Islands in the stream

Die Kulturinseln sind an den Start gegangen

Die Kulturinsel-Pagode auf dem Neumarkt während des Pressetermins.

Zwölf weiße wetterfeste Pagoden stehen in der Stadt. Sie künden von den „Dresdner Kulturinseln“, die vom 18. Juli bis zum 5. September jeweils donnerstags bis sonnabends von 13 bis 19 Uhr von verschiedensten Künstlerinnen und Künstlern, von Bands und Ensembles – alle aus der Region – bespielt werden. Die Eröffnung am 18. Juli auf dem Altmarkt sowie die nacholgenden ersten Zeltshows am selben Tag spiegelten in etwa die Bandbreite des Programms: Dresden Bigband, Letzte Instanz, Thomas Stelzer, Andi Valandi, Notendealer, Ju von Dölzschen, Universal-Druckluftorchester, Theatermanufaktur, Habana Tradicional, enVivo, Clown Lulu … Insgesamt bewarben sich zirka 600 Menschen aus der Künstlerschaft, deren Postleitzahl mit 01 beginnen musste. Das Programm für die jeweils laufende Woche wird dann jeweils bis spätestens Dienstag bekanntgegeben, ähnlich wie man das von den Kinos kennt. Dass die Spielorte in eine Kultur- und eine Shopping-Route aufgelistet sind, mag eher ein Gedankenkonstrukt sein, denn an vielen Orten kann man dies schlecht definieren. (Nur als Beispiele: Am Kultur-Spielort Martin-Lutherplatz gibt es dreimal Gastronomie und eine Kirche, am Goldenen Reiter nur Geschäfte und ein Denkmal.)

VON DER IDEE ZUM KONZEPT

Der Weg zum kulturellen Inselhopping gestaltete sich nicht allzu lang, aber doch ziemlich turbulent. Es war die „Stumme Künstler“-Aktion Ende Mai auf dem Filmnächte-Areal, als Oberbürgermeister Dirk Hilbert, der per Fahrrad als Zuseher teilnahm, mit der Idee konfrontiert wurde. Nach der Demo gab es noch vor Ort ein Gespräch zwischen Hilbert und Jazztage-Chef Kilian Forster. Letzterer ist der maßgebliche Organisator der „Stummen Künstler“ und gehört zu den drei späteren Kulturinsel-Akteuren – neben den Jazztagen sind das die Agentur Schröder (unter anderem Stadtfest und Wahlkampf Dirk Hilbert) sowie First Class Concept von Mirco Meinel, der mit seinem Ostra-Dome auch der Hauptspielort der Jazztage ist.

Ohne Frage ist Dirk Hilbert von der Wirmüssenwasmachen-Idee sofort angetan, ordert ein Konzept, das das genannte Dreigespann auch einreicht. Hilbert selbst nennt das eine „begrenzte Auschreibung“. Und genau das wird auch später großen Unmut hervorrufen, denn diese „Ausschreibung“ kannte sonst keine weitere Agentur, die wir angefragt haben. Aber der OB hat nichts Vergleichbares im Haus, und der Druck ist groß, dem Corona-Sommer etwas die Verdrießlichkeit zu nehmen. Das Kulturamt wiederum sieht sich zu Unrecht dem Vorwurf der Untätigkeit ausgesetzt, denn ihm wurde kein Geld für ein wie auch immer geartetes Konzept in Aussicht gestellt – und wenn man kein Geld bekommt, kann man niemandem helfen, denn alle müssten umsonst auftreten und arbeiten. Hashtag #haushaltssperre. Statt aber nun Kulturamt und das Insel-Trio zusammenzuführen, will es der Rathauschef allein durchfechten. Das kann nicht klappen, denn merke: Die Ärmel hochkrempeln ist nicht das Gleiche wie hemdsärmelig zu sein. Und so mutet der Plan auch ein wenig abenteuerlich an. Zwar ist die Idee, das Restgeld der gescheiterten Kulturhauptstadtbewerbung zu nutzen, sinnvoll, aber die Gelder aus der Kreativwirtschaft umzuleiten eher nicht. Denn man hätte mit den Veranstaltern etwa von Dude, Fete de la musique Open Air oder Kino Karaoke mal darüber reden können, ob man coronagerecht etwas veranstalten könnte.

