Es gibt nichts Gutes, außer …
Was vor zwei Jahren als pfiffiger Feldversuch startete, findet seinen festen Platz im Einzelhandel: der Offline Shop
Ja. Manche Dinge muss man im wahrsten Sinne des Wortes »begreifen«. Sie anfassen, beschnuppern, ganz altmodisch in Augenschein nehmen. Was aber, wenn Dinge fast nur noch über große Internetportale erwerbbar sind? Davon weit entfernt – nicht nur namentlich - ist man auf der Königsbrücker Straße im Offline Shop. Schon beim Betreten der smart durchsanierten heiligen Hallen von ehemals Sport Barthel werden (anders als bei Amazon) alle Sinne angesprochen. Linksseitig verströmt das puristische Café Mika verführerischen Kaffeeduft, rechtsseitig wird dem Auge gehudigt: mit dem allerlieblichsten Schmuck, den knalligsten Pop-Art-Drucken, den originellsten Stickern, Stofftieren und Patchwork-Pullovern. Berühren erlaubt! Das Ganze verbindet die lässige Soundkulisse zu einem kunterbunten Kreativ-Space, der auf offene und direkte Art willkommen heißt.
Hier stammt alles aus der Region oder zumindest aus Deutschland. Gemacht mit Herz und Hand, geordert von Stefanie Zúñiga Chongo und Yvonne Bonfert. Die umtriebigen Frauen sind die führenden Köpfe des Offline Shops. Bereits vor zwei Jahren trieb die Mitdreißigerinnen die Frage um, was könnte regionalen Kunstschaffenden, also kleinen Playern mit geringer Online-Reichweite helfen, sich gewinnbringend zu vermarkten? »Gewieft OFFLINE gehen«, lautete die Antwort.
Gesagt, getan. Im Advent 2023 brachte ein kleiner feiner Pop-up-Store die Hauptstraße mit künstlerischen Ergüssen von sage und schreibe 78 Anbietern zum Funkeln. Die Möglichkeit, neue Künstler und verblüffende Kunstwerke zu entdecken sowie zu erwerben und darüber hinaus lokale Kreative direkt zu unterstützen, erwies sich als sensationelles Konzept. Der Erfolg des Testballons ermutigte das Offline-Team, unverzüglich große Brötchen zu backen. Eine Genossenschaft wurde gegründet, neue Räume gesucht, Ausschau nach innovativen Hand-made-Produkten in ganz Deutschland gehalten.
Hier in der Köni 38, kann sich der Offline Shop seit Mitte November großzügig auf 125 Quadratmetern ausbreiten, lassen 130 KünstlerInnen an ihrem Schaffen teilhaben; mal mit herzlichem Witz, mal mit feministischer Ansage, meist mit traumwandlerischen Gespür fürs Schöne, wie duftige Seifen, anmutige Keramik oder sinnliche Pralinen belegen. Der Weg vom Atelier ins Offline-Regal läuft per Anmietung einer Verkaufsfläche für drei oder sechs Monate. Pro verkauftem Produkt wandert eine Provision an die Genossenschaft.
So auch geschehen bei edlen Holzobjekten, anmutigen Kunstbüchern, frechen Penis-Keksausstechern. Stefanie Zúñiga Chongo und Yvonne Bonfert lassen zufrieden grinsend die Blicke über »ihr« Reich gleiten. »Es ist so toll geworden, weil ein so großes Team dahinter steckt«, erläutert Stefanie die Erfolgsstrategie. »Wir haben Leute, die Ahnung haben von Knowhow, dann wieder welche von Finanzen, von Kunst, von Kultur …«
Und so verwundert es wenig, dass die Offline-Ladys mit ihrem Latein längst nicht am Ende sind. Demnächst beleben eine 3-D-Druckwerkstatt und ein Siebdruck-Atelier den verbliebenen Raum rechts und links der legendären Holztreppe. Auch das Café Mika lockt in Bälde mit kleinen Konzerten, Lesungen und Vorträgen. Frei nach Erich Kästners Lebensmotto: »Es gibt nicht Gutes, außer man tut es«.
Apropos: Kästner nannte dieses Haus ebenfalls eine Zeitlang sein Zuhause – als er ein kleiner Junge war.
Mutti
Offline ShopKönigsbrücker Straße 38, 01099 Dresden, Telefon 0176-72368786, Montag bis Sonnabend 11 bis 19 Uhr
www.offlineshop-dresden.de
Mika one Café Montag bis Sonnabend 11 bis 17 Uhr
