In die Magengrube

Dynamo Dresden blamiert sich in Unterhaching bis auf die Knochen

Foto: SG Dynamo Dresden

Jedes Fußballspiel kann für jede der beiden beteiligten Mannschaften verloren gehen. Die Sporthistorie ist voll von solchen Beispielen – Topteams gehen gegen Underdogs unter, weil man keinen guten Tag hat und der Gegner dafür einen seiner besten. Das putzt man dann am nächsten Spieltag aus und vergisst das Ganze. Etwas anderes ist es, wenn nach einer weniger guten Partie die nächstschlechtere folgt, darauf dann die noch schlechtere. Und das passiert hier gerade mit der SGD: Es ist Trend zur Abwärtsspirale zu sehen – und das ist beängstigend.

Die erste Halbzeit: Talfahrt nach 25 Minuten

Nach den zuletzt unbefriedigenden Leistungen griff Markus Kauczinski in einem für ihn ungewohntem Ausmaß zu gleich vier Startelfwechseln. Auf die Verletzung von Jonas Meier reagierte der Coach mit der Hereinnahme von Niklas Kreuzer auf Links, Marvin Stefaniak kam für Heinz Mörschel, Agyemang Diawusie ersetze Philipp Hosiner und Julias Kade rochierte Paul Will auf die Bank. Hier saß auch Stefan Kiefer erstmals für den verletzten Patrick Wiegers. Schon beim Lesen der Startelf plongten bei mir rote Lämpchen auf: Warum Kade für Will? Warum Diawusie gleich bei den Startern und nicht das erfahrene Duo Daferner/Hosiner gegen das Tabellenschlusslicht? Irgendwie vermittelte das den Eindruck von „Strafe“ nach innen und einer aufstellungstechnischen Trotzreaktion. Aber ist ein solch wichtiges Spiel mit dem Wissen um die Ergebnisse vom Sonnabend wirklich der richtige Zeitpunkt, um mal etwas auszuprobieren – vor allem im Sturm?

In den ersten 20 Minuten schien der Plan zunächst aufzugehen. Die „Neulinge“ Kreuzer, Diawusie und Stefaniak legtten ordentlich los und waren auch an den zwei Großchancen der Sportgemeinschaft beteiligt. Großartig, wie Kreuzer in Minute 15 Stefaniak an den Fünfer freispielt, der Blondschopf will es sicher machen und flach an den Langen vollenden, doch die Fußspitze von Jo Coppens verhindert den Einschlag. Sieben Minuten später dann ein Dreiklang aus Kreuzer, Diawusie und Stefaniak an der Sechzehner-Grenze, doch der Flachschuss der 13 wird gehalten. Jetzt kann man natürlich sagen: Einen von den zweien muss Stefaniak machen. Aber möglicherweise rächt sich hier die nun über Monate vom Trainerteam verweigerte Wettkampfpraxis. Möglicherweise ist der Kopfkrampf, es jetzt unbedingt beweisen zu müssen und dass dies vielleicht die letzte Spielchance ist, zu groß, um locker den Lupfer zu setzen oder das Ding oben ins Eck zu nageln. Fakt ist: Ab jetzt geht es nur noch bergab.

Die Heimelf übernimmt jetzt. Noch bevor in der 40. Minute die Hachinger in Führung gehen, patzen Kevin Broll beim Abschlag, Kevin Ehlers im Vorwärtsgang, rennen Knipping und Kreuzer Heinrich hinterher, wirkt Kapitän Mai mehr und mehr nervös. Als dann Hain zum Einzunull einköpft, stehen drei Dresdner um ihn herum, Flankengeber Schwabl wurde komplett vergessen. Was nun von Schwarzgelb folgt ist kopflos. Der Pausenpfiff scheint wie eine Erlösung.

Die zweite Halbzeit: Schlimmer geht’s immer

Zum zweiten Durchgang wechselt Dresden doppelt – und zwar den Sturm. Für Diawuesie und Daferner kommen Stor und Sohm, Hosiner trainiert weiter das Sitzfleisch. Taktisch muss man das nicht verstehen: Bis auf das Tor gegen Ingolstadt ist Luka Stor auf den Feld jeden Beweis von Gefahr schuldig geblieben. Und Pascal Sohm ist ein reiner Abschließer im Strafraum, der Bälle verwerten kann. Das Duo Stor/Sohm kann nur funktionieren, wenn man auf reinen Konterfußball setzt, aber nicht, wenn man das Spiel machen muss. Keine guten Aussichten also – und das Gefühl sollte sich nicht täuschen.

