Früher war alles besser? - Weil wir jung gewesen sind.
Wie Literatur zur Oper wird und DDR-Geschichte noch heute perplex machen kann. "Die wunderbaren Jahre" von Torsten Rasch in Semper Zwei
Es ist ein seltener Glücksfall für heutige Komponisten, dass eine neue Oper gleich von zwei Häusern aufgeführt wird. Und ein doppelter Glücksfall für Torsten Rasch, dass ihm die Semperoper (nach »Die andere Frau«, 2022) nun erneut ein Podium bietet. Ab dem 16. Oktober wird sein Stück »Die wunderbaren Jahre« nach dem gleichnamigen Buch von Reiner Kunze als Musiktheater auf Semper Zwei gezeigt. Für die SAX sprach Michael Ernst mit Torsten Rasch.
SAX: Wie schön, dass Sie wieder in Dresden sind, noch dazu mit einer neuen Oper. Wie kam es dazu, das Buch von Rainer Kunze für die Bühne zu transformieren?
Torsten Rasch: Die Idee ist alt, sehr alt schon. Nicht die Idee einer Oper, sondern die Idee, »Die wunderbaren Jahre« auf irgendeine Art und Weise zu vertonen. Die hatte ich gemeinsam mit einem Freund aus Kreuzchor-Zeiten, dem Film- und Opernregisseur Jens Neubert, mit dem ich auch ein paar Mal zusammengearbeitet habe, bei seinen Verfilmungen vom »Freischütz« sowie bei seinem Spielfilm über Richard Wagner und Mathilde Wesendonck. Das ist also mindestens zwanzig Jahre her. Dass »Die wunderbaren Jahre« dann im vergangenen Jahr auf die Bühne gekommen sind, war eher ein glücklicher Zufall. Das Staatstheater Regensburg hatte mich beauftragt, den Liederzyklus »Mein Herz brennt« als Bühnenversion umzuarbeiten, stattdessen entstand dann dieses Stück nach Reiner Kunze. Das ist ja in dem Sinne kein narratives Buch für eine Oper, ich hatte es immer als ein großes Oratorium gedacht. Möglichst mit Kreuzchor, gemischtem Chor und großem Orchester. Aber jetzt gab es die Vorgabe, eine Kammeroper zu schreiben.
SAX: Die Geschichte, wie Sie an Rainer Kunze und dessen »Wunderbare Jahre« gekommen sind, ist in gewisser Weise auch wunderbar. Das Buch war im Osten verboten und ist 1976 im Westen erschienen. Erzählen Sie die doch nochmal.
Torsten Rasch: Naja, ich hatte halt den Vorteil, auf Reisen mit dem Kreuzkor ab und zu mal hinter die Mauer gucken zu können. Und ich kannte das Buch natürlich, ich glaube sogar, ich kannte es schon in Abschriften, aber ich wollte es natürlich unbedingt besitzen.
Und da habe ich es mir auf einer Reise in die Bundesrepublik gekauft, in Göttingen, ich war damals 16, 17 oder so. Dieses Exemplar besitze ich heute noch, es diente mir auch als Vorlage bei der Arbeit am Stück. Ich glaube, Kunzes »Wunderbare Jahre« waren Anfang der achtziger Jahre die minutiöseste Beschreibung vom Leben junger Menschen in der DDR, die man finden konnte. Diese Parabelhaftigkeit, die ja eigentlich gar keine war, denn es sind realistische Szenen gewesen, die aber so komprimiert worden sind, dass sie fast wie Parabeln oder Fabeln aus dem Tierreich erschienen - aber eben mit Menschen -, die beschreibt in ganz reduzierten Sätzen, was damals geschah. Wie bestimmte Situationen dargestellt sind, das hatte so eine Explosivkraft, dass man eigentlich keine Deutung oder weitere Erklärung dazu brauchte. Die Texte haben für sich selbst gesprochen, jeder konnte es verstehen, egal ob er dafür oder dagegen war. Nur dass diejenigen, die für das System waren, natürlich nicht lesen und nicht wahrhaben wollten, was in diesem Buch stand. Das war ja wie ein Dorn in ihrem Fleisch, darum wollten sie das auch nicht gedruckt haben.
