Eine Reise durch die Zeit

Vorn wenig, hinten dicht: Dynamo Dresden besiegt Darmstadt im ersten Heimspiel der Saison

Ich bin Berufsskeptiker und Hoffnungspessimist: Rechne mit dem Schlimmsten und wünsche das Beste. Das Auftaktprogramm im Blick, war meine Ahnung vor Saisonbeginn: fünf Punkte in den ersten fünf Spielen, dann kommt die SGD ins Rollen. Der vergurkte Opener in der Würstchenstadt befeuerte meine gedankliche Vorausschau, wobei sich mir eine Frage stellte: Warum ließ man Mohamed Alì Zoma derart schalten und walten. Da schien mir in der Vorbereitung etwas durch die Lappen gegangen zu sein. Denn hat man einen solchen Leuchtturm beim Gegner, muss der doppelt und dreifach abgesichert werden. Ich erinnere mich an Ähnliches bei der letzten Heimniederlage gegen die Maggies, als Baris Atik auf derselben Position machen durfte, was er wollte. Seien wir ehrlich: Ohne den hochgehandelten Stürmer war Nürnberg auch nicht gerade eine Übermannschaft. Aber was soll’s: abhaken. 
Und dann beginnt der zweite Spieltag. Mannschaften gewinnen auf einmal, die Tage vorher noch sang- und klanglos untergingen. Ein gutes Vorzeichen für das Heimspiel gegen Darmstadt? „Definitely maybe“ singen die Gallaghers in meinem Gedankenpalast.

Die erste Halbzeit: Scoring & Boring

Erstmal eine feine 1953er-Choreo über die Ränder des Blocks hinaus, dazu scheint eine feine Nachmittagssonne nach dem angenehmen Regenguss. Der neue Rasen leuchtet saftig grün. Den Anstoß hat Dynamo, in den ersten 45 Minuten wird Richtung K gespielt. Für Jakob Lemmer schickt Thomas Stamm Kaan Inanoglu in die Startelf; der Texaner feiert just am Spieltag seinen 21. Geburtstag. Weil diesmal nicht die erste Chance nach wenigen Sekunden zu erleben ist, gibt es nach eineinhalb Minuten erstmal Schnipselregen. Kaum ist das Papier verflogen hat Schwarzgelb die erste Möglichkeit: Vincent Vermeij auf Ben Bobzien, der Abwehrabstauber von Alexander Rossipal wird aber auch geblockt. Nun ist jedoch die Roadmap aufgezeigt: Geht es fix durch die Reihen, bekommt Darmstadt Probleme. Zudem zeigen die Hessen erste Unsicherheiten, wenn der Druck hochgehalten wird.

Fix durch die Riehen? Bitte sehr. Inanoglu bekommt nach zwölf Minuten nahe der Mittelinie den Ball von hinten raus und bleibt auch gegen zwei SVler stabil, noch im Fallen passt er zu Niklas Hauptmann, der unverzüglich weitergibt auf Jonas Sterner, der fernab seiner Position mittig durchläuft. Folgt er einer Vorahnung? Ist das trainiert? Oder gar beides? Vermeij spielt mit, geht auf außen, bekommt das Leder und macht one-touch den Doppelpass mit Sterner komplett. Der hat nur noch Schuhen vor sich und schlenzt scharf und mit Blick links unten ins Netz. Da geht das Stadion gleich mal aus den Socken, Sterner geht steil und der Klassenerhalt scheint gefühlt schon jetzt greifbar nahe. Die Darm-Defensive wiederum hätte sich auch gleich auf die Ränge setzten können, denn zuschauen war das Motto bis hierhin.

Vier Minuten später dann mal wieder Bobzien mittig an der Strafraumkante. Er zögert aber eine halbe Sekunde zuviel, abgefälscht. Aber das Zentrum als Schwachstelle der Gäste wird nun immer wieder mal bespielt. Jedoch fehlt bei Dynamo die letzte Entschlossenheit und dem SV gehen die fußballerischen Grundlagen abhanden. So hat jeder mal den Ball für fünf Minuten, spielt um den gegnerischen Strafraum herum bis zum Ballverlust, dann das Ganze andersherum. Der sprichwörtliche neutrale Fußballfan würde sich ziemlich langweilen. Für alle Beteiligten lebt das Spiel natürlich von der Spannung. Ja ja, immer diese Sprüche.

