Hätte hätte Viererkette

Auch in Halle hält sich Dynamo Dresden effektiv schadlos

Foto: SG Dynamo Dresden

„Bambule, Randale, wir kommen von der Saale!“, so schallte es einst den Dynamo-Fans entgegen, wenn es nach Halle ging. Was waren das noch für Zeiten, als Hools einfach nur Fußball-Fanatiker waren und sich nicht vor politische Karren spannen ließen (wie es zu #dd1212 in Dresden zu beobachten war)? An diesem Sonnabendnachmittag allerdings herrschte sowieso erwartungsgemäßg pandemische Stille auf den Rängen. Aprpopos Erwartungen: Wir soll das wohl werden ohne das energische IV-Gespann Hartmann–Mai, die beide wegen ihrer Kniee wohl erst im Januar ins Training zurückkehren werden? Aber als hätte es der Fußballgott zurechtgedengelt, fehlte dem HFC mit Terrence Boyd seine zuverfässige Tormaschine.

So mutete das Spiel vorab via Startelfzettel wie eine Überraschungstüte an – man durfte gepannt sein, was drin ist. Zumal Marvin Stefaniak den zuletzt erstarkten Patrick Weihrauch ersetzte, Robin Becker wie erwartet hinten reinkam und Ex-Hallore Pascal Sohm für Hosiner erstmals von Beginn an spielte.

Die erste Halbzeit: Stark stark, Becker technisch

Zum Einlauf erklingt „Hells Bells“ von AC/DC. Was erlauben HFC? Das ist das Ding von Sankt Pauli! Eine eigene Idee wäre doch ganz gut. Vielleicht mal bei Ralf Schmidt alias Falkenberg alias IC Falkenberg anklopfen – ist ja schließlich ein Sohn der Stadt. „Der Mann im Mond“ oder „OSTENde“ vielleicht. Nun ja, so kann das nicht bleiben.

Den Anstoß hat Dresden und schon nach zwei Minuten muss Kevin Broll zupacken, wenn auch nicht große Kunst aufgeboten werden muss. Stefaniak setzt sich dann mal fein durch, spielt über Daferner auf Sohm, aber dessen Flanke auf den langen Pfosten bringt nur die erste Ecke. Was sofort auffällt: Hintendrin herrscht das erwartete Kuddelmuddel – frei nach dem Motto: je t'aime, wer nimmt wen. Das fortgesetzte Experiment Dreierkette mit neuem Personal geht nur bedingt auf, und in der siebenten Minute gar nicht mehr: Derstroff läuft ganz simpel mit leichtem Antritt an Stark vorbei, aber halb so wild – da sind schließlich noch Becker und Ehlers. Eigentlich ja, dann wieder nicht. Becker verzockt sich, Ehlers blockt Versuch 1 zurück in die Füße der Halle-7, die Versuch 2 versenkt. Bedröppelte Gesichter über den gelben Trikots – so hatte man sich das nicht vorgestellt.

Okay, nun also erstmal sammeln, beruhigen. Sich und das Spiel. Nach einer knappen Viertelstunde geht es dann über Königsdörffer ran an die Grundline, aber im Rückraum hat Daferner kein Messer zum Schnibbeln, sondern nur den Löffel zum Drüberhauen bei der Hand. Auf der anderen Seite zeigt eine unendlich anmutende Kopfballstafette, dass es ohne Mai/Hartmann keine uneingeschränkte Lufthoheit vor dem Broll-Kasten gibt.

Das Bild ergibt in den ersten 25 Minuten vor allem einen willensstarken HFC mit aber doch beschränkten Mitteln und eine etwas verunsicherte SGD, die versucht, mit viel Kleinklein und Ballhintenrauskloppen zunächst einen zweiten Heimtreffer zu verhindern. Fast schon symptomatisch ist in der 17. Minute ein fulminanter Konterantritt von Meier, der verheißungsvoll startet, aber denn einen Pass in die leereste Leere spielt, die man sich nur vorstellen kann. Was oder wen mag er da gesehen haben?