SAX: Wie ging es dem damaligen Kruzianer, mit diesem Buch über die deutsch-deutsche Grenze zu fahren?
Torsten Rasch: Ich hatte natürlich große Angst, denn die Staatsmacht war ja völlig unberechenbar. Man konnte für so ein Vergehen - staatsfeindliche Hetze und Propaganda, oder wie sich das nannte - in den Knast gesteckt werden oder auch völlig unbehelligt bleiben. Das war nie im Voraus zu sagen. Ich war jedenfalls sehr froh, dass dieses Buch unentdeckt blieb. Aber ich habe es, ehrlich gesagt, auch nie wirklich versteckt, sondern immer wieder verborgt. Und da der Kreuzchor genauso wie jedes andere Kollektiv in der DDR natürlich auch zersetzt war und beobachtet wurde, weiß ich nicht, warum nichts geschehen ist. Ich nehme an, die hätten wahrscheinlich nur dann eingegriffen, wenn wir irgendwelche konkreten Schritte unternommen hätten, Plakate kleben oder so.
SAX: Oder wenn Sie es damals schon vertont hätten …
Torsten Rasch: Wenn ich es damals vertont hätte? Um Gottes Willen, wer weiß, was dann geschehen wäre. Aber nee, damals hatte ich noch ganz andere Pläne, was ich mal machen möchte in der Zukunft.
SAX: Diese Zukunft ist nun heute. Wie wichtig war es Ihnen, sich vor wenigen Jahren wieder dieser Thematik zu widmen?
Torsten Rasch: Das war für mich in allererster Linie eine ganz persönliche Auseinandersetzung mit meiner eigenen Jugend in der DDR. Für mich war der Titel »Die wunderbaren Jahre« nie nur ironisch. Ich habe das auch wörtlich genommen, im Buch geht es ja auch um diese Tochter mit ihrer völligen Ignoranz dem System gegenüber, auch den Wünschen der Erwachsenen ihr gegenüber. Und eben auch darum, dass diese Jahre trotz aller Repressionen dennoch die wunderbaren Jahre sind, so wie sie Truman Capote beschreibt: »Ich war elf, und später wurde ich sechzehn. Verdienste erwarb ich mir keine, aber das waren die wunderbaren Jahre.« In jeder Gesellschaft sind das oder können das wunderbare Jahre sein. Für mich waren das wunderbaren Jahre trotz aller Ängste und so. Das ist meine Vergangenheit.
SAX: Wobei nicht alles verschwunden ist. Denken wir an William Faulkner: »Das Vergangene ist nie tot. Es ist nicht einmal vergangen.«
Torsten Rasch: Soll ich Ihnen erzählen, was voriges Jahr in Regensburg geschah? Am Tag der Uraufführung, ich bin gerade zum Theater gegangen, war da eine Demonstration von Leuten in FDJ-Hemden. Junge Leute, so um zwanzig, in FDJ-Hemden!. Das war so absolut surreal. Ich habe ein Mädchen oder eine junge Frau gefragt, ob sie weiß, wofür dieses Hemd steht oder wofür es gestanden hat. Darauf meinte sie nur, ob ich nicht auch für den Frieden sei. Ich war völlig perplex, auch wenn ich natürlich nicht das erste Mal mit diesem unterschwelligen Gefühl einer Idealisierung der DDR konfrontiert worden bin. Diese vollkommene Gedankenlosigkeit in Bezug auf diesen Unrechtsstat. Denn obwohl ich da persönlich meine wunderbaren Jahre hatte, war es dennoch ein Unrechtsstaat und die FDJ war ein Instrument dieses Unrechtsstates, um die Jugend gefügig zu machen. Es wird langsam wieder Mode und von bestimmten extremen Strömungen instrumentalisiert, diese Annahme, früher war alles besser und so weiter. Natürlich war früher alles besser, weil wir jünger waren. Es ist immer alles schöner, wenn man jünger ist. Man hatte ja alles noch vor sich.