Doch dann eine gelbe Karte! Ein Ereignis! Leider für Thomas Keller, der getreten haben soll. Really? Habe ich nicht so gesehen. Wir gehen wieder in den Halbschlafmodus, während die SGD eine Reise durch die Zeit beginnt. Man segelt durch die Spielminuten, hat den Ball, holt ihn sich, wenn die anderen ihn mal haben. Alle Bemühungen der Blauen werden zunichte gemacht, mal mit der Hacke, mal mit dem Kopf, dann wieder mit dem Restkörper. Wenn man selbst den Ball hat, kann nichts passieren. Und Standards? Vergiss es! Kurz vor der Halbzeit doch ein Schreckmoment: Bobzien mit einem Hauch von Berührung vor dem eigenen Sechzehner, der Referee wertet das als Foul. Die Situation eigentlich gut, aber der Schuss derart schlecht, dass Wagner nur einen Hopser benötigt, um mit dem Knie zu klären. Pause.

Die zweite Halbzeit: Gelassen über die Ziellinie

Keine zwei Minuten sind in der angebrochenen Halbzeit gespielt, da raucht es wieder vor dem Darmstädter Tor. Wir erinnern uns: Die kriegen Probleme, wenn es schnell geht. Bobzien leitet ein und hat einen idealen Laufweg auf die andere Seite und bekommt den Ball von Vermeij zurück. Dann aber ist der Winkel zu spitz und die Nummer 20 hat nur noch die Wahl, es mit Gewalt in die Kurze zu probieren, doch der Goalie ist zur Stelle, den zweiten Versuch verpasst Vermeij um eine Schuhspitze. Niklas Hauptmann dann mit seinem klassischen Queerläufer, doch sein Schlenzer geht einen Meter am Knick vorbei, währen der K-Block um Martin trauert.

Dann geht es in den Zeitraube-Modus zurück. Und das ist defensiv wirklich gut gespielt. Die Kette Sterner, Keller, Müller, Rossipal hält mit einem gesunden Mix aus Vorausschau, Körperlichkeit und Spielwitz. Etwas Durcheinander dann aber doch bei einem eigentlich wieder schwach getreteten Freistoß von Darmstadt, bei dem auf beiden Seiten etwas Hand dabei war – beides aber kaum strafwürdig. Selbst ein kleines Standardfestival können die Gäste zu rein überhaupt nichts nutzen. Im Gegenzug kann Wagner einen Grundlinien-Durchbruch nicht sinnvoll verwerten und Hauptmann verdaddelt im Vorwärtsgang gleich zwei Kontergelegenheiten. Aber hey, es steht 1:0 und die Minuten verinnen. Nur einmal, knapp 70 Minuten sind rum, die Schrecksekunde. Friedrich Müller mit einem zu kurzen Pass an der Außenliniem Kehlfängt ab und Smit hat von links freie Bahn auf Tim Schreiber. Aber auch hier gilt: Bahne frei, Kartoffelbrei – Schreiber stabil auf der Kurzen wie wenige Minuten zuvor sein Gegenüber. 

Der Neckbreaker für den SV drei Minuten später. Wieder einmal vertüddelt Blau den Ball im Mittelfeld – und Hauptmann zieht in den Turbomodus. Klefisch greift nach der Schulter des Dresdner Käptns, bringt ihn zu Fall und sieht Gelb. Hätte er eine knappe Viertelstunde vorher nicht schon wegen Herummaulen Gelb gesehene, wäre nichts passiert – so aber muss er die Wiese verlassen.

Das war es im Prinzip. Keller versucht es aus 18 Metern, einige Ansätze sind noch zu sehen und der eingewechselte Lemmer holt einen richtig guten aus der Distanz raus, den Schuhen mit Ach und Krach an den Pfosten lenkt. Ansonsten scheuen die Dynamischen allzu viel Dynamik, gehen null Risiko und bringen die drei Punkte unaufgeregt über die Ziellinie in einem Spiel ohne Abseits. Und in einem Spiel in dem keiner herausragte, in dem das Team der Star war. Eine Zeitreise mit Happy End. Nur das Toreschießen sollte noch ausgebaut werden. Aber meckern nach einem Dreier ist auch schon Luxus. Noch 37 Punkte zu gehen. Nicht zu vergessen: Lars Bünning war in der Schüssel!
Uwe Stuhrberg

SG Dynamo Dresden vs SV Darmstadt
16. August 2027
Anstoß: 13.30
Tor: 1:0 Sterner (12.)
Dynamo Dresden: Schreiber, Sterner, Keller, Müller, Rossipal, Rapp (79. Hermann), Wagner, Hauptmann (79. Boeder), Inanoglu (79. Lemmer), Bobzien (89. Fröling), Vermeij
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