So ist die Begeisterung im Kulturausschuss nicht so groß wie erhofft. Das in aller Eile zu PDF gebrachte Inselkonzept wird hier auf seine Schwächen abgeklopft. So sollte es ursprünglich nur einen Standort auf der Neustädter Seite geben, am Goldenen Reiter. Die gepriesenenen Auswirkungen auf den Tourismus werden angezweifelt. Und es gibt Fragen zur Kuratierung des Programms und zum Verhältniss vom Gesamtetat und dem Anteil der an die Kunstlerinnen und Künstler sowie die Technikcrews gezahlten Honorare. Es gibt auch Änderungen: Vier Inseln werden sich in der Neustadt befinden, die Klubszene wird an der Programmgestaltung beteiligt. Die Verantwortung für die Durchführung liegt bei der Dresden Marketing GmbH.

EIN KULTURSOMMER TAUCHT AUF

Etwa eine Woche, bevor die Insel-Entscheidung im Stadtrat ansteht, kommt ein zweites Konzept auf dem Tisch, verfasst von  Aktiven aus Klubnetz, Tanznetz und Kulturbüro. Unter dem Titel „Dresdner Kultursommer“ wird auch hier eine Stadtbespielung entworfen, diese aber für alle Stadtteile. Die Gestaltung der Programme soll auch direkt in den Neighborhoods liegen und die Anwohnerschaft einbeziehen, für die Durchführung bekommen verschiedenste Dienstleister Aufträge, um das vorhandene Geld weit zu streuen. Grundgedanke: Die Kultur soll vor allem und im weitesten Sinne den Einheimischen zugute kommen, denn an einen wirklichen Tourismuszuwachs wegen einiger Bühnen in der City glaubt niemand. In Wien etwa gibt es etwas Ähnliches, aber auch dort spielt der Reisegedanke keine Rolle.

Seien wir ehrlich: Einen signifikanten Anstieg des Tourismus durch solcherart Konzepte zu erwarten oder gar mehrere Tausend zusätzliche Hotelübernachtungen, das ist falsch gehegte Hoffnung. Dafür sind solche Aktionen zu kleinteilig und haben nicht genug überregional bekannte Acts am Start. Zudem sind die Shows auch relativ kurz, eine Art Eventhäppchen – für die Beteiligten ist das natürlich trotzdem besser als Herumsitzen ohne Publikum. Aber dafür wird kaum jemand woherauchimmer nach DD zu fahren oder fliegen. Da ziehen Veranstaltungen wie der Palais Sommer, die Filmnächte, das Junge-Garde-Programm „Mit Abstand das Beste“ oder die Picknick-Konzerte in der Rinne sicher deutlich mehr Menschen von außerhalb an. Was die „Kulturinseln“ oder der „Dresdner Kultursommer“ aber sicher leisten können, ist eine Verschönerung der Ferienzeit für die Einheimischen und eine Erlebniserweiterung für die Gäste, die schon da sind. Das zeigen auch die ersten Shows am Eröffnungstag. Und mehr muss es auch nicht sein.

SHOWDOWN IM STADTRAT

Spulen wir noch einmal zurück. In der Stadtratssitzung vom 25. Juni kommt es nämlich zu einem fulminanten Showdown. Zunächst wird die Freigabe von bereits geplanten Mitteln für die Kulturszene durchgesetzt. Dann erhält Nils Burchartz vom Vorstand „Wir gestalten Dresden“ fünf Minuten Rederecht. Und er betont noch einmal, was nach dreieinhalb Monaten Corona wohl in Vergessenheit geriet: Sofort nach dem Lockdown, also Mitte März (!) rappelte sich die Dresdner Club- und Kreativszene auf und wurde aktiv – bis Ende Juni wurden so in vielfältigen Aktionen und Kampagnen über 150.000 Euro eingesammelt. Burchartz machte auch klar, dass er den „Kulturinseln“ Erfolg wünscht, aber er schildert auch die Enttäuschung über fehlende Kommunikation und die Wege der Finanzierung zu Lasten der Kreativszene und warnt vor dem „Sterben der kreativwirtschaftlichen Nahrungskette“.

