Männel ist beim Sieg im Schacht der 12. Mann bei Dynamo

Foto: SG Dynamo Dresden

Auch im Fußball gibt es Dinge, die wichtiger sind als der Fußball. Dass der Tod in den letzten Tagen gleich drei wichtige Menschen aus den Reihen der Sportgemeinschaft herausgerissen hat, lässt das Spielgeschehen in den Hintergrund treten: Sven Schellenberg, Ehrenratsmitglied und früher im Aufsichtsrat der SGD, und Jugendratsvorsitzender Karsten Reisinger gingen leider viel zu früh, „Dynamo-Omi“ Ingrid Beier verlor nach erfüllten 91 Lebensjahren den Kampf gegen eine schwere Krankheit. Wir ziehen vor allen dreien den Hut in aller Stille. Traurig ist aber auch, dass die Gerüchteköche von der Schwurblerfront mit ihren wirren Behauptungen den Verein regelrecht dazu zwangen klarzustellen, dass Karsten Reisinger nicht nach einer Corona-Impfung verstorben ist. Wenn Wahnsinn schwere Zeiten noch schwieriger macht. – Ist es wirklich so kompliziert, einfach mal die Finger von der Tastatur zu lassen?

Der graue Sonntag zum dritten Advent brachte nun im Erzgebirge ein weiteres Geisterspiel. Atmosphärisch wirkt das wie ein Trainingsspiel auf fremden Platz. Inhaltlich standen die Zeichen natürlich anders. Die Frage aller Fragen: Können die Schwibbbogen-Schnitzer an Dynamo heranrücken oder setzt sich Schwarz-Gelb von Lila ab? Mit einem Dreierketten-Konstrukt versuchten Hensel-Dotchev Dresden zu überraschen, wohl auch aus der Not heraus, denn der uns wohlbekannte Sören Gonther meldete sich coronabedingt ab. Alexander Schmidt tauschte im Starter-Kit nur Luca Herrmann für Julius Kade, der auf der Bank unter anderem neben Rückkehrer Kevin Ehlers saß. Stichwort Bank: Hier war kein einziger gelernter Stürmer zu finden, weder Pascal Sohm noch Philipp Hosiner. Derweil zeigten sich auf dem Platz Michael Sollbauer sowie Brandon Borello mit Maske, beide brachen sich das Nasenbein, der Verteidiger im letzten Spiel, der Stürmer im Training. Gebrochen oder nicht: Wer wohl hier am Ende die Nase vorn haben wird?

Die erste Halbzeit: 2G – gefühlt gefährlich

Anpfiff durch Felix Brych. Der DFB hat immerhin einen seiner Besten entsandt, um beim befürchteten hitzigen Sachsenfight für die Einhaltung des Regelwerks zu sorgen. Aber ohne Fans hielten sich die Überreaktionen auf dem Feld der Ehre in Grenzen. Dafür fand Morris Schröter schon nach 120 Sekunden Christoph Daferner am Männel-Fünfer, doch mit dem Oberschenkel war kein Staat zu machen. Deutlich gefährlicher war da schon der erste Durchbruch von Dimitrij Nazarov, dem Yannick Stark und Michael Sollbauer etwas Freiheit lassen – frei vor Kevin Broll bekommt der Auer den Ball aber nicht am grünen Dynamo-Hulk vorbei.

Schnell ist zu erkennen: Dresden will sich durchkombinieren, Aue mit nur wenigen Zügen über das Feld kommen. Da kommt aber in den ersten 20 Minuten wenig bei rum. Bei einer Ecke semmelt Borello überhastet drüber, Männel fängt Schüsse von Yannick Stark und Chris Löwe. So weit, so nur gefühlt gefährlich. Bis Broll mal wieder einen seiner Abschlagspatzer rausholt, die er so alle paar Spiele dabei hat. Der Ball landet direkt bei Kühne, der aber noch vier, fünf Gelbhemden vor sich hat. Aber a little bit like Messi dribbelt er alle aus, im Strafraum will dann keiner mehr hinlangen und auf einmal steht Jonjic frei vor dem Kasten. Den Ball sieht man schon drin, aber dem Veilchen versagen die Füße. Vorbei. Durchschnaufen.

Jetzt lebt das Spiel nur noch von der Spannung, heißt aus dem Fußballdeutsch übersetzt: Es ist laaaaangweilig. Sollten sich sogenannte „Neutrale“ das Spiel ansehen, haben die längst zu HSV vs. Hansa umgeschaltet. Nach 27 Minuten hat der extrem einsatzbereite Stark Glück, dass er nicht Gelb sieht, aber Brych pfeift zwar konsequent, zieht aber nicht zu zeitig die Kartons. Aber dann endlich mal ein schöner langer Ball auf Ransford Yeboah-Königsdörffer. „Mach‘s alleineeeee!“, will man rufen, aber der Jungspund hatte vielleicht gelesen, dass ich in meiner Betrachtung zum Sieg gegen den KSC für dieses Derby den ersten Treffer für Borello vorhergesagt hatte. Also sucht er den mitgelaufenen Australier, statt selbst abzuschließen. Das klappt leider nicht. Daferner steht noch mal gut, bekommt aber den Ball an die Hand.

