Ergebnis schlägt Erlebnis

Gegen Verl gewinnt Dynamo auch zu Hause

Foto: SG Dynamo Dresden

Wenn das Wort Verlieren schon zur Hälfte im Vereinsnamen steckt, ist das ja schon mal blöd. Trotzdem gingen ganze Sieben auf einen Streich nach Dresden auf Tour, um das Banner ihres Fanclubs „Curia Verl“ auch in der Ferne zu zeigen. Geholfen hat es nicht, die Ostwestfalen aus dem Bielefelder Umland mussten mit einer Niederlage die weite Heimreise antreten. Dafür erlebte das dynamische Publikum den ungewohnten Flash eines Heimsieges. So fühlt das also an!?

Da wir nun gerade drei Spiele in sieben Tagen haben und es ja morgen schon wieder soweit ist, wollen wir die Sache diesmal nicht auswalzen, denn wahnsinnig viel hat sich zum Sieg an der Saale nicht getan, die zählbaren Ereignisse zeigen sogar eine gewisse Duplizität auf: Das erste Tor fällt kurz vor der Pause, das zweite in der paarundsiebzigsten Minute. Wenn das so weitergeht, haben wir etwa am 13. Spieltag die 40 Punkte beisammen, die Verl in der letzten Saison für den Klassenerhalt benötigte. Nur mal so. Pessimismus ist mein zweiter Vorname.

Die erste Halbzeit: Arslan meiert die Führung

Was war los? Julius Kade meldete sich verletzt ab, was den Halle-Torschützen Patrick Weihrauch in die Startelf brachte, Stefan Kutschke tauschte mit Manuel Schäffler die Bank gegen den Rasen. Nach einem Trauermoment für den verstorbenen Wolfgang Haustein geht es los. Die ersten Sekunden prägt Dennis Borkowski – es sind noch keine zwei Minuten vergangen, da ist die Neun an zwei aussichtsreichen Angriffen beteiligt, die er aber ebenso schnell beerdigt. Erst will er gegen drei Mann durch, danach misslingt eine Ballannahme. Und dann sind es – wie so oft – die verflixten fehlenden Zentimeter: Kutschke mit dem Kopf nach Ecke, Arslan abgefälscht neben den Pfosten, Kammerknecht nach Ecke drüber, Conteh knapp abgedrängt. Ein Raunen schließlich in der 16. Minute, als Weihrauch und Borkowski einen Eckball á la Robbery versuchen: Flach und volley saust das Leder in hauchzarter Knäppe am linken Holz vorbei. Direkt danach muss Referee Florian Heft eine Bastelstunde einlegen, da es seiner Funkstation an Haftung mangelt. Schäffler holt an der Dresdner Bank das Gaffa raus und fixt.

Jetzt wird das Spiel etwas langweilig, wobei auffällt, dass Christian Conteh im Rückwärtsgang immer mal wieder Laufduelle verliert und Will eine zeitige Gelbe sieht, die ich nicht gegeben hätte. Für mich als Nicht-Nichtparteiischen war es kein Foul. Jonathan Meier wiederum glänzt ein paar Mal im Eins-gegen-Eins, flink lässt er auch mal vier Verler in Serie stehen. Das nehmen die Zebra-behemdeten vielleicht persönlich. Gefühlt 20 Minuten spielen sie jetzt hinten rum: IV zum TW, der zum anderen IV, der zum TW, der zum anderen IV … Schwarz-Gelb winkt zum Aufrücken, da kommt der lange Ball, fix vor den Strafraum gespielt und schon klatscht das Ding an die Latte – Stefan Drljaca fliegt, wäre aber nicht drangekommen. So schnell kann es gehen, schwant es.

Und jetzt wird es nach einer halben Stunde doch noch ereignisreich. Arslan schießt aus der Ferne ein Tor, das nicht gilt, weil der Schiri ein Zupfen gesehen haben will. Da hätte die Dresdner Sechs auch eine Gelbe sehen können. Rot kassiert dafür nur fünf Minuten später Sapina, als er bei einer Rutschpartie mit der Sohle Tim Knippings Fuß erwischt. Das war sicher keine brutale Absicht, sondern eher ein Missgeschick, aber das kurze Zittern um das Wohl und Wehe des Dynamo-Käptns war stadionweit spürbar.

Mit der Überzahl kann Dresden aber erstmal nichts anfangen, Verl spielt einfach weiter wie bisher. Man hat schon mit einer torlosen ersten Hälfte gerechnet, da hat Meier noch eine Flanke im Fuß: Weit segelt das Ding und landet genau auf der Fünferlinie, wohin sich Arslan geschlichen hat, um ohne Gegenwehr aus dem Lauf ins Netz zu ballern. Füüüüüührung! Schon wieder! Nicht zum Aushalten! Ich brauche eine Pause. Pfiff.