Immerhin gibt es den heute als Kapitän spielenden Yannick Stark. Mit klugem Auge und vollem Körpereinsatz räumt er gemeinsam mit dem etwas unauffälligerem Julias Kade vor der Abwehr auf, was den Hintermännern im Findungsmodus immer wieder etwas Entlastung bringt. Und so ist es auch kein Wunder, dass ausgerechnet Stark nach 26 Minuten zum Gamechanger wird. Aus einem Triangel Meier (Einwurf), Stefaniak und Daferner segelt das Leder in hohem Bogen über den kompletten Strafraum, wo rechtsaußen Becker für Königsdörffer auflegt, der am Fünfer lauert. Aber im Fußball bedeutet „weniger ist mehr“ oftmals auch „bleib weg“, denn mit dem Rücken zum Tor sieht der Ransford-Yeboah den Kollegen Yannick heranrauschen: Aus vollem Lauf drischt der Darmstädter den Ball halbhoch ins Netz. Unwiderstehlich nennt man das wohl.

Nun wird der Saalestädter Nachmittagssauerstoff zur Dresdner Morgenluft. Es geht ein Ruck durch das schwarzgelbe Team, obwohl Roman Herzog keine Rede gehalten hat. Doch wären in der 30. Minute Schiedsrichter Florian Hefts Augen besser gewesen, hätte der kleine Aufschwung womöglich einen Dämpfer bekommen, denn im Nahkampf springt Kevin Ehlers der Ball in Kopfhöhe an die Hand. Seien wir ehrlich: Passiert das beim Gegner, wollen wir einen Elfemter sehen. Zudem pfeift Heft wenig später bei einer baugleichen Szene andersherum Freistoß. Schwein gehabt. Co-Coach und Ex-Dynamo Ziebig tobt ein wenig auf der Halle-Bank.

Auf dem anderen Trainersitzmöbel hat Markus Kauzcinski inzwischen genug Dreierkette gesehen und stellt um auf Vier-Mann-Defensive. Und siehe da: Nun wird es besser, wird mehr hinten rausgeschoben, weiß man, wohin wer laufen soll. Allerdings muss Kevin Broll dann doch noch einmal all seine Künste aus der Flugschule aufbieten, um mit einer Reise Richtung Knick einen platzierten Kracher von Nietfeld zu entschärfen – vorab übrigens „perfekt“ flach aufgelegt von Meier.

Es geht auf die Pause zu, da zieht Sohm noch einmal an, und wird in Minute 42 durch Dehl von hinten weggecheckt. Gelb. Nur 120 Sekunden später köpft Halle-Keeper Müller einen langen Ball ins Seitenaus. Doch bevor Meier das ihm zugeworfene Spielgerät aufnehmen kann, kommt – man glaubt es nicht – Dehl angerannt und patscht das Runde weg. Und weil der Junge, der auch noch Geburtstag hat, für jeden sichtbar aus keinem anderen Grund dahin gelaufen ist, sieht er schon wieder Gelb und in der Summe Rot. Ach du meine Nase, würde Pittiplatsch sagen. Und Dynamo hat noch einen auf dfer Pfanne.

Kurz vor dem Pausenpfiff hebt Sohm, der oft hinter den Spitzen zu finden ist, den Ball in den Fünfer Richtung Königsdörffer, Halle kann per Kopf in den Rückraum klären, aber 17 Meter vor dem Tor steht Robin Becker. Hatte er in der Pressekonferenz vor dem Spiel nicht noch von seinen technischen Unzulänglichkeiten gesprochen? Hat er über Nacht ein Schusstraining eingelegt? Volley erwischt der Rechtsaußen den Ball perfekt und rammt die Pausenführung ins Netz. Boah! Wow! Hastenigesehn!

