Ein Fest fürs Leben
Frida Kahlo bespielt den Semperopern-Sommer: »Viva la Vida« zeigt die schmerzensreiche Künstlerin fast ohne ihre Kunst
Das Leben der Frida Kahlo klingt wie ein Roman: Tochter einer mexikanischen Mutter und eines aus Deutschland ausgewanderten Kunstfotografen, früh an Kinderlähmung erkrankt, als 18-Jährige bei einem Busunfall schwer verletzt, daraufhin lange ans Bett gefesselt, was sie zum Malen brachte. Sie schuf zahlreiche Selbstporträts als Ausdruck ihrer Einsamkeit und stürzte sich in eine emotional aufreibende Beziehung mit dem damals schon berühmten, deutlich älteren Maler Diego Rivera, dessen Untreue ihr zeitlebens zu schaffen machte. Fluchtpunkte suchte und fand sie in Liaisons mit der Tänzerin Josephine Baker, mit dem russischen Revolutionär Leo Trotzki und anderen. Die Tragik hielt sie in Bewegung, glücklich war sie damit nicht, aber voller Sehnsucht.
Das Leben der Frida Kahlo ist vielfach beschrieben, verfilmt und auf Theaterbühnen gebracht worden. Es ausgerechnet im Tanztheater darzustellen ist - gerade angesichts ihrer körperlichen Gebrechen - ein enormes Wagnis. Der katalanische Choreograf Enrique Gasa Valga hat es dennoch gewagt. Gemeinsam mit großartigen Tänzerinnen und Tänzern der nach ihm benannten Dance Company sowie einer mitreißenden Band ist es ihm in faszinierender Weise gelungen.
Gewiss, es ist ein kommerzielles Gastspiel, eine Show, die jüngst in Hannover startete, nun für knapp zwei Wochen in der Semperoper gastiert und zum Jahreswechsel nach Hamburg sowie Stuttgart touren wird. Von Frida Kahlos aus Einsamkeit, Schmerz und Enttäuschung generierter Kunst ist bis auf zwei Ausnahmen nichts zu sehen. Doch auch ihre Malerei wurde im Kunstbetrieb rasch kommerzialisiert, in kaum einer Notiz über das Schicksal der mit nur 47 Jahren gestorbenen Künstlerin fehlt der Hinweis, dass ihr 1940 entstandenes Selbstporträt »El sueño (La cama)« das teuerste je versteigerte Bild einer Frau gewesen ist (ca. 48 Millionen Euro). Frida Kahlo wurde zur Ikone stilisiert, wie groß das Interesse an ihr ist, beweist der Ansturm auf diese Show.
Selbst in Publikum gab es sichtbare Hinweise auf Kahlo und ihre Selbstdarstellung, Blüten und bunte Tücher im Haar, Kopien ihrer Porträts auf Kleidern und T-Shirts; fehlten nur noch markante Augenbrauen und Oberlippenbärtchen. Auf der Bühne gab es solche Zitate zuhauf, ohne Frida Kahlo freilich kopieren zu wollen. Atmosphärisch wurde das Blaue Haus angedeutet, in dem sie den größten Teil ihres Lebens verbracht hatte. Mit Musik, Accessoires und Kostümen (Ausstattung: Helfried Lauckner und Birgit Edelbauer-Heiss) wurde mexikanische Stimmung suggeriert, für spätere Stationen Paris und New York genügten stimmige Einblendungen sowie Musette und Charleston.
Für Opulenz sorgten aber nicht nur Folkloristik und Kolorit, sondern vor allem die visuellen Eindrücke der Company. Die Damen und Herren beherrschen unterschiedlichste Tanzstile, geschult an klassischem Ballett und Tanztheater, ergänzt mit Einlagen von Stepptanz und Shuffle Dance. Die Titelfigur Frida Kahlo ist gedoppelt, wird von Lara Brandi und Alice Amorotti in aller Lebenslust und Todessehnsucht verkörpert, aufgesplittet in ein reales und ein quasi gemaltes Wesen, in Innen- und Außenwelt. Wie sie über die Bühne geradezu fliegen, scheinbar körperlos und dennoch voller Körperbeherrschung, ist mitunter atemraubend. Nur zu verständlich, dass Diego Rivera ihr verfallen ist, unfähig zu spüren, wie seine obsessive Gier nach schönen Frauen ihr größtes Leid zufügen musste. Gabriel Marseglia spielt diesen Macho äußerst vital, mal eher sportiv, mal hoch emotional.
»Es gab zwei große Unfälle in meinem Leben«, soll Frida Kahlo gesagt haben, »Einer war der Bus, der andere war Diego. Diego war mit Abstand der schlimmste.« Zumal der selbst vor Fridas Schwester Christina nicht halt machte, die von Camilla Danesi gleichsam unschuldig-schuldbewusst verkörpert wird. Sämtliche Soli, darunter besonders hinreißend Oumy Cisse als Josephine Baker sowie Sayumi Nishii als Tod, fügen sich kongenial ein in das energiegeladene Gesamtensemble.
Musikalisch trägt eine spielfreudige Band um Roberto Tubaro durch den von Greta Marcolongo hinreißend besungenen Abend. Ein Mix aus Bolero und Tango, Kurt Weill und Folklore sorgt für lateinamerikanisch hitzige Stimmung. Es lebe das Leben!
Michael Ernst
Viva la Vida - A Tribute to Frida Kahlo bis 26. Juli an der Semperoper