Was dazu kommt: Standards und Flanken sind eine Schwachstelle – mal nicht gut getreten, dann wiederum ganz gut, aber keine Abnehmer da. Julius Kade ist wieder nur ein Mitläufer und Yannick Stark hat ein paar gute Balleroberungen, aber seine Schussversuche gehen alle in den Himmel. Königsdörffer und Ehlers bekommen ihre Seite nicht in den Griff und Kreuzer auf ungewohnter Position agiert mal gut, dann wieder so lala. Fehlpässe, Ballverluste galore. Als nach einer knappen Stunde Schiedsrichter Tobias Schultes Elfmeter für die Bobfahrer pfeift, ist das Spiel gelaufen. Was zunächst wie eine klare Schwalbe von Turtschan aussahn, entpuppte sich dann doch als Foul – die bedröppelte Mine des „Sünders“ Königsdörffer sprach Bände. Greger tritt an, Broll ist dran, aber nicht dran genug. Zweizunull. Alle Köppe gehen runter.

Es dauert fünf Minuten bis zur Reaktion auf der Bank. Hosiner rein, Kade raus, ist mein Gedanke, aber es gehen Stark und Stefaniak, Mörschel und Will kommen. Es war sicher kein gutes Spiel von Marvin Stefaniak, aber von allen Gruselkickern hat er es wenigstens immer wieder versucht, allerdings von hinten heraus keine Unterstützung bekommen, weshalb er sich selbst immer wieder vor die Abwehr fallen ließ. Ich bin jetzt mal so arrgogant und sage: Königsdörffer raus, Stefaniak nach rechts, Kade raus und Will vor Stark als 10. Das hätte – vielleicht – die Hachinger etwas überrascht, aber das einzige, was an diesem Nachmittag überrascht, ist der teamübergreifende Untergang. Und Heinz Mörschel? Er knüpft nahtlos an seinen letzten Leistungen an. Nur Paul Will bringt etwas mehr Stabilität.

Abgsehen von der fünften Gelben für Mai und einem möglichen dritten Tor der Gastgeber passiert nichts mehr. Ach ja: Hosiner kommt doch noch – in der 85. Minute! Erst in der Nachspielzeit gibt es noch eine Torgelegenheit für den Tabellenführer – eingeleitet ausgerechnet von Hosiner, verdaddelt von Kade. Ende Gelände.

Das Fazit

Ein Spiel mit der Wirkung einer Faust in die Magengrube – und das einen Tag vor dem 68. Vereinsgeburtstag. Die schlechteste Saisonleistung der SGD resultierte dabei aus einer mutlosen Leistung auf dem Platz und auf der Bank. Trotz aller Lippenbekenntnisse vorab, war man vielleicht doch der Meinung, dass das schon irgendwie klappen wird. Und es zeigt sich, dass es wohl nicht gut ist, wenn Teile der Mannschaft zu lange keine Spielpraxis bekommen, wenn die Möglichkeit der Wechselkontingente über Monate nicht genutzt werden, um das Team in der Breite im Wettkampf weiterzuentwickeln. Denn wenn die Dauerspieler versagen, können die Seltenspieler eben nicht der Unterschied sein, wenn sie bei jedem Fehler befürchten müssen, gleich wieder außen vor zu sein. Es würde mich deshalb nicht wundern, wenn es langsam im schwarzgelben Team rumort. Und ich halte es auch nicht für ausgeschlossen, dass es noch zum Big Bang kommt, wenn gegen Duisburg nicht die Wende gelingt. Möge uns das erspart bleiben.
Uwe Stuhrberg

SpVgg Unterhaching vs SG Dynamo Dresden 2:0

11. April 2021, Anstoß: 14 Uhr
Tore: 1:0 Hain (40.), 2:0 Greger (57. Elfmeter)
Dynamo Dresden: Broll, Ehlers, Mai, Knipping, Kreuzer, Königsdörffer, Stark (63. Will), Kade, Stefaniak (63. Mörschel), Daferner (46. Stor), Diawusie (46. Sohm)
Ohne Einsatz: Kiefer, Kühn
Zuschauer: 0
Schiedsrichter: Tobias Schultes
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