Die zweite Habzeit: Deckel last second

Die Geschichte der zweiten Halbzeit ist fix erzählt, denn durch die Hallesche Unterzahl und die daraus fiolgende Spielkontrolle der SGD ist die Luft raus. Dynamo spielt jetzt Sicherheitsfußball mit jeder Menge Hinten-rum-und-Num, Halle traut sich nicht, zu früh in die totale Offensive zu gehen, um sich nicht einen Konter einzufangen. Davon kommen von Dresden auch eine paar, aber: #letzerpass. Stefaniak etwa zeigt seine Klasse noch einmal sechs Minuten nach dem Wiederanpfiff mit einem Solo in den Strafraum, aber sein Grundlinienzuspiel auf Sohm wird knapp abgefangen. Kurz darauf fängt sich Stefaniak Gelb und wird – wegen Gelb-Rot-Gefahr – gegen Weinrauch ausgewechselt. Die großen sehenswerten Aktionen hatte der Marvin an diesem Tag nicht, eher so die kleinen. Viel Zweikampf, Einsgegeneins, mal gewinnt er, mal verliert er, mal wird er gefoult. Nicht schlecht, nicht gut, aber immer teamdienlich.

Und sonst so? Nix, was groß erwähnenswert wäre. Kauzcinski tauscht noch zum Beginn der Nachspielzeit Daferner gegen Diawusie. Einen dritten Wechsel spart er sich, wohl, um den Sicherheitsfußball und somit die drei Punkte nicht durch falsch wirkende neue Impulse zu gefährden. Am Ende, also wirklich ganz am Ende, gibt es aber dann doch das Deckel-drauf-Tor. Meier ist noch immer hellwach, fängt einen Angriff der Rothemden ab und sieht nach ein paar Schritten Weihrauch, der unbegeitet in den Strafraum stürmt. Passgenau kommt der Ball in den Fuß der Dresdner Zehn, die mit Blick für das Gesamtkunstwerk ins lange linke Eck vollendet. Direkt danach kommt der Abpfiff. Am Sonntag verlieren Rostock und Saarbrücken ihre Spiele.

Fazit: Auch defensiv stark umgestellt findet die SGD mit Anlaufzeit ihre Mittel und macht aus nur wenigen Chance schon wieder drei Tore. Dass man sich dabei taktisch variabel zeigt, die Stürmer sich mannschaftsdienlich aufreiben ohne dabei selbst einzunetzen, macht es für kommende Gegner schwerlich ausrechenbar, was da auf sie zukommt. Optisch ist das nicht immer feine Sahne, aber es kommt punktetechnisch ausreichend Fischfilet rum. Jetzt ein Sieg gegen Verl und die Tabelle bleibt unser bester Freund.

Beste Freunde hingegen scheinen der Dresdner Stadtrat und die SGD momentan nicht mehr zu sein. Nach dem Streichen des nachträglichen Zuschusses für das Trainingsgelände folgt nun das Cancelling des eigentlich zugesagten Mietzuschusses für das Stadion – obwohl die Stadt selbst einen Großteil der Schuld am Zustandekommen des für Dynamo so ungünstigen Mietvertrages ist. Hier scheint in Coronazeiten kurzfristiges Denken gerade die Überhand zu gewinnen. So kommen auf die Sportgemeinschaft finanziell noch schwerere Zeiten zu. Da hilft natürlich die Geisterticket-Aktion ein wenig, aber der Aufstieg in Liga zwei wird so schon fast zwingend.
Uwe Stuhrberg

Hallescher FC vs. SG Dynamo Dresden: 1:3
12. Dezember 2020, Anstoß: 14 Uhr
Tore: 1:0 Derstroff (7.), 1:1 Stark (26.), 1:2 Becker (45.), 1:3 Weihrauch (90.+3)
Dynamo Dresden: Broll, Becker, Ehlers, Knipping, Meier, Stark, Kade, Stefaniak (62. Weihrauch), Königsdörffer, Daferner (90.+3 Diawusie), Sohm
Ohne Einsatz: Wiegers, Großer, Kulke, Vlachodimos, Hosiner
Zuschauer: 0
Schiedsrichter: Florian Heft
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