Die zweite Halbzeit: Die Innenverteidigung finalisiert

Auch der zweite Durchgang beginnt sturmläufig. Conteh mal eben solo über den Platz mit Wucht und Speed, aber wieder scheitert er an den letzten Metern: lasches Schüsschen, schlechter Pass oder Festfahren schlagen diesmal am Ende zu Buche. Wenn Borkowski und Conteh ihre Abschlussarbeiten besser in den Griff bekommen, kann Dresden eine echte Flügelzange aufbieten. Aber da ist wohl noch einiges an Training zu leisten.

In Minute 52 haben Borkowski und Arslan dann fertig, Schäffler und Stark kommen. Hashtag: Belastungssteuerung in der englischen Woche. Schäffler erzielt aus größerer Entfernung auch gleich ein Tor, dass aber wegen Abseits nicht auf der Anzeigetafel erscheint. Doch die SGD hat jetzt hier klar das Sagen und in der Kabine offensichtlich das richtige Rezept bekommen, wie man die Überzahl besser auf den Rasen bekommt. Innerhalb von nur zwei Minuten scheitern Schäffler und Kutschke knapp am Verler Schlussmann Thiede, dann wieder läuft Conteh allen davon, sieht Kutschke, der jedoch am Fünfer Rücken bekommt und weit drüber semmelt. Das zweite Tor muss jetzt kommen! Aber erstmal geht Conteh. Er fällt um, bleibt sitzen, wird gecheckt und ausgewechselt. Gegen Köln wird er wohl fehlen. Als Ersatz darf Kevin Ehlers ran, was Melichenko mehr Raum nach vorn bietet.

Es wird nun fahrlässig, was Dynamo mit seiner Überlegenheit nicht anstellt. Schäffler kontert mit Sololauf und verschießt, Weihrauch hat einen hübschen Freistoß im Fuß, gehalten. Apropos Weihrauch: Der zeigt diesmal ungeahnte Qualitäten auch in der Defensive, ebenso beim Austeilen und Einstecken und bildet ein gutes Duo mit dem etwas robusteren Paul Will, der zwar einige Stockfehler zeigt, aber auch wieder seine besonderen Balleroberungen. Zudem bringt Wills 87. Ecke die Entscheidung: Der Ball landet in der 75. Minute in einem Getümmel vor dem Tor, aus dem heraus Knipping das Auge für seinen IV-Kollegen Claudio Kammerknecht hat – kurzer Pass nach links und der Weg ist frei. Zweizunull, Ende Gelände. Und dieses Tor der neuen 15 ist auch deshalb gerecht, weil Kammerknecht ein wirklich sehr gutes Spiel abgeliefert hat. Und fast hätten Melichenko oder Kutschke noch das dritte Tor geköpft.

Der Rest ist Verwaltung des Vorsprungs und Sicherung der Null. Die letzten fünf Minuten dürfen Kulke und Harres noch ran für Weihrauch und Kutschke, was aber nur für die Statistik und die Eingewöhnung eine Rolle spielt. Unter enormen Jubel im ganzen Stadion geht der Schlusspfiff fast unter.

Das Fazit: Wie beim HFC war es ein Spiel, dass ebenso erfolgreich wie auch schwer anzusehen war. Insofern siegt das Ergebnis über das Erlebnis.

Zum Support: Wenn ich schon hin und wieder am K herummäkele, dann will ich auch mal eine Lanze brechen – die Unterstützung war großartig, geradlinig und fast durchgehend. Allerdings war die Beteiligung des „Rest“-Ovals diesmal nicht so pralle, ob das am Afterwork-Zeitpunkt der Begegnung lag, muss jeder bei sich selbst erforschen. Eine Frage bliebt jedoch: Wann bekommt Tim Knipping beim Verlesen der Aufstellung den „Fußballgott“?

Ganz zum Schluss noch eine Idee zum Regelwerk: Beim Einwurf muss der Spieler, welcher den Ball im Aus zuerst berührt, diesen auch ausführen. Dieses ständige Antäuschen und dann doch Weiterreichen geht mir auf den Sack. So, jetzt ist Feierabend.
Uwe Stuhrberg

SG Dynamo Dresden vs. SC Verl

10. August 2022, Anstoß: 19 Uhr
Tore: 1:0 Arslan (43.), 2:0 Kammerknecht (75.)
Dynamo Dresden: Drljaca, Melichenko, Kammerknecht, Knipping, Meier, Will, Conteh (65. Ehlers), Arslan (52. Stark), Weihrauch (85. Kulke), Borkowski (52. Schäffler), Kutschke (85. Harres)
Ohne Einsatz: Müller, Lehmann, Batista Meier, Shcherbakovski
Fans: 22.399
Schiedsrichter: Florian Heft
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