Irgendwie ist nun Kevin Broll der Meinung, dass etwas Würze in die laue Spielsuppe gehört. Erst spielt er einen Fehlpass nur wenige Meter von der von der Mittellinie entfernt, dann schießt der Torhüter vollkommen unbedrängt Jonjic an, und nur mit Glück und Spucke resultiert daraus kein Pannentor, dass schon weniger später in Youtube-Compilations wie „Keeper Mega Fails“ zu sehen sein wird. Zu Fuß ist Broll heute nicht gut unterwegs. Ansonsten übt die SGD das Passspiel und Wismut hat nur noch Nazarov. Das nervt dann auch Schröter irgendwann und so legt er den LilaLauneStürmer mal ordentlich am eigenen Sechzehner und sieht Gelb. Den fälligen Freistoß schießt dann – natürlich – schon wieder Nazarov, dabei geht der in diesem Spiel überragende Akoto kurzzeitig durch Stirntreffer k.o. Dann ist Pause, der Pfiff kommt mitten in einem Sturmlaufansatz von Borello – fast wäre er mit seinem Schwung aus dem Stadion gerannt wie einst Forrest Gump. Es riecht nach einem Punkt.

Die zweite Halbzeit: Ein Männlein steht im Walde

Schon nach drei Minuten zeigen die Schachter, wie es gehen kann: Hoch und weit auf Kühne, der stürmt auf Broll zu, aber drei Dynamos hechten hinterher und stopfen die Löcher, stellen zu, so dass die Lücke, die zum Abschluss bleibt von Broll beherrscht werden kann. Der Konter wird nun das Mittel der Erzgebirgler, aber auch ein im Ansatz guter Zwei-gegen-Zwei-Versuch wird am Ende kläglich vergeben. Im Überschwang schubst Königsdörffer den betagten Hochscheidt einfach mal um. So frech ist die Jugend heutzutage!

Eine knappe Stunde ist gespielt, da bricht Schröter endlich mal wieder auf rechts durch, hat eine ganze Weide Platz vor sich und geht bis zur Grundlinie. Fast am kurzen Pfosten angelangt, muss er den Ball nur noch zu Königsdörffer chippen, dessen Fuß schon zuckt, aber die 17 bekommt es nicht hin. Kurz drauf müssen er und Borello raus, dafür kommen Paul Will und Kevin Ehlers. Offensive stärken sieht irgendwie anders aus. Ach ja, die gibt es ja nicht auf der Bank.

Nach einer Stunde sagt sich dann Martin Männel: Was der Kevin Broll heute nicht kann, kann ich heute auch nicht. Einen Rückpass will der Keeper direkt nach außen treten, vergisst dabei aber die Regel aus der F-Jugend: Wenn du Zeit hast, den Ball anzunehmen, dann nimm ihn an. Was auch immer dem Schacht-Einser in den Fuß gefahren ist, der Ball landet direkt beim anlaufenden Königsdörffer, der 20 Meter vor dem Tor losrennt und am rechten Eck des Fünfers flach einnetzt. Die Hosenträger von Männel platzen auf für eine Reise ins Dynamo-Glück. Auftritt des Chores der Wald- und Bergbauarbeiter:

Das Männlein steht im Walde
Auf einem Bein
Und hat auf seinem Haupte
Schwarz Käpplein klein.
Sagt, wer mag das Männlein sein,
Das da steht im Wald’ allein
Mit dem kleinen schwahaharzen Käppelein?


Nun ja, schwarz waren nur die Trikotagen vom Männlein, aber wir wollen mal nicht im Liedgut herumdoktern. Unterm gedachten Käpplein vom Martin wird es auch so schwarz ausgesehen haben. Auf dem Rücken wie ein unglücklicher Käfer liegend weiß er sofort: Diese Szene wird ihn als wiederkehrender Albtraum in vielen kommenden Nächten begleiten.

