Geteilte Beute in der Försterei

Geführt, gepatzt, zurückgekommen: Dynamo nimmt aus Berlin einen Punkt mit

Immer dieser Scheiß-Konjunktiv: Wenn, ja wenn Paco Testroet nach einer Chaoseinlage der Union-Defensive in der 32. Minute das Tor statt den Pfosten trifft, dann ... wäre vielleicht alles anders gekommen. Oder wenn Erich Berko kurz vor Ende die Beinlänge von Marco Hartmann gehabt hätte ... Nun ja, im Gegensatz zu Geld schießt der Konjunktiv eben keine Tore.
 
Halbzeit eins: Hartmann macht die Ballerina, Aosman wischt Staub

Die Eisernern hatten einen Plan. Es war in etwa derselbe, den auch Dynamo mit nach Berlin brachte: hoch pressen, den Gegner zu Fehlern zwingen und so Unsicherheit in die Reihen der anderen tragen. Ganz offensichtlich hatte Union-Trainer Jens Keller damit nicht gerechnet oder zumindest nicht damit, dass Aufsteiger Dresden hier wie ein Hausherr auftreten würde.

So kam es, wie es kommen sollte: Gleich die erste Kreuzer-Flanke segelte in der 8. Minute zu Käptn Hartmann, welcher das Leder im Stile einer Primaballerina auf Testroet weiterleitete, der vollkommen allein vor Keeper Busk stand. Doch der Berliner taucht ab ins untere Eck, fischt den Fall weg; allerdings hatte sich da hinten noch Aias Aosman herangeschlichen, der den Rebound per Miniaufsetzer ins Tor abstaubt.

Nun war Dynamo on fire, bestimmte die Partie. Hinten hielt Jannik Müller, der den verletzten Modica vertrat, mit aller gebotenen Ruhe den Laden zusammen, und auch Florian Ballas zeigte sich in ansteigender Form. Marvin Stefaniak sorgte für viele spielerische Schmeckerchen, während Hartmann und Lumpi unermüdliche Antreiber waren. Überhaupt scheint es, als wäre Kapitän Marco mit der Binde um gefühlte drei Meter gewachsen: Sein Wirkungkreis hat sich offensichtlich verdoppelt, seine Passgenauigkeit ist deutlich besser, seine Persönlichkeit strahlt auf das Spiel.

Doch nach dem oben erwähnten Pfostenschuss in der 32. gönnt sich Schwarz-Gelb eine schöpferische Pause. Und es zeigt sich, dass Neu-Keeper Marvin Schwäbe nicht immer der erhoffte Souverän zwischen den Pfosten ist (25.), auch seine Abschläge landen fast allesamt beim Gegner oder im Seitenaus. Doch noch war bei den Eisernern zuviel Blech im Game, um die wenigen Chancen zu nutzen. So gab es diesmal keinen Halbzeitdämpfer wie gegen Nürnberg.
 
Halbzeit zwei: Defensive schwimmt, Lumpi kegelt
 
Nun rannte Union an, auch wenn keine zündenden Ideen zu sehen waren. Aber die Gelbhemden ließen sich doch etwas hinten reindrängen, nach vorn ging kaum etwas. In der 58. Minute trafen sich dann unerwartet aufblitzende Kombinationsgabe mit defensiver Schläfrigkeit – leider falsch herum: Skrzybski dringt in den Dresdner Sechzehner ein, Lumpi hat Angst vor dem Elfmeter und von Ballas bis Teixeira haben alle einen Kinomoment: Sie gucken zu. So geht der tödliche Pass auf Collin Quaner, der überlegt aus Nahdistanz einnetzt.

Dynamo scheint nun angeknockt, und es kommt noch schlimmer. Nach einer Ecke in der 66. Minute wissen Schwäbe und Testroet auf der Linie nicht so genau, wer den ankommenden Ball von der Linie kratzen soll, weshalb die Abwehr des Torwarts zu kurz gerät. Da taucht wieder Quaner auf und semmelt das Runde ins Eckige. Der Nackenschlag?

Nun, es konnte einen durchaus das Gefühl beschleichen, dass die Roten das Ding nach Hause schaukeln – doch dann kam mal wieder Marco Hartmann. Nur drei Minuten nach der Union-Führung narrte er die komplette Berliner Defensive mit einem gefühlvoll geschaufelten Pass in den Lauf von Lumpi Lambertz, der den Ball wie ein Fußkegler am etwas unentschieden wirkenden Busk vorbeikullerte, während ein unglücklich dreinschauender Toni Leistner den Zeitlupenschuss nicht mehr vor der Linie erhaschen konnte.

Nun ging es die letzten 20 Minuten noch etwas hin und her, das letzte Risiko wollte aber niemand mehr eingehen, wenn auch - siehe oben - der eingewechselte Berko noch eine Last-Minute-Fast-Chance hatte,
Ein neutraler Beobachter würde das Fazit vom leistungsgerechten Unentschieden ziehen. Ich halte es da eher mit Eduard Geyer, der einmal auf die Frage, ob seine Mannschaft den Sieg verdient hätte, antwortete: „Meine Mannschaft hat prinzipiell immer den Sieg verdient.“

Noch ein P.S. zur Pyroshow: So nett das aussah und so geteilter Meinung man über Sinn und Unsinn und Notwendigkeit sein kann, bin ich doch der Meinung, dass man in diesen Zeiten, da ein Knall, ein bisschen Rauch oder etwas Feuer eine Panik auslösen können, mal eine Weile darauf verzichten sollte. Freiwillig.
Uwe Stuhrberg
 
Union Berlin vs. Dynamo Dresden 15. August 2016, Anstoß: 20.15 Uhr
Tore: 0:1 Aosman (8.), 1:1 Quaner (58.), 2:1 Quaner (66,), 2:2 Lumpi (69.)
Dynamo Dresden: Schwäbe, Teixeira, J. Müller, Ballas, F. Müller, Hartmann, Aosman (60. Konrad), Lambertz (90. Kutschke), Kreuzer (68. Berko), Testroet, Stefaniak
Zuschauer: 22.012
www.dynamo-dresden.de