Hoffnung auf den Start

Die Theaterruine St. Pauli kooperiert mit dem Societaetstheater

Heiki Ikkola (links) und Jörg Berger im Saal der St. Pauli Theaterruine. Foto: Andreas Herrmann

Mit Tom Quaas’ Theaterzirkus Dresden und dessen Uraufführung »Faust hoch Zwei« sollte in den kommenden Tagen eine neue Ära in der Dresdner Kultur beginnen. Dann wäre für das Publikum die neue Kooperation der TheaterRuine St. Pauli mit dem Societaetstheater erstmalig live erlebbar gewesen – durchaus mit einem spannenden Akt: Zirkusdirektor Quaas, der einst seinen guten Job als Dresdner Staatsschauspieler kündigte, um in Frankreich am »Centre National des Arts du Cirque« Clownerie und Pantomime zu studieren, um dann mit neuer Company und künstlerischer Ausrichtung in der Tradition französischer Pantomime mit »Faust ohne Worte« anno 2009 aufzuwarten. Am 7. und 8. Mai war eine Art Fortsetzung oder gar Vollendung des Erfolgsstücks in der vergläserten Kirchschiffarche im Dresdner Hechtviertel gedacht, auf die man hochgespannt sein darf. Aus den bekannten Gründen muss man nun bis Ende Okotber warten. Die Hoffnung auf einen Beginnd er Spielzeit liegt nun beim 3. Juni.

Wir erinnern uns: Es ward im vergangenen Sommer bekanntlich der Mietvertrag für die TheaterRuine gekündigt und die Betreibung neu ausgeschrieben (siehe SAX 10.2020). Ende November entschied die Jury über vier Konzepte in der Endrunde. Sie war besetzt mit Vertretern des Kulturamts, des Kulturausschusses, des Stadtbezirksbeirates Dresden-Neustadt und der Stesad GmbH als Vermieter. Zwei der Konzepte kamen aus der Ruine selbst – eins sogar überraschend als gemeinsames Konzept mit dem Societaetstheater. Dennoch bekam das originäre neunseitige Konzept des Vereins die meisten Punkte. Also lautete das Urteil: Der Theaterverein kann zumindest bis Ende 2022 in seiner Spielstätte weitermachen, eine große Anzahl »motivierender Botschaften« und rund fünftausend Unterzeichner von drei verschiedenen Petitionen hatten in der Ausschreibungsphase zugunsten der Etablierten arg geholfen. Dennoch gingen Heiki Ikkola, Chef im Societaetstheater, und St.-Pauli-Boss Jörg Berger nun aufeinander zu – und wagen eine Mischform aus beiden Konzepten. Erst einmal für 2021, dann, um die Erfahrungen modifiziert, auch für 2022.

Dresdner Sommermärchen 2020

Es wäre wohl auch ein arger Kulturfrevel gewesen, wenn just nach dem drögen Seuchensommer 2020 hier Schluss gewesen wäre. Denn da hatte sich die Ruine den inoffiziellen Kulturmeistertitel der Landeshauptstadt redlich verdient und ohne jedwede Sonderförderung zumindest von Juni bis Oktober durchgespielt, während manch andere Institution nun schon ein gesamtes Jahr in Frieden ruht. Den Umständen entsprechend, gab es da allerdings nur eine Neuproduktion. Sie hieß »Sirene« mit dem Untertitel »Die TheaterRuine zeigt Stimme«, und umfasste 27 Songs aus den besten Musicalinszenierungen seit der Überdachung 2012, beginnend mit »Purcels Traum«.

Nun also der Neustart 2021 nach dem seltsamen Prozess – zum Glück blieben Jörg Bergers Vereinsmitglieder bei der Stange und »scharren mit den Hufen«, denn dieses Jahr sollen es sogar drei Premieren werden – plus fünf Repertoirestücke. »Noch dürfen wir aber gar nicht proben, ich hoffe auf baldigen Beginn«, sagt der Hausherr, der eigentlich schon am 16. April mit der Wiederaufnahme von »Endlich allein« starten wollte, dann am 1. Mai erstmals eine Matinee zur Spielzeit plante und nun weiter warten muss.

Die neue Inszenierung des Theatervereins sind bislang als Projekte A, B und Z im vorläufigen Spielplan Bergers vermerkt. Wenn alles normal läuft, wäre A als Schauspiel Oliver Bukowskis »Ich habe Bryan Adams geschreddert«. B steht für das Musical »Spamelot« und führt auf Monty Pythons Ritterspuren der Kokosnuss – auf dem Broadway war es ein phänomenaler Erfolg. Z steht für das Projekt »Briefe an die Zukunft«. Dieses wird als Bürgertheater mit Musik auf eigenen Texte der Darsteller fußend von Dirk Lienig (»HoyWoy tanzt«) inszeniert und erhält mit einer Mischung aus Film und Theater eine nächste ganz neue Note.

Verdoppelte Feuerwerkskraft

Jörg Berger, als Gründer, Vereinschef und Dauerregisseur quasi seit 1999 Intendant, erklärt, dass die Konditionen die gleichen wie im vergangenen Jahr sein sollen: 25.000 Euro Förderung stehen 53.000 Euro Betriebskosten entgegen, die an die Stesad als Verpächter zu zahlen sind. Bis 2019 schlugen pro Jahr 140 bis 150 Veranstaltungen mit rund 100.000 bis 110.000 Euro Umsatz zu Buche, den zirka 20.000 Zuschauer respektive Vermietungen erbringen.

Die Rechnung funktioniert allerdings nur durch viele Tausende an ehrenamtlichen Arbeitsstunden durch die rund 70 Vereinsmitglieder, die neben dem Selbstspielen auch Abend- oder Bardienst leisten, was bei Mindestlohn eine zusätzliche Investition in die Kultur von mehr als 160.000 Euro bedeutet. »Diese Leistung hatte die Stadt bei der Ausschreibung offenbar nicht auf dem Schirm – also, dass man bei einer Bespielung durch andere freie Theater diese Arbeit mit einem Budget hätte sedimentieren müssen«, meint auch Heiki Ikkola, der mit seinem Societaetstheater hier drei weitere Knaller bieten will.

Die »Garden-Party« der französischen Cie. No. 8, geplant vom 20. bis 22. Mai, findet nun vom 12. bis 14. Mai 2022 statt. Am 25. und 26. Juni kommt Philipp Hochmairs »Jedermann reloaded« – der laut Ikkola wunderbar hierher passe, denn er habe ihn jüngst im Wiener Stephansdom erlebt. Und dann folgt vom 7. bis 9. Oktober noch eine Koproduktion mit Laientheatern, Chören und professionellen Puppenspielern: Heiner Müllers »Wolokolamsker Chaussee (I–V)« – da kommt Vorfreude auf. »Als Gastspielkooperation würde ich es bezeichnen«, meint der frische Intendant, der Anfang Mai 2020 das Gastspielhaus im Barockviertel unter den bekannten Einschränkungen übernahm (siehe SAX 5.2020) und nun endlich durchstarten will.
Andreas Herrmann

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