Nazarov will es jetzt wissen, gleich zweimal taucht er vor Broll auf, scheitert aber jeweils. Heinz Mörschel kommt derweil für den mehr und mehr abtauchenden Herrmann. Noch 20 Minuten sind zu spielen, da geht die Sportgemeinschaft so langsam in den Verwahrmodus. Ball halten, auf die Bremse treten, Zeitlupe einstreuen, nervtötende Zweikämpfe anzetteln und immer mal wieder einfach das Runde wegdreschen. Das geht den Auern auf den Zeiger. Erst rennt Nazarov absichtlich in Sollbauer rein, um einen Freistoß zu schinden, dann zieht er richtig straff via Vollspann aus über 20 Metern ab. Aber Gottseidank hat Broll keine Füße an den Händen.

Mit der Einwechslung von Guram Giorbelidze für Königsdörffer ist es dann endgültig mit der Dresdner Offensive vorbei – sechs gelernte Verteidiger plus zwei Sechser pflügen jetzt den Acker. Daferner kam bisher nicht zum Zuge und kommt es auch nicht mehr. Die Zerhackstückelung der Partie nimmt ihren Lauf – bis es in der 80. Minute zu einer Schrecksekunde kommt. Aus kürzester Entfernung bekommt Sollbauer im eigenen Strafraum den Ball an die Hand, der Arm war nicht im Körper. Aber weder Brych noch die Videothek melden sich, und auch der Protest des Gegners hält sich in Grenzen. Seien wir ehrlich: Würde man das andersherum durchgehen lassen, wäre aber Raddrehen angesagt. Aber hier dreht niemand irgendetwas. So läuft es die letzten zehn Minuten plus die vier Minuten Nachspielzeit fast gefahrlos für die SGD, nur ein Heber knapp über die Latte sorgt für kurzes Synapsenzucken, weil sich Ehlers etwas hüftsteif im Engtanz zeigt. Nur Männel will seinen Fauxpas unbedingt auswetzen, kommt zweimal mit nach vorn und einmal sogar zum Kopfball, aber es ist letztendlich nur noch Verzweiflung. Der Abpfiff klingt in den Ohren wie die schönste aller Sinfonien.

Das Fazit
Das war drecksch. Very dirty. Der dreckigste Sieg aller dreckigen Siege. Im Prinzip gewinnt Dynamo Dresden mit nur einer richtigen Torchance und hat das ganze Spielglück, das der Mannschaft wochenlang fehlte, offensichtlich für diesen Auswärtssieg angespart. Der am Boden zerstörte Marc Hensel konnte einem fast leidtun, wie er vor den Kameras gefühlt knapp vor dem Seppuku stand. Aber wenn man sich als Dresdner im Schacht die Brötchen verdient, darf man auf kein Mitgefühl hoffen. Okay, ein bisschen dann doch – um der alten Zeiten willen.

Ich habe früher immer mal zur Halbzeit oder nach dem Spielende mit Ingrid Beier Blitzanalysen ausgetauscht. Niemand solle denken, dass die betagte Dame nur ein putziges Maskottchen gewesen sei. Sie konnte durchaus auch hart mit „ihren Jungs“ ins Gericht gehen. Nach der Schlacht im Schacht hätte sie wahrscheinlich nur erleichtert abgewunken, die Backen ein wenig aufgeblasen und verschmitzt davor gewarnt, was wohl nach einem weiteren Sieg in Ingolstadt passieren würde: „Dann reden alle wieder vom Aufstieg.“ Und wenn man die Zahlen nüchtern betrachtet, scheint das (für den Moment!) nicht gänzlich abwegig – da der HSV und Schalke 04 gegeneinander antreten, sind es nur vier Punkte Abstand, wenn es dort einen Sieger gibt, Dynamo hätte bei einem Sieg 25. Aber das liegt alles im Reich der Vermutungen und Vorahnungen. In der Realität stehen zum Ende der Hinrunde 22 Punkte von 40 notwendigen und damit acht Zähler Abstand zur Abstiegsrelegation. Das ist deutlich besser, als man es in der Talsohle der Niederlagenserie erhoffen konnte, dass unten drin alle fein „mitspielten“ half natürlich auch. Apropos erhoffen: Wenn am letzten Spieltag das Re-Match mit den Verstrahlten ansteht, ist ein volles Haus vielleicht wieder möglich. Und sollten dann am Ende trotz eines zweiten Dynamo-Sieges beide drin bleiben und die Maggis hochkommen, stünde einer famosen Saison 2022/23 nichts mehr im Wege.
Uwe Stuhrberg

Erzgebirge Aue vs. SG Dynamo Dresden 0:1

12. Dezember 2021, Anstoß: 13.30 Uhr
Tor: 0:1 Königsdörffer (61.)
Dynmamo Dresden: Broll, Becker, Sollbauer, Akoto, Löwe, Stark, Herrmann, Schröter, Königsdörffer, Borello, Daferner
Ohne Einsatz: Mitryushkin, Mai, Kade, Seo, Weihrauch
Schiedsrichter: Felix Brych
Fans: 0
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