SAX: Wie hat sich der Komponist diesen bruchstückhaften, von Kunze extrem verdichteten Episoden für eine Bühnenfassung angenähert?
Torsten Rasch: Das Wort verdichtet trifft die Sache sehr gut. Ich habe versucht, es auch dramaturgisch zu verdichten, soweit das eben möglich ist. Das Buch besteht eigentlich nur aus verschiedenen Vignetten und winzigen Episoden, es beginnt mit der frühesten Kindheit und endet im Alter von 18, 19 Jahren. Es beschreibt nur, was die wunderbaren Jahre betrifft, die Kindheit und die Jugend. Ich habe mir verschiedene Vignetten ausgesucht und sie dann in eine bestimmte Anordnung gebracht, die dem dramaturgischen Gerüst einer Geschichte ähneln. Mein Stück beginnt eher spielerisch und endet dann nach knapp 90 Minuten mit dem Schießbefehl, also mit dem Tod eines jungen Mannes, der über die Grenze wollte und dabei erwischt wurde. Dabei bleibt offen, ob er an der Grenze erschossen wurde, im Knast Selbstmord begangen hat oder ob er im Gefängnis umgebracht wurde. Es endet also sehr tragisch. Das ist die Dramaturgie. Zum Schluss erhält die Mutter die Urne mit der Asche ihres Sohnes. Man hat ihr nur gesagt, dass er über die Grenze wollte, gefasst wurde und nun im Gefängnis sei. Sie backt einen Kuchen, um ihn zu besuchen, da wird ihr dann gesagt, er hätte sich mit seiner Unterhose erhängt. Sehen kann sie ihn nicht, aber sie hat ja die Urne. Damit endet es.
SAX: Sie haben die Oper für Kammerbesetzung geschrieben. Welche Rollen kommen da vor?
Torsten Rasch: Es gibt zwei Frauenstimmen, eine Männerstimme und eine Erzählerin. Die übernehmen eigentlich alle Rollen. Ob möglicherweise Prosa gelesen wird, während die Musik erklingt, das ist eine Frage der Inszenierung. In Dresden zum Beispiel wird es tatsächlich ein Kind geben, das spielt, während die Sänger verbal agieren. Das fand ich schon in den Proben sehr klug gelöst. Die Instrumente kommentieren und begleiten das ganze Geschehen. Dazu gibt es noch eine Art Einleitung und einen musikalischen Epilog. In beiden erklingt ein Kinderlied, das hier sicherlich alle kennen. Das Lied von der Heimat, unsere Heimat sind nicht nur die Bäume und die Flüsse und so weiter. Es wird von einem Kinderchor gesungen, in den die Darsteller dann einstimmen und somit auch als Kinder legitimiert sind und ihre Rollen fortsetzen können. Am Ende wird das Lied noch einmal gesungen, aber mit dem Text von einem SED-Parteitag, worin es um die Erziehung der Kinder ging, die auf der Basis des Kommunismus und des Sozialismus zu guten Bürgern und so weiter erzogen werden sollen. Man muss ja bedenken, als die »Wunderbaren Jahre« aufhören, stand die Mauer noch. Da war noch nicht abzusehen, was zehn Jahre später geschehen wird. Obendrein gibt es Volkslieder, die korrespondieren immer mit dem vorhergehenden oder darauffolgenden Stück Text von Kunze. Wir betrachten sozusagen unsere Vergangenheit. Ob wir jetzt da zustimmen, so und so war das damals oder so war das nicht, spielt keine Rolle: Sie liegt hinter uns und ist das Einzige, was wir besitzen. Jeder kann sie interpretieren, wie er mag. Die Zukunft besitzen wir nicht, tragen aber Verantwortung dafür. Vielleicht sollte, wer »Die wunderbaren Jahre« gesehen hat, das alles mal sacken lassen und einfach für sich reflektieren. Wie war das bei mir?
Gespräch: Michael Ernst
Die wunderbaren Jahre Premiere am 16. Oktober, Semper Zwei
Weitere Termine: 18., 20., 21., 24., 27. Oktober 2026
Danach erst wieder im Juni 2027
www.semperoper.de