Und dann kam SPD-Stadtrat Richard Kaniewski mit einem Änderungsantrag um die Ecke, ein Zusatz zum Kulturinsel-Antrag, der das Ziel verfolgte, parallel zu den Islands weitere Träger in der Stadt zu unterstützen, wobei es hier weder um Shopping und noch weniger um Tourismus geht – quasi eine Idee auf der Basis vom „Dresdner Kultursommer“. Dafür sollen weitere 500.000 Euro in die Hand genommen werden. „Kultur ist nicht nur ein Vehikel, um die Wirtschaft anzustoßen Kultur ist auch eigenständig hilfreich“, ruft Kaniewski in den Saal. Da ist wohl selbst den anwesenden Gästen um Nils Burchartz die Kinnlade runtergeklappt, denn als dieser sprach, wusste er von dem Antrag noch nichts. Der Oberbürgermeister, der sich ob der Kritik am Zustandekommen des Kulturinsel-Antrages auch mal angefressen zeigte, hört dem äußerlich gleichmütig zu. Die CDU ringt mit sich und will nur zustimmen, wenn die Stadtverwaltung vor der Abstimnung zusagt, danach keinen Einspruch einzulegen. Finanzbürgermeister Peter Lames verkündet kurz trocken, das Geld wäre da, es wird keinen Einspruch geben. Es macht später die nicht bestätigte Episode die Runde, er hätte kurz nachgerechnet, wieviel die Stadt aufgrund der Kurzarbeitsregeln eingespart hätte.

Die AfD will nun aber zuerst über den Kulturinsel-Antrag ohne die Änderung abstimmen, bekommt aber keine Mehrheit. Danach geht der Antrag mit der SPD-Änderung Punkt für Punkt durch. Was für ein Move! Die Kulturinseln wurden beschlossen und dazu ein weiteres Projekt, das Kreativwirtschaft, geförderte Einrichtungen, freie Träger und privatwirtschaftliche Kultur im ganzen Stadtgebiet einbezieht. So kann es gehen, wenn es einen wirklichen Wettbewerb der Ideen gibt. Am Ende haben viele gewonnen. Vor allem aber können viel mehr Künstlerinnen und Künstler, Bands, Ensembles auftreten, dürfen mehr Tonleute an Knöpfen drehen und Lichtmenschen ausleuchten. In den nächsten Tagen wird es dann News geben zum Programm der Kreativwirtschaft.

Etwas merkwürdig mutete bei der Eröffnung auf dem Altmarkt an, dass der Eindruck erweckt wurde, mit den Kulturinseln kehre die Bühnenkunst überhaupt erst in die Stadt zurück. Deshalb muss man unbedingt jene erwähnen, die schon längst wieder spielen – mit hohem Risiko und unter Corona-Bedingungen: die Comödie im Schloss Übigau, das Sommertheater im Bärenzwinger, das Programm „Mit Abstand das Beste“ in der Jungen Garde, die Theaterruine St. Pauli, der FriedrichstaTTpalast, das Projekttheater, das Societaetstheater, die Herkuleskeule, fast alle Kinos plus die Filmnächte und noch einige mehr. Wenigstens die Junge Garde hat einen kleinen Zuschuss bekommen, denn das Areal für maximal 999 Menschen zu bespielen ist genauso teuer als wären 5.000 drin.

Und sonst so? Die Sperrstunde ist abgeschafft! Yeah, Stadtrat, mehr davon!
Uwe Stuhrberg

Dresdner Kulturinseln 18. Juli bis 5. September 2020, jeweils donnerstags bis samstags von 13 bis 19 Uhr an zwölf Orten in der Stadt
Alle Termine finden sich aktuell unter www.cybersax.de
www.visit-dresden.travel/